Januar 8, 2009

Der erste Arbeitstag

08.01.2008

Als ich gestern zur Arbeit ging, war ich fast so aufgeregt, wie an meinem allerersten Arbeitstag vor einem Jahr. Spätestens mit dem Wiedereinstieg in die Arbeitswelt beginnt das neue Jahr unwiderruflich.

Die Zeit der Feiertage ist vorbei. Jetzt wird wieder gearbeitet. Mit dem Anschluss an die Arbeitswelt ist auch der Anschluss an die „Welt“ oder besser an die „Weltnachrichten“ schlechthin vollzogen.

Da ist einerseits die kleinste Welt, die im eigenen Zimmer, dann kommt die etwas größere, vor der Türe und dann die des Büros und dann kommt die noch größere Welt mit all dem, was an Nachrichten angespült wird, all das, was man selbst und was die Kollegen aufschnappen und erneut in Umlauf bringen.

Ein Kollege bemerkte bezüglich des Gasstreites, dass es schon geringere Anreize gegeben hätte, einen Krieg auszulösen. Unser Büro wird mit einer Gasheizung beheizt.

Wir sprachen über das, was wir in den Nachrichten aufgeschnappt hatten und das, was wir uns dazu dachten. Kopfschütteln und Ratlosigkeit und Weiterarbeiten stehen am Ende solcher Gespräche. Noch sitzen wir im Warmen.

Ich öffnete die Post, die sich im Laufe von zwei Wochen angesammelt hatte. Ein Berg an Post, den ich erst mal auf einen Stuhl ablegte, damit ich an meinen Schreibtisch herankomme, an die Tastatur, das Mauswerk und an einen freien Blick auf den Bildschirm.

Ich habe einfach erst einmal alles weggeschaufelt und einen Beschluss gefasst, womit ich beginnen würde.

In der Post befand sich auch der Brief eines Kollegen, der uns die Geburt seiner Tochter mitteilte und auch, dass das Kind behindert sei.

Ich lese den Brief, bin einfach nur betroffen und hilflos.

Eine andere Kollegin teilt mir mit, dass sie Anfang des nächsten Monats das Büro verlassen wird. Irgendwie auch traurig und fordert ebenfalls zu mehr Offenheit auf, für all die Dinge, die geschehen.

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist groß. Die Angst vor dem Neuen auch. Offenheit für das, was kommt ist absolut notwendig. Vieles wird sich ändern. Das kling so banal. Wenn es zur Erfahrung wird, ist es etwas anderes. Ich bin kein besonders aufgeschlossener Mensch.

Unterschwellig wirken auch die Nachrichten vom Krieg im Gazastreifen. Schon auf der Fahrt zur Arbeit schnappte ich Bilder auf, die in einem Geschäft für Fernsehapparate x-fach über den Bildschirm flimmerten: Menschen, die andere, verletzte und getötete Menschen auf den Armen tragen. Piéta. Bombenblitzen. Rauchwolken. Einstürzende Gebäude. Im Radio die Stimmen derer, die vollkommen fassungslos von der Erfahrung des grundlos und rücksichtslos Abgeschlachtetwerdens berichten, während ich in meinem Zimmer den Fußboden wische und mich vielleicht sogar darüber aufrege, dass der Staub nicht vom Fußboden geschluckt wird.

Ich erwische mich beim denken und … es ist einfach absurd. Was ich mir da zusammendenke. Gedanken als Folge von etwas, Gedanken als Auslöser von etwas.

Ich packe die Post aus. Da ist nicht nur die Familie mit dem behinderten Kind, da sind auch die ganzen Firmen, die vollkommen unaufgefordert ihre hochwertigen Prospekte, Mappen, Muster und ähnliches in einfacher, zweifacher oder gar dreifacher Ausführung schicken. Manche Firmen sind größer und werben aggressiver bis an den Rand der Unverschämtheit, andere sind geradezu rührend, in ihrer Art auf sich aufmerksam zu machen und um im Wettbewerb bestehen zu können.

Innerhalb von einer Stunde habe ich ca. zehn Werbeanrufe mehr oder minder abschlägig beantwortet. Kaffemaschinenaufsteller, Wassermaschinenaufsteller, Zeitungsvertreter, Verkäufer über Verkäufer, die sich täglich durchtelefonieren, Namen, Ansprechpartner, Projekte und Termine abfragen. Könnten Sie bitte ihren Namen buchstabieren und mein Name ist lang… sehr lang und wird überhaupt nicht geschrieben, wie man es glaubt.

Sie fragen meinen Namen Buchstaben für Buchstaben ab, damit sie wissen, mit wem sie gesprochen haben.

Alles Menschen, die ihre Arbeit tun. Wie ich auch.

Januar 8, 2009

Schlittschuhlaufen

Mit der Bitte um Beachtung des Kommentars! Der Staffelsee war / ist wohl viel gefährlicher als gedacht!!!

Um den aktuellen Zustand des Eises zu erfahren bitte unbedingt bei der Wasserwacht, der Feuerwehr oder der Polizei nachfragen:

Hier auch eine Homepageadresse: http://www.wasserwacht-seehausen.de

07.01.2008

Gestern bin ich mit einer Freundin zum Schlittschuhlaufen gefahren. Erst an den Kirchsee. Da gefiel ihr weder das Wetter (vollkommen bedeckter Himmel), noch das Eis (viel zu rauh).

Dann sind wir zum Staffelsee gefahren. Dort war immernoch bedeckter Himmel, aber das Eis war so gut und die Aussichten beim Fahren über den See so wunderbar, dass wir den fehlenden Sonnenschein vergessen haben und zwei Stunden lang Schlittschuh gefahren sind. So lange, wie es ging. So lange bis es dunkel wurde.

Ich hatte beim Fahren ein Gefühl wie Gunda Niemann, die Eisschnellläuferin. Diese regelmäßigen, ruhigen Laufbewegungen mit einem tiefen Atem und dabei so richtig schnell über das Eis gleiten.

Auf einem großen Natursee zu fahren ist nicht vergleichbar mit den Runden in einem Eisstadion. Teilweise waren wir völlig allein unterwegs. So riesig war die Fläche, die uns zur Verfügung stand.

Wird das Eis halten? Die Wasserwacht war schon mit einem großen Schlittenfahrzeug und einem Enterhaken unterwegs. Sie haben das Eis getestet. Im Eis waren an zwei Stellen Fahrrinnen von Fährbooten, die noch bis zu einer Eisdicke von 4 cm übersetzen. Diese Fahrrinnen haben wir gemieden.

Ansonsten war die Eisdecke dicht. An den Ufern krabbelte die aufgequollene Eisdecke hoch. Nichts hat geknarzt. Man hörte nur das Glucksen zwischen Eisdecke und See, ein unheimliches und schönes Geräusch. Man konnte es aus etwas Entfernung unter den Kufen eines jeden Eisläufers hören.

Abgebrannte Feuerwerksraketen waren mitsamt Stiel ein der Eisdecke festgefrohren. Vereinzelt sah man auch Hasen- und Vogeltrittspuren in der Eisdecke und dunkle Schlaglöcher, die zugefrohren aussahen, wie von einem Stein zerschmissene Fensterscheiben. Auf der einen Seite der Insel war das Eis glatter, als auf der anderen.

Meine Freundin und ich sind mit einem Gefühl auf den See rausgefahren, als wären wir die einzigen Menschen, Forscher, Explorer, Amundsen und Scott. Trotzdem: Wir haben uns an bereits bestehenden Spuren orientiert und am Anfang sind wir immer so gefahren, dass noch jemand in Sichtweite vor uns her gefahren ist oder dass wir in Sichtweite von anderen Leuten waren, „falls doch irgendetwas ist…“

Es ist ein unglaubliches Gefühl auf und inmitten eines riesigen Sees zu stehen. Auf dem Wasser laufen… das ist der Traum gleich nach dem Fliegen.

Die Spuren waren von Leuten gemacht worden, die sich mit den Zufrier-Eigenschaften des Sees auskannten. Von einem Mann aus der Gegend hatten wir uns aufklären lassen: Nicht zu nahe an die Bootsfahrrinnen und nicht quer über den See laufen und dort wo Schlittschuhspuren sind, trägt das Eis auch. So hatten wir genug Faustregeln.

Meine Freundin wollte in der Nähe des Ufers fahren. Ich habe es geliebt, mitten über den See und direkt auf die Berge zu zufahren. Ein Gefühl von Grenzenlosigkeit. So eine geschlossene Eisdecke hat etwas Wüstenhaftes.

Es war so eisig, dass mir die Hände und die Füße fast eingefrohren sind. Aber die Begeisterung hat uns nach einer Weile Eislaufen wieder eingeheizt. Die war einfach stärker als die Kälte und der schneidende Wind, der uns beim Zurückfahren entgegenschlug.

Wir sind schließlich halb um die große Insel herumgefahren. Da haben wir allerdings drei Jungs, ein Trio von Hockeyspielern mit Schlägern, vorfahren lassen.

Am Ufer das Schilf, in der Ferne im grauen bis anthrazitfarbigen Himmel die Bergkulissen und vor uns immer die Weite des Sees und die Inseln.

Januar 7, 2009

Verlautbarung des Vatikan

In der Ausgabe vom 05.01.2009 stand eine wirklich interessante Nachricht in der tz, München, zu lesen:

Der Vatikan ließ verlautbaren, dass die Ausscheidungen von Frauen, die die Pille nehmen, derart hormonbelastet seien, dass dadurch auch die Zeugungsfähigkeit der Männer über den Umweg der Nahrungskette zunehmend in Mitleidenschaft gezogen sei.

Mein Freund war begeistert: „So macht mir der Vatikan wieder Freude. So muss es sein!“

Januar 6, 2009

Wir hören eine Schallplatte

06.01.2008

Vor zwei Tagen, da habe ich abends neben ihm gesessen. Auf der Couch. Wir haben zusammen eine Schallplatte angehört. Gedichte von Hubert Fichte, von ihm selbst vorgetragen und Musikstücke einer Liverpooler Band. Eine Aufnahme aus den 60er Jahren aus dem „Starclub“ an der Reeperbahn in Hamburg.

Hubert Fichte liest. Seine Stimme ist sehr seriös. Seine Worte geschliffen. Seine Beobachtungen so schnell hintereinander, dass ich ihm nicht immer folgen kann. Seine Art, die Worte zu setzen und zu verknüpfen wie eine Schraube, die reingeschraubt wird und währenddessen fliegen Metallspäne – seine Worte, seine Gedichte.

Der Sinn der Gedichte nicht immer klar, sondern schwebend, zwischen ihm und seinem Publikum, das immer wieder auflacht.

Eine andere Zeit. Eine Schallplatte. Eine Schallplattenaufnahme. Live. 60er Jahre. Starclub. Weit weg davon sitzen wir auf dem braunen Ledersofa und hören zu. Er versteht mehr als ich. Er ist einfach schneller. Ich hocke mehr als das ich sitze. Kauere auf der Lehne.

Hubert Fichte, wer ist das? Ich weiß nur, dass er auch nach Südamerika gegangen ist und dass er schwul war. Wie auch ein Fotograf, der nach Südamerika gegangen ist und dort etwas über Voodoo erfahren hat, die mit den weißen Pünktchen fotografiert hat und die Opfertäubchen und die weiß Kostümierten und viele, wunderschöne junge Männer.

Hubert Fichte war ebenfalls dort. In Brasilien?

Er liest von der Gischt, die am Rande eines Schuhs verläuft, der nass geworden und wieder aufgetrocknet ist. Er persifliert die Jungendsprache von damals. Dufte. Lass mal einen rüber. Lass mal einen durch. Wir überlegen, was das wohl genau geheißen hat. Ich sage, vielleicht hat es all das geheißen, was wir uns dazu denken.

Viele Worte habe ich mir nicht gemerkt. Er liest schnell. Manche gibt es jetzt auch noch und manche würden auf der Stelle schick, angesagt, würde man Fichte nun hören. Als Beatpoeten in einem Beatclub. Die Schallplatte hat ein Pink-Schwarz-Weisses Cover. Ein Foto des Dichters. pinke Ränder, ein schwarzer Schriftzug und jede Menge Text auf der Rückseite und der Stolz der Produzenten ist spürbar und auch, dass es eine besondere Schallplatte ist. Edition „Twens“.

Fichte liest. Die Liverpooler schrammeln. Trockener Wohnzimmer- oder Garagensound. Unschick für heutige Verhältnisse. Viel zu trocken. Viel zu nahe dran. Viel zu kernig und ohne Schmuh und Saft. Ohne Weichspüler oder sonstige Effekte.

Ich sitze auf der Lehne des Sofas und blicke zum Fenster. Dort stehen lauter hoch gewachsene Kakteenpflanzen. „Ist doch wie im Botanischen Garten“, hat er einige Stunden zuvor zu mir gesagt. Die großen bekommen nun jede Menge kleine Ableger. Winzige stachelige Kugelchen. Die Kinderstube der Kakteen ist putzig anzusehen. Noch ist Weihnachtszeit und er hat weisse, rhythmisch blinkende Sternkugeln vor das Fenster gehängt.

Fichte liest, seine Stimme nimmt den Raum ein und die Kugeln blinken gleichzeitig. Der Klang der Gedichte bestimmt den Rhythmus.

Ich gucke hin und her zwischen den Lämpchen am Verstärker, den Boxen, dem schwarzen Fernsehbildschirm, dem Ofen, in dem das Feuer brennt, den blinkenden Weihnachtslichtern am Fenster, die sich im Fenster spiegeln.

Fichte liest. Skandiert. Liest sich rein. Wühlt sich rein. Erneut in seine eigenen Texte. Ich verstehe nur Bahnhof, bleibe aber im Rhythmus des Eintauchens und habe meine eigenen Gedanken und Gefühle.

Habe, hüte sie zu Hauf und würde niemals darüber reden. Ich bin für mich. Habe Beatgedanken, die sich schlagen. Eigentlich müßten sich unter meiner Haut Beulen aufwölben, weil sich die Gedanken in mir schlagen und nach außen drängen. Ich habe mir verordnet still zu halten. Es ist ein Spuk.

Ich guck da hin und gucke auf die blinkenden Lichter und höre dem Dichter zu und dem Waschbrettgeschrammel der Liverpoolerband und er sitzt neben mir. Seine teuerste Platte meint er. Die ist auf dem Markt gesucht.

Solch eine Platte würde heute nicht mehr produziert. Oder nur für einen ganz kleinen Markt. Das wäre dann „independent“ und nur eine Hand voll Eingeweihter würde davon wissen. Früher wollte jeder zu dieser Hand voll Eingeweihter gehören und „man“ kannte jedes neu erscheinende Taschenbuch, jede neue Schallplatte und davor jene Schallplatten aus Amerika, die man am Rand abschneiden mußte, wenn man sie auf einem hiesigen Schallplattenspieler abspielen wollte. Und man war stolz, der Besitzer einer Platte, eines Taschenbuches gewesen zu sein und man ging ins Kino und man konnte mitreden und es waren Vertreter der eigenen Generation und der eigenen Wünsche, die sich da bemerkbar machten. Die Stars der späten 60er und 70er Jahre.

Fichte liest, der Raum klingt mit. Klingt engagiert. Klingt nach einem Publikum das offen war, das etwas vor und die Zukunft vor sich hatte. Alles sollte anders werden und hier wurden die Anfänge hörbar. Die Stimmung im Saal hätte nicht besser sein können.

Ich hocke wie ein Eichhörnchen auf der Lehne. Höre zu und schweife dann wieder ab. Sitze in der vertrauten Fremde. Er sitzt neben mir. Gut beobachtet, sagt er.

Wir haben zuvor das Zimmer umgeräumt, die Dinge neu angeordnet, nachdem sie aus dem Gleichgewicht gekommen waren, Platz gewonnen und wir sitzen da und hören eine Schallplatte.

Im Ofen brennt das Feuer. Durch die Sichtscheibe sehe ich die tanzenden Flammen. Draussen ist es schon längst dunkel und es ist kalt. Es ist frostiger Winter. Die Weihnachtskugellichter blinken im Rhythmus. Ich atme. Die Gedanken kämpfen unter meiner Haut, toben und ich beschließe sie dort zu belassen. Fichte liest.

Wann habe ich das letzte Mal einer Schallplatte gelauscht? Wunderland-Editionen. Mit Begeisterung und immer wieder. Dornschröschen, Schneeweißchen und Rosenrot und natürlich der Standhafte Zinnsolldat. Fichte liest. Ich denke an Winnetou II.

Januar 3, 2009

Der Traum von einer Vernissage

03.01.2009

In der Nacht habe ich von einer Vernissage geträumt. Eine Vernissage in der Galerie meiner Freundin, in der ich selbst auch schon einmal gearbeitet hatte.

Der Andrang zur Vernissage, noch vor der eigentlichen Eröffnung der Ausstellung war sehr groß. Die Leute, vornehme Leute und viele in schwarzen Pelzmänteln, konnten es etwa eine Stunde vor der eigentlichen Eröffnung gar nicht mehr erwarten, in die Galerieräume eingelassen zu werden.

Schließlich hatte es schon zwei Wochen lange keine Vernissage mehr gegeben und die Leute waren wie ausgehungert danach, junge, frische Kunst zu sehen. Sie drängelten sich zunehmend ungeduldig vor den Türen. Sie versuchten gierig einen Blick in das Innere der Galerieräume und auf die Exponate zu erhaschen.

Aus der Galerie leuchtete es orange-braun und verheißungsvoll heraus. Die Exponate hingen an der Wand. Es waren Gegenstandscollagen mit eingebauter Beleuchtung. Sie gaben ein sehr warmes und anheimelndes Licht von sich und es war somit eine Art „Gebrauchskunst“. Diese Kunstwerke konnte man als Wandleuchten gebrauchen.

Das Orange-Gelbe Licht der Wandobjekte kontrastierte mit dem Grün des Gartens, der hinter der Galerie lag und der sich durch große Fensterscheiben bemerkbar machte. Auch waren in der Galerie verspiegelte Wände und Wandschranktüren, die die Anlage des Raumes verunklärten und vergrößerten.

Die Leute, die sich da vor den Eingangstüren drängelten und nach einem Vorwand suchten, bevorzugt in die Galerie eingelassen zu werden, waren allesamt betuchte Kunstsammler. Das Galeriepersonal – sehr hübsche junge Damen, hochgewachsen und langbeinig, in Kostümen mit „etwas über Knie-langen-Röcken und dazu passenden Jacken – war darin geschult, auf höflichste Weise um Geduld zu bitten und darauf hinzuweisen, dass man bis zur Eröffnung der Räume warten müsse.

Doch die Kunstsammler erzeugten einen irren Streß. Sie konnten es überhaupt nicht erwarten. Fast begannen sie untereinander um ihre Wichtigkeit zu konkurrieren. Um in die Galerie reinzukommen, fragten sie nun nach den Toiletten.

Doch die Galerie hatte vorgesorgt und im Garten hinter der Galerie Toiletten aufstellen lassen. So musste niemand, der auf die Toilette wollte, die Galerieräume vorzeitig betreten. Es gab einen großen Spezialschlüssel für die Toiletten im Garten.

Auch ich mussste auf die Toilette und ich wusste, dass ich als ehemalige Mitarbeiterin auch nicht auf eine bevorzugte Behandlung zählen konnte und bekam den Schlüssel zur Gartentoilette und ich bekam den Hinweis, dass auch ich auf die Gartentoilette gehen müsse, da die Ausstellung noch nicht eröffnet sei.

Für die Kunstsammler war es sehr schwer, vor der Tür und in Warteposition gehalten zu werden. Sie erwarteten eigentlich und waren es gewohnt, dass normalerweise Galerist und Galeriepersonal auf der Stelle alles stehen und liegen lassen. So wünschten sie auch jetzt, auf der Stelle vorgelassen und exklusiv – vor allen anderen – behandelt zu werden.

Sie erwarteten etwas für ihr Geld, das sie auszugeben gedachten. Sie hatten Allüren wie verwöhnte Kinder. Sie wollten jeweils die ersten und die einzigen sein, die die Ausstellung zu sehen bekämen. Sie wollten „The show before the show“ sehen. Exclusiv und „per Du“ mit dem Galeristen. Sie wollten nicht mit dem „gemeinen“ Fußvolk verwechselt werden. Sie sind schließlich die wahren Chefs der Galeristen.

Ich fühlte mich so wie immer: als hätte ich mit all dem nichts zu tun.

Januar 2, 2009

Stadtmitte

03.01.2008
(überarbeitet / veröffentlicht 02.01.2009)

Heute bin ich in die Stadt gefahren. Zum Marienplatz, mitten ins Zentrum der Stadt. Vom Marienplatz werden alle Entfernungen von und nach München gemessen. Das Herz der Stadt. Der Mittelpunkt der Stadt. Der Platz, den jeder kennt und den niemand verfehlen kann. Nicht den Marienplatz und nicht den Fischbrunnen und nicht das Glockenspiel.

Hier ist es immer voll. Hier sind immer Menschen unterwegs. Hier trifft sich die Welt, hier ist das Rathaus und die Stadtinformation und ein Servicezentrum der Öffentlichen Verkehrsbetriebe.

Das Zentrum war immer schon das Zentrum. Seit Gründung der Stadt. Hier kreuzten sich die Salzstrassen. Die von Nord nach Süd und die von Ost nach West.

Den Platz hat es seit der Spätmittelalterlichen Stadtgründung immer gegeben. Er ist immer umbaut und selbst unbebaut geblieben.

Hier versammeln sich jeden Tag hunderte von Menschen, um dem Glockenspiel zuzusehen und es anzuhören, wenn es zur Mittagszeit den Schäfflertanz seiner bunt gekleideten Puppen zeigt.

Sommers wie Winters strömen hier Menschen in alle Richtungen zusammen und auseinander. Strömen mehr, als das man Einzelmenschen ausmachen könnte. Manchmal begegnen einem ganze Reisegruppen, die von amerikanischen oder japanischen Stadtkundigen geführt werden. Es begegnen einem italienische Familien auf Einkaufsurlaub. Es begegnen einem Damen in Pelzmänteln mit Tüten und kleinen Möpsen oder anderen Hunden. Es begegenen einem Kids und Girlies, die ihren ersten BH erstanden haben oder auch den zweiten oder dritten. Die mit den Zahnspangen.

Rund um den Marienplatz sind alle Geschäftsstrassen angelagert, alle Achsen. Hier sind auch das alte Rathaus, das Spielzeugmuseum, die Bürstenmacher, der Weg zum Viktualienmarkt, die Gasse an der ein Metzger neben dem anderen seinen Laden hat, weil hier ursprünglich auch der Schlachthof war, der dann später „vor die Tore der Stadt“ verlegt worden ist.

Am Marienplatz ist auch der grösste Buchladen der Stadt, den es gleich mehrfach gibt. Hugendubel ist in München ein Synonym für Buchladen. Wenn man nicht der Liebhaber oder die Liebhaberin eines bestimmten Buchladens ist, dann geht man eben zum Hugendubel.

Vom Erdgeschoss bis in den fünften Stock stapeln sich hier die Bücher in Regalen, die vom Fussboden bis zur Decke reichen. Hinzukommen Tische und Stellagen, die einzelne Bücher ganz besonders herausstellen.

Hier gibt es alle Abteilungen: Von der Belletristik zur Lebensberatung, von der Psychologie zu weltanschaulichen Themen, vom Kochbuch zum Gesundheitsratgeber, Reiseliteratur, Fachliteratur. Alles. Alles. Und natürlich die Bestseller, die Neuerscheinungen, die Taschenbücher, die Schmöker und die Zusatzwaren, vom Kalender bis hin zur Gymnastik- oder Meditations-DVD.

Rolltreppen führen von Stockwerk zu Stockwerk und manchmal muss man quer durch eine Etage hindurchgehen, um von einer Rolltreppe zur nächsten zu kommen. In den Zwischengeschossen gibt es jeweils Sitzinseln, wo sich die Menschen mit den von ihnen ausgewählten Büchern hinsetzen können und schmökern.

Beim Hugendubel ist es nicht wie in den Zeitschriftenläden, wo vorne dransteht, dass man die Zeitungen erst kaufen müsse, bevor man in ihnen liest, nein, hier ist es erlaubt und wird sogar durch die Lesegeschosse gefördert, dass man sich in aller Ruhe, zeitlich unbegrenzt mit seinen Büchern in die roten Kunstledersofas flacken kann und einfach nur lesen.

Ich glaube, es gibt auch viele Menschen beim Hugendubel, die es lieben, sich einfach nur aufzuhalten und zu lesen. Manche nutzen es als eine Bibliothek, andere als Wärmestube oder Kontaktbörse.

Der Kontakt zu Büchern schafft irgendwie auch Kontakt. Schon allein durch die Wahl des Buches. Bücher machen die Welt verfügbar, zeigen dem Menschen, wer sie sind und wofür sie sich interessieren, was sie anzieht und wo sie hinmöchten.

Manchmal reicht es, die Überschriften zu lesen und die Titelbilder anzusehen, um im Spiegel der Buchdeckel seine Sehnsüchte benannt und bebildert zu sehen.

Mit Sicherheit. Hier kann man sich völlig ungestört und ohne schlechtes Gewissen einen Überblick über die jeweils aktuell gehandelten Bücher verschaffen. Man bekommt ein Gefühl dafür, was „läuft“ und was nicht. Man bekommt ein Gefühl für Themen, die die Gesellschaft beschäftigen.

Ich bekomme so einen Fantasy-, Buddhismus-, Wellness-, Sehnsucht nach einem besseren Leben Geschmack in den Mund. Und den Geschmack geschmackvoller Geschenke und eines gepflegten und zivilisierten und eines wohlorganisierten Lebens.

Die Bücher hier sind kein Abenteuer. Sie spiegeln die Sicherheits- und Geborgenheitsbedürfnisse einer Gesellschaft, die von Angst und Sehnsucht besessen ist.

Auch gibt es Postkarten, auf denen es darum geht, so etwas wie ein buntes, liebenswürdiges Leben an jemand anderen, an den Beschenkten zu vermitteln.

Da war eine Postkarte mit lauter gezeichneten Katzen drauf. Eine buckelte. Eine zeigte sich von hinten. Eine lag verschmust und auf Zärtlichkeiten wartend auf dem Rücken. Eine guckt hin. Eine andere guckt weg. Eine flirtet. Eine war rot, die anderen gelb, grün und blau. Manche hatten Punkte, andere hatten Streifen.

Eine Karte auf die der Mensch auf der Jagd nach dem Kindchenschema abfährt. Das ist bunt. Das ist lustig. Das ist süss. Da sind keine Probleme und auch keine echte Schönheit drin. Da ist keine erschlagende und auch keine machtvolle Fantasie dahinter. Da ist auch keine Kunst dabei. Nur bunte Farben, hübsche Motive und Goldränder, die die Karte noch ein wenig edler machen, aufwerten und geldwert machen.

Die Karte ist sofort verständlich, zum sofortigen Verzehr geeignet. Man sieht sie, schreit: „Ach, wie süss… das schenke ich meiner Ma, die steht doch so auf Katzen, die hat ausserdem eh in vier Monaten Geburtstag, da habe ich schon einmal eine passende Karte…“

Und so geht es weiter. Die perfekte Gastgeberin. Wie helfe ich mir selbst und wie helfe ich mir am Arbeitsplatz und wie helfe ich mir bei chronischen Darmleiden und wie helfe ich meinem Kind und meinem Partner und wie geht der heißeste Sex – für Männer und Frauen getrennt verlegt – für jeden das passende Buch und was sagt der Dalai Lama zu all dem und über den Hape Kerkeling auf seiner Jakobspilgerreise, über den bin ich ja fast drübergefallen.

Der steht direkt am Treppenabsatz zu mindestens 68 Exemplaren gestapelt. Das soll ja ein ganz amusantes, authentisches Buch sein und das soll richtig Spass machen, das zu lesen. Ganz bestimmt. Weil ich ja immer gegen „Massenerscheinungen“ bin, habe ich mich um den Hape Kerkeling bislang gar nicht gekümmert, aber weil sich jemand um mich gekümmert hat, habe ich das Buch zum Geburtstag geschenkt bekommen und wenn es nun schon einmal da ist, dann werde ich es auch lesen.

Jamie Oliver ist der Star unter den Kochbuchautoren. Mach’ es wie Jamie und Du hast in der Küche keine Probleme mehr. Es gibt viele Jamie Bücher. Er scheint die Kochrezepte und die Bücher nur so auf den Markt zu spucken. Und meine Vorurteile zu befeuern.

Im Hugendubel findet man die Ergänzungen zur Tagespresse, die Ergänzung zur Schlagzeile und zur kleineren Schlagzeile. Die Bildung zu den Nachrichten, die Hintergründe und Fakten, Fakten, Fakten-Bücher. In Ergänzung zum Zeitschriftenmarkt.

Man findet Bücher über und von den Leuten, über die man spricht. Von den Memoiren der Kesslerzwillinge bis hin zu den Aufzeichnungen eines Kunstdiebes…

Und jetzt auch ganze 4 Kilogramm Michelangelo vollkommen neu überarbeitet… Michelangelo für alle. Ein ganz wunderbares Buch. Elke Heidenreich liebt es auch schon und sie hat es ihren Lesern empfohlen.

Das habe ich so nebenbei mitbekommen. Allein schon wegen der grossen, auf- und ausklappbaren Bildtafeln, die das Buch auch für Illiteraten äußerst interessant macht.

Natürlich gibt es auch die buchnahen Jahreskalender, die nun schon für ein paar Prozent weniger zu haben sind. Die wunderbaren Riesenkalender mit Pferden, Bauwerken, Landschaften, Schmetterlingen, Autos und anderem.

Und wen das nicht interessiert, der kann die Erfolgsgeschichte von Steve Jobs lesen – ein Taschenbuch gefasst im dezenten und bewährten Applegrau.

Überall sind viele Menschen unterwegs und es ist auch interessant zu beobachten, wo sie sich zu ganzen Trauben zusammenballen. Lebensberatung à la „Simplify your life“ bis hin zum alleraktuellsten Reiseführer…

Na und wieder die Kochbücher. Die sind und bleiben einfach hochaktuell.

Ich bin in das oberste Stockwerk gefahren, musste also durch alle Abteilungen durch. Ich wollte eine Freundin im Café treffen.

Januar 2, 2009

Der Anti-Spaziergang

Heute fielen mir meine Aufzeichnungen zum Neujahrstag im vergangenen Jahr ein – hier ist ein Abschnitt daraus – der „Anti-Spaziergang“:

….zurück zu meinem Abendspaziergang:

Es war der reinste Anti-Spaziergang und widersprach allen gängigen Vorstellungen darüber, wie ein Spaziergang eigentlich zu sein hat.

Es war kein Spaziergang am Sonntag Nachmittag bei Sonnenschein, mit Freunden oder Familie durch den Park, sondern es war ein Spaziergang allein und im übernächtigten Zustand.

Ich war mit der „falschen“ S-Bahn gefahren und landete in einer völlig spazieruntauglichen Gegend.

Die nächste S-Bahn erst in 10 Minuten. Eine Ewigkeit in der Kälte und an einer zugigen Station, an der es nur wenig zu sehen gibt:

Standflächen, viel zu kalte Sitzbänke zwischen nackten, dunkelgraulackierten, beschmierten Metallwänden, dunkle verpisste Ecken und Zigarettenkippen zum Nachzählen, das Gleisbett, keine Maus und die von dürrem Gras und erfrohrenem Unkraut bewachsenen Bahnsteigränder.

Nichts zum Festhalten, nichts zum Hinwollen. Tote Mücken klebten auf der Glasscheibe des Zuganzeigers. Die Graffittis unleserlich, die Mülltonnen leer, keine Werbung.

Ich beschloss, nicht zu warten und verließ den Bahnsteig.

Die Gegend wie der Bahnsteig: Gnadenlos, trostlos. Hochmoderne, sterile Firmengebäude. Weiss, glatt, langweilig, klotzförmig, leer, übermächtig aufragend und dunkle Fensterscheiben. Moby Dick immobil. Gegenüber der Friedhof, zur Unterscheidung von einer hohen Mauer gesichert.

Dann: Eine ziemlich breite Straße, dunkelgrau und feucht. Etwas Rauhreif glitzert auf der Fahrbahn. Verkehr war um diese Zeit keiner. Die Ampeln leuchteten so vor sich hin. Ampelballett vor schiefen Straßenschildern. Die orangerote Straßenbeleuchtung an überhöhten Stengeln verbreitet etwas Wärme.

Ich sah das eisern zugezogene, vergitterte Eingangstor eines Riesenunternehmens. Ein Stab nach dem anderen, Stab für Stab. Am Anfang und am Ende hocken Warnlampen wie Wächter auf Betonpfeilern.

Normalerweise, zu normalen Zeiten arbeiten hier viele Menschen.

Ich sah die dunklen, verrußten Baumstämme kahler Bäume aufgereiht an Fahrbahnrändern. Hinter den Wipfeln, auf dem Dach eines Großmarktes spiegelverkehrte Leuchtbuchstaben.

Endlich auch wieder Spuren der Zivilisation, endlich ein Wohngebiet:

Schneereste, Schotter, leere Flaschen, Plastiksektkelche und Scherben. An der Kreuzung glänzende Kartonnagen von Systemfeuerwerken.

Darauf noch mehr Zivilisation gedruckt: Luftschlangen, Sektkelche, gesellige Runden, lachende Gesichter, der Moment des Anstoßens und natürlich die aus allem wie ein Phönix aufflammende Zahl des neuen Jahres 2008.

Silbrig und plattgetreten die Heuler, kleine orangerote Plastiktüllen, zerbrochene Holzstäbe, Cellophanpapiere und die verkokelten Reste kordelumwickelter Knallfrösche.

Eigentlich sah es so aus, als wären die feiernden Menschen erst seit drei Minuten weg.

Neujahr und ich tat sozusagen etwas Neues: hier in dieser Gegend bin ich wirklich noch nie gewesen.

Januar 1, 2009

Neujahr

01.01.2008

Welche Freude, als ich beim Hinausschauen sah, dass das Neue Jahr mit Schnee beginnt. Das alte Jahr, der Schwefelgeruch und die zerfledderten Reste der Sylvesterraketen sind nun unter einer weissen Schneedecke begraben.

Meine Kleidung von gestern hänge ich zum Auslüften auf dem Balkon. Ein Mobile wie früher im Kinderzimmer: Der rubinrote Rock baumelt und leuchtet wie eine umgedrehte Blüte vor schneebedeckten Dächern. Der schwarze, lange Mantel baumelt behäbig am dicken Holzbügel wie ein Großvezier und die Spitzenstrümpfe liegen wie abgelegte Schlangenhäute selbstvergessen über dem Hocker.

Der Schnee lockt mich raus und an die frische Luft und das „Schneeweiss“ ist reine Wonne, ein guter Beginn, Tabula rasa für alles was war, ein Neuanfang oder ein Neuanfang, wie er eigentlich in jeder Sekunde möglich ist.

Umschwenken, loslassen, etwas anderes machen, etwas anderes denken. Ganz neu sein. Weisse Schneedecke und Stille. Und Bilder von Schneezipfeln, Schneerändern und Schneemützen.

Manches guckt unter der Decke noch hervor, wie Kinder, die nicht schlafen wollen, anderes formt sich verheißungsvoll ab wie für ein Ratespiel und vieles verschwindet ganz.

Die Luft ist sauber. Meine Gedanken sind sauber. Und ich freu mich, das zu sehen, den Schnee fallen zu hören, den Klang im inneren Ohr und beim atmen Dampf auszustoßen wie eine alte Lokomotive.

Die Kälte kalt aber nicht spitz und schneidend: Der Schnee ist weich. Der Schnee ist Erbarmen mit der Erde. Der Schnee ist Festtagsgewand. Aufgeräumt und geputzt werden muss ohnehin und früh genug.

Die Schritte sind leise oder sind knirschend. Die Spuren immer frisch. Eindruck und Ausdruck. Spuren einmal sichtbar und nicht für immer verloren wie auf dem blanken, grauen Bürgersteig des so genannten Alltags.

Abdrücke hinterlassen und den Abdrücken der anderen folgen. Linien ziehen, solange es möglich ist.

Es lockt und zieht mich in den Park. Auch hin zum fließenden Wasser.

Ich sehe immerzu die Isar und die Bäume und die Wiesen und die schmalen Wege. Das Isarwasser dunkel und kalt, die Wirbel darin und die Strömung, die klaren kleinen Wellenkämme, Tropfen, Eisnasen- und zapfen. Das Wasser vielleicht sogar dampfend. Moos an den Säumen und Rändern des Flußbettes.

Bewegung und Stille und Zurückbiegen der Äste. Knacken und Gefrieren.

Ich klinke mich ein in diese Bilder und verschwinde für einen Augenblick darin.

Bin ganz Neujahr zwischen Hoffnungen und Kater.

Dezember 31, 2008

Kleiner Jahresrückblick

31.12.2008

Der letzte Tag eines Jahres. Einige Leute, die Karten zu Sylvester geschrieben haben, haben darauf vermerkt: „Es war ein spannendes und ereignisreiches Jahr.“

Das sagt man dann so. Besonders das Wort „spannend“ wird gerne gebraucht. Ich weiß auch gar nicht, was sich dahinter verbirgt. War es schrecklich? Gab es Situationen, deren Ergebnisse über lange Zeit offen waren? Haben diejenigen dann lange gewartet, bis man ihnen die Lösung verraten hat?

Ich empfinde „spannend“ lediglich als ein blödes Modewort – zumindest in dem erwähnten Zusammenhang. Es ist irgendwie neudeutsch und besagt ebensowenig wie ereignisreich. Vor allem sagt einem ja keiner, warum es so spannend oder ereignisreich war, nur dass es so spannend war.

Man könnte ja auch sagen: „Es war eine spannende Geburt.“ Ja, ist das Baby nun auf die Welt gekommen oder nicht? Warten wir noch drauf oder nicht? Kommt es oder kommt es nicht?

Ereignisreich ist nicht viel bessser. Nach ungefähr 356 Tagen à 24 Stunden sollte man meinen, dass da einiges passiert ist. Immerhin waren die Zeitungen jeden Tag voll, auch wenn es Tage gegeben haben soll, in denen es nicht so einfach war, sie voll zu bekommen. Habe ich mir von Zeitungsprofis sagen lassen. Das soll übrigens ca. ab November so gewesen sein.

Das bedeutungsschwangere Wort „Finanzkrise“, das über uns kreist wie ein Geier, der darauf wartet, dass seine Beute nun endlich aufgibt und stirbt, das kann ja wohl auch niemand mehr hören. Jedenfalls ist die Stimmung so und ich höre öfter wie Leute das auf der Straße oder in der Trambahn sagen. „Ich kann es nicht mehr hören.“

Mittlerweile spricht es sich schon herum, dass man Dinge durch möglichst häufigen Gebrauch der entsprechenden Wörter „herbeireden“ kann.

Die ersten dieses Jahr Crashnachrichten erreichten mich, als ich mitten im Urlaub, im kleinen Wohnwagen, direkt am Meer saß. Mit meinem Freund. Und wir guckten auf den winzigen Bildschirm, den wir oben auf dem Regal über unserem Bett postiert hatten.

Und wir guckten dann ungläubig zu, wie alles crashte und fiel. Die einzigen Gäste, die außer uns auf dem Campingplatz waren und direkt neben uns mit ihrem nagelneuen, schönen Wohnmobil standen, die wußten auch sofort hinzuzufügen, dass es – kaum crashte es – bereits Kurzarbeit bei den Autobauern gab.

„Schrecklich“ sagten sie und hingen wie wir an den Nachrichten, gingen aber dann – auch wie wir – wieder mit ihrem Gummiboot zum fischen oder setzten sich auf die Felsen und hofften, dass ein Fisch anbeissen würde. Die wollten am Ende der Ferien gar nicht mehr nach Hause fahren.

Leute, die schon vorher etwas von den Finanzmärkten wussten, die sagten, dass sie es hätten kommen sehen und die anderen, die ihr Geld ganz real verdient haben durch stundenweise abgerechnete Arbeit oder pauschale Honorare für ausgehandelte Dienstleistungen, die kannten sich mit diesem doppelten Finanzboden gar nicht aus.

Ich habe mit Börsen, Aktien, mit fiktiven Papieren nichts zu tun. Ich verstehe so etwas auch nicht. Ein Eis zu 10 und Du darfst gehen… Ein Kinderreim, aber so etwas verstehe ich. Geld als Gegenwert für reale Güter und für real geleistete Arbeit. Was soll da schief gehen?

Wie kann man sich etwas anderes aufschwätzen lassen? Häuser zu bauen ohne einen Pfennig Geld zum Beispiel. Oder Geld in hohem Ausmaß ausgeben, das man nicht hat. Aber gut. Diese Welt ist eben spannend …

Jawohl spannend und da gibt es eben auch Dinge, die abenteuerlich sind und nicht so langweilig, wie ich es rechtmeindend als richtig empfinde. Ich habe auch damals das Rumgetue an den Börsen nicht verstanden: Plötzlich hat jeder Depp Aktien an der Börse gekauft und ist jedes Unternehmen an die Börse gegangen.

Ich habe es in der Filmbranche mitbekommen: Da haben sich viele Produktionen bzw. Medienunternehmen einschätzen lassen, aufgeblasen und sind dann mit viel TamTam an die Börse gegangen.

Und dann das Problem: Ein Unternehmen ist nicht das wert, was es geleistet hat oder leistet, sondern es ist seine Ideen wert… Das war ja das Allerschärfste. All die realen Verdienste waren gar nicht das entscheidende, sondern die heiße Luft und erfolgversprechende Zukunftsprojekte, von denen überhaupt noch nicht feststand, ob sie jemals realisiert werden würden.

Mich hat das damals ganz schön schockiert. Das luftige ist meine Sache nicht. Wenn ich Möhren sähe, möchte ich Möhren ernten. Wo ich nichts sähe, da kann ich nichts ernten. Aber mit der „Realwirtschaft“ ist wohl kein „richtiges“ Geld zu verdienen. Jedenfalls nicht in dem Umfang, wie es für viele an der Börse geschehen ist.

Ich habe mich dieses Jahr wahnsinnig gefreut, ein regelmäßiges Einkommen zu haben und auch eine dazugehörige Arbeit mit eigener Verantwortung. Ich konnte etwas leisten und ich wurde dafür belohnt. Am Ende des Jahres hat sich mein Chef bei mir bedankt. Es hätte nicht schöner sein können.

Und mein Job hat für mehr Stabilität in meinem Leben gesorgt. Ein fester Wohnsitz und eine feste Arbeit und ein festes Einkommen. So liebt es der Steinbock und so liebt es das ängstliche Wesen in mir. Etwas Stabilität und Zuverlässigkeit

Ich habe in diesem Jahr gelernt, meine Arbeit zu tun. Egal, wie es mir ging. Egal, welchen Zirkus ich gerade im Kopf hatte. Egal, wer mich in Rage gebracht hatte oder nicht. Egal, ob ich mit meinen Gefühlen zurecht gekommen bin oder nicht. Ich habe gelernt, dass nichts wichtiger sein konnte, als aufstehen und zur Arbeit zu gehen.

Ich habe allen Grund dankbar zu sein. Der Schimmel in meinem Zimmer wurde überstrichen. Nun sind Vorhänge vor meinen Fenstern. Ich schlafe in einem schönen Bett und meine Kleider hängen in einem Kleiderschrank und gestern konnte ich mir noch einen neuen, weichen Pullover kaufen.

Nicht immer ist es mir gelungen, mich mit den Dingen, die ich tu, selber glücklich zu machen. Aber manchmal schon. Und das gibt mir ein wirklich gutes Gefühl.

Dezember 30, 2008

Und noch ein Atelierbesuch…

Im Atelier der Geruch von faulen Eiern und eine kleine, frische Garnitur aus weiss-geschnörkelten Sitzmöbeln und Tisch, wie in einem italienischen Eiscafé der 50er Jahre.

Auf der Fensterbank vor dem Dachfenster lagern kleine dottergelbe, angeschrumpelte Äpfel mit roten Wangen. Auf einem Tisch davor stehen irdene, wunderbar bauchige, frisch gedrehte Gefäße zum trocknen.

An und vor den Wänden sind Bilder gelagert und Bilder gehängt. Wie ein Flickenteppich, der stets erweiterbar ist.

Am Boden ist der Malort. Hier stehen wie ein Regenbogen aufgereiht, in Marmeladengläsern abgefüllt, die leuchtenden Farbpasten sorgsam zugedeckt. Hier stehen angefangene Arbeiten, auf denen die Vorzeichnung noch zu sehen ist. Eine Figur im Bus. Die Künstlerin weiß nicht, ob diese Figur bleiben oder ob sie im Dialog mit der Leinwand irgendwann verschwinden wird.

Niemand mag eine weisse Leinwand, sagt die Künstlerin und beginnt mit einer flüchtigen Vorzeichnung, die sie leicht und unverbindlich mit dem Tuschepinsel und schwarzer Tusche aufträgt

Die Künstlerin arbeitet auf den verschiedensten Formaten, von ganz klein bis langgestreckt. Viele Formate erinnern an Friese. Große Rechtecke und auch kleine. Die Gemälde entstehen am Boden liegend und nicht immer ist die Richtung klar. Die Malerin arbeitet knieend davor, wie ein Mönch, sagt sie und lacht.

Ihre Malerei besteht aus Eitempera mit purem Pigment. Gemalt mit den Händen, die in Einweghandschuhen stecken. Malerei aus Farbe, die angerührt wird wie ein Teig. Malerei aus satter Malmaterie aus leuchtenden Erden. Goldgelb und rot wie die Äpfelchen, Grasgrün und Zinkgrün und ein bezauberndes Rosa. Orangerot und Kaisergelb. Viel pure Farbe und manch’ gebrochener Akzent.

Die Künstlerin plant nicht, sondern sie legt los. Wenn sie wüßte, was sie vorhätte, dann wäre ihr langweilig. Sie überläßt es dem Zufall und läßt es sich und ihren mittlerweile dreissig Jahren Erfahrung Malerei zufallen, läßt sich von ihren Handlungen und Entscheidungen überraschen und badet in der Farbe, geniesst den Anblick und tastet sich von Augenblick zu Augenblick tiefer in das Abenteuer der Bildfindung hinein.

Die Farbe erobert die Fläche und gibt allmählich ihre Geheimnisse preis. Das Gespür und die Entscheidenungen der Künstlerin bilden die Farbräume. Manchmal sind es abgegrenzte Geometrien und dann wieder Farbwolken, die einander überlappen und durchdringen.

Raumlose, lichte oder leuchtende Farbräume ermöglichen jene Funde, die die Malerin beglücken:

Figuren, Figurinen, Gestalten und damit auch Geschichten, lassen sich auf einem Bildgrund blicken, der sich schließlich als Bühne entpuppt.

Fische und Tiere kommen geradewegs aus dem Reich der Fantasie, tauchen in Farbräumen und aus Farbgebilden auf und bauen mit am Gleichgewicht und der Sättigung der Bilder.

Es sind farbenglühende, gerngesehene Bilder, die wie wärmende Hausmauern die Wände bestücken und die bewohnt sind wie eben jene von emporwackelnden Gottesanbeterinnen, langschnäbeligen, konversierenden Vögeln.

Zwei Wesen sind besser als eines, sagt die Künstlerin, während ein getupfter Kugelfische unter den wachsamen Augen eines fantastischen Opernbesuchers dahergeschwommen kommt.

Es sind Fantasietiere, die ihresgleichen suchen.

Kostbare, irdene und leuchtende Farbgründe eröffnen das Feld auch für silbrig glänzende Bleistiftzeichnungen unter deren Strich manchmal die Farbe wegplatzt und anderen Farben wieder ans Tageslicht verhilft.

Raum für Geschichten, oder besser Situationen, die es vorher noch nicht gab. Offene Geschichten, zum Weiterdichten oder für einen kleinen Moment.

Sternschnuppenkurz oder auch für länger. Das kleine rote Wesen, das alleine auf den Treppenstufen am Wasser sitzt. Zwischen Rotkäppchen und Tod in Venedig. Ein Schauer, ein Frösteln und weiter geht es, mit dem Hund der vom Sockel schaut….

Die Künstlerin liebt das Reisen, liebt den Exotismus und auch orientalische Häuserwände. Sandfarben oder gekalkt. Und wenn es dort bröselt und sich die Mauergeister zeigen, dann ist es ihr gerade recht. Ihre Bilder sind Flächen, die Assoziationen wecken.

Manches feingezeichnete Gesicht lässt sich im Herzen der Farbe blicken. Oder auch bandoneonspielende Tangomusikern, die mit Blick auf ihr Instrument in der Musik versunken sind.

Ein kleines Mädchen schiebt einen grasgrünen Rasenmäher vor sich her. Vor den gigantischen Brillengläsern, die sie zu beobachten scheinen, während die Malerin die Szene vielleicht aus dem Zug heraus beobachtet hat. Schnell und flüchtig. Eingefangen auf ihrem Bild wie einen Schmetterling.