03.01.2008
(überarbeitet / veröffentlicht 02.01.2009)
Heute bin ich in die Stadt gefahren. Zum Marienplatz, mitten ins Zentrum der Stadt. Vom Marienplatz werden alle Entfernungen von und nach München gemessen. Das Herz der Stadt. Der Mittelpunkt der Stadt. Der Platz, den jeder kennt und den niemand verfehlen kann. Nicht den Marienplatz und nicht den Fischbrunnen und nicht das Glockenspiel.
Hier ist es immer voll. Hier sind immer Menschen unterwegs. Hier trifft sich die Welt, hier ist das Rathaus und die Stadtinformation und ein Servicezentrum der Öffentlichen Verkehrsbetriebe.
Das Zentrum war immer schon das Zentrum. Seit Gründung der Stadt. Hier kreuzten sich die Salzstrassen. Die von Nord nach Süd und die von Ost nach West.
Den Platz hat es seit der Spätmittelalterlichen Stadtgründung immer gegeben. Er ist immer umbaut und selbst unbebaut geblieben.
Hier versammeln sich jeden Tag hunderte von Menschen, um dem Glockenspiel zuzusehen und es anzuhören, wenn es zur Mittagszeit den Schäfflertanz seiner bunt gekleideten Puppen zeigt.
Sommers wie Winters strömen hier Menschen in alle Richtungen zusammen und auseinander. Strömen mehr, als das man Einzelmenschen ausmachen könnte. Manchmal begegnen einem ganze Reisegruppen, die von amerikanischen oder japanischen Stadtkundigen geführt werden. Es begegnen einem italienische Familien auf Einkaufsurlaub. Es begegnen einem Damen in Pelzmänteln mit Tüten und kleinen Möpsen oder anderen Hunden. Es begegenen einem Kids und Girlies, die ihren ersten BH erstanden haben oder auch den zweiten oder dritten. Die mit den Zahnspangen.
Rund um den Marienplatz sind alle Geschäftsstrassen angelagert, alle Achsen. Hier sind auch das alte Rathaus, das Spielzeugmuseum, die Bürstenmacher, der Weg zum Viktualienmarkt, die Gasse an der ein Metzger neben dem anderen seinen Laden hat, weil hier ursprünglich auch der Schlachthof war, der dann später „vor die Tore der Stadt“ verlegt worden ist.
Am Marienplatz ist auch der grösste Buchladen der Stadt, den es gleich mehrfach gibt. Hugendubel ist in München ein Synonym für Buchladen. Wenn man nicht der Liebhaber oder die Liebhaberin eines bestimmten Buchladens ist, dann geht man eben zum Hugendubel.
Vom Erdgeschoss bis in den fünften Stock stapeln sich hier die Bücher in Regalen, die vom Fussboden bis zur Decke reichen. Hinzukommen Tische und Stellagen, die einzelne Bücher ganz besonders herausstellen.
Hier gibt es alle Abteilungen: Von der Belletristik zur Lebensberatung, von der Psychologie zu weltanschaulichen Themen, vom Kochbuch zum Gesundheitsratgeber, Reiseliteratur, Fachliteratur. Alles. Alles. Und natürlich die Bestseller, die Neuerscheinungen, die Taschenbücher, die Schmöker und die Zusatzwaren, vom Kalender bis hin zur Gymnastik- oder Meditations-DVD.
Rolltreppen führen von Stockwerk zu Stockwerk und manchmal muss man quer durch eine Etage hindurchgehen, um von einer Rolltreppe zur nächsten zu kommen. In den Zwischengeschossen gibt es jeweils Sitzinseln, wo sich die Menschen mit den von ihnen ausgewählten Büchern hinsetzen können und schmökern.
Beim Hugendubel ist es nicht wie in den Zeitschriftenläden, wo vorne dransteht, dass man die Zeitungen erst kaufen müsse, bevor man in ihnen liest, nein, hier ist es erlaubt und wird sogar durch die Lesegeschosse gefördert, dass man sich in aller Ruhe, zeitlich unbegrenzt mit seinen Büchern in die roten Kunstledersofas flacken kann und einfach nur lesen.
Ich glaube, es gibt auch viele Menschen beim Hugendubel, die es lieben, sich einfach nur aufzuhalten und zu lesen. Manche nutzen es als eine Bibliothek, andere als Wärmestube oder Kontaktbörse.
Der Kontakt zu Büchern schafft irgendwie auch Kontakt. Schon allein durch die Wahl des Buches. Bücher machen die Welt verfügbar, zeigen dem Menschen, wer sie sind und wofür sie sich interessieren, was sie anzieht und wo sie hinmöchten.
Manchmal reicht es, die Überschriften zu lesen und die Titelbilder anzusehen, um im Spiegel der Buchdeckel seine Sehnsüchte benannt und bebildert zu sehen.
Mit Sicherheit. Hier kann man sich völlig ungestört und ohne schlechtes Gewissen einen Überblick über die jeweils aktuell gehandelten Bücher verschaffen. Man bekommt ein Gefühl dafür, was „läuft“ und was nicht. Man bekommt ein Gefühl für Themen, die die Gesellschaft beschäftigen.
Ich bekomme so einen Fantasy-, Buddhismus-, Wellness-, Sehnsucht nach einem besseren Leben Geschmack in den Mund. Und den Geschmack geschmackvoller Geschenke und eines gepflegten und zivilisierten und eines wohlorganisierten Lebens.
Die Bücher hier sind kein Abenteuer. Sie spiegeln die Sicherheits- und Geborgenheitsbedürfnisse einer Gesellschaft, die von Angst und Sehnsucht besessen ist.
Auch gibt es Postkarten, auf denen es darum geht, so etwas wie ein buntes, liebenswürdiges Leben an jemand anderen, an den Beschenkten zu vermitteln.
Da war eine Postkarte mit lauter gezeichneten Katzen drauf. Eine buckelte. Eine zeigte sich von hinten. Eine lag verschmust und auf Zärtlichkeiten wartend auf dem Rücken. Eine guckt hin. Eine andere guckt weg. Eine flirtet. Eine war rot, die anderen gelb, grün und blau. Manche hatten Punkte, andere hatten Streifen.
Eine Karte auf die der Mensch auf der Jagd nach dem Kindchenschema abfährt. Das ist bunt. Das ist lustig. Das ist süss. Da sind keine Probleme und auch keine echte Schönheit drin. Da ist keine erschlagende und auch keine machtvolle Fantasie dahinter. Da ist auch keine Kunst dabei. Nur bunte Farben, hübsche Motive und Goldränder, die die Karte noch ein wenig edler machen, aufwerten und geldwert machen.
Die Karte ist sofort verständlich, zum sofortigen Verzehr geeignet. Man sieht sie, schreit: „Ach, wie süss… das schenke ich meiner Ma, die steht doch so auf Katzen, die hat ausserdem eh in vier Monaten Geburtstag, da habe ich schon einmal eine passende Karte…“
Und so geht es weiter. Die perfekte Gastgeberin. Wie helfe ich mir selbst und wie helfe ich mir am Arbeitsplatz und wie helfe ich mir bei chronischen Darmleiden und wie helfe ich meinem Kind und meinem Partner und wie geht der heißeste Sex – für Männer und Frauen getrennt verlegt – für jeden das passende Buch und was sagt der Dalai Lama zu all dem und über den Hape Kerkeling auf seiner Jakobspilgerreise, über den bin ich ja fast drübergefallen.
Der steht direkt am Treppenabsatz zu mindestens 68 Exemplaren gestapelt. Das soll ja ein ganz amusantes, authentisches Buch sein und das soll richtig Spass machen, das zu lesen. Ganz bestimmt. Weil ich ja immer gegen „Massenerscheinungen“ bin, habe ich mich um den Hape Kerkeling bislang gar nicht gekümmert, aber weil sich jemand um mich gekümmert hat, habe ich das Buch zum Geburtstag geschenkt bekommen und wenn es nun schon einmal da ist, dann werde ich es auch lesen.
Jamie Oliver ist der Star unter den Kochbuchautoren. Mach’ es wie Jamie und Du hast in der Küche keine Probleme mehr. Es gibt viele Jamie Bücher. Er scheint die Kochrezepte und die Bücher nur so auf den Markt zu spucken. Und meine Vorurteile zu befeuern.
Im Hugendubel findet man die Ergänzungen zur Tagespresse, die Ergänzung zur Schlagzeile und zur kleineren Schlagzeile. Die Bildung zu den Nachrichten, die Hintergründe und Fakten, Fakten, Fakten-Bücher. In Ergänzung zum Zeitschriftenmarkt.
Man findet Bücher über und von den Leuten, über die man spricht. Von den Memoiren der Kesslerzwillinge bis hin zu den Aufzeichnungen eines Kunstdiebes…
Und jetzt auch ganze 4 Kilogramm Michelangelo vollkommen neu überarbeitet… Michelangelo für alle. Ein ganz wunderbares Buch. Elke Heidenreich liebt es auch schon und sie hat es ihren Lesern empfohlen.
Das habe ich so nebenbei mitbekommen. Allein schon wegen der grossen, auf- und ausklappbaren Bildtafeln, die das Buch auch für Illiteraten äußerst interessant macht.
Natürlich gibt es auch die buchnahen Jahreskalender, die nun schon für ein paar Prozent weniger zu haben sind. Die wunderbaren Riesenkalender mit Pferden, Bauwerken, Landschaften, Schmetterlingen, Autos und anderem.
Und wen das nicht interessiert, der kann die Erfolgsgeschichte von Steve Jobs lesen – ein Taschenbuch gefasst im dezenten und bewährten Applegrau.
Überall sind viele Menschen unterwegs und es ist auch interessant zu beobachten, wo sie sich zu ganzen Trauben zusammenballen. Lebensberatung à la „Simplify your life“ bis hin zum alleraktuellsten Reiseführer…
Na und wieder die Kochbücher. Die sind und bleiben einfach hochaktuell.
Ich bin in das oberste Stockwerk gefahren, musste also durch alle Abteilungen durch. Ich wollte eine Freundin im Café treffen.