Februar 7, 2009

Tanzen

07.02.2009

Tanzen? Hoffentlich kann ich es überhaupt noch. Schon lange war ich nicht mehr bei einem französischen Volkstanzabend.

Vorgestern rief einer der Musiker bei mir an. „Gestern sprachen wir von Dir, da wollte ich Dich einfach mal anrufen…“

Anstatt lange zu telefonieren habe ich P. versprochen, dass ich heute wieder einmal zum Tanzen komme.

Wer einmal den „Himmel der Tänzer“ erfahren hat, der sehnt sich stets zurück nach dieser Schwerelosigkeit, in der „es“ plötzlich tanzt. Der Tänzer wird vollkommen passiv und lässt „es“ geschehen. „Es“ tanzt ihn und er selber ist vollkommen still. Er fühlt in sich den Mittelpunkt der Erde, die unbewegte Achse, die durch ihn hindurchgeht.

Alles dreht sich um ihn: die Lichter, der Saal und ein anderer Tänzer in seinen Armen, hält ebenso still.

Machen kann man das nicht. Es geschieht, irgendwann spät, nach vielen Tänzen. Erst wenn alle Knochen gerichtet sind, Sorgen, Zweifel und Bedenken unmerklich, unwichtig worden sind, wenn die Verstimmungen raus sind aus dem Körper, die Krämpfe und wenn Verstörungen keine Rolle mehr spielen, zumindest nicht die Hauptrolle, wenn alles egal ist…

Dann gibt es den Einklang mit der Welt und mit dem Gegenüber. Das Leben ist einfach nur schön und ist dieser Moment, in dem der Tänzer befreit ist, losgelassen und „es“ läuft: Leben wie von selbst.

Februar 5, 2009

Ein Schrank

21.09.2007

Manches dauert einfach länger: Ich lebe nun seit über zwanzig Jahren in München und seit zwanzig Jahren habe ich einen Widerstand dagegen, mich mit massiven Möbeln einzurichten. Ein solches „massives“ Möbel bedeutete mir immer ein „Schrank“.

Ich habe an den Gedanken an einen Schrank jede Menge Fantasien dran gehängt, die mich davon abgehalten haben, mir einen solchen ins Zimmer zu stellen. Ich war der Meinung, dass er notwendigen Platz raubt, zuviel Raum einnimmt oder dass ein Schrank dazu Anlass geben würde, Gegenstände zu horten, oder ich dachte mir, so ein Schrank sei eine Art Bunker für dunkle Geschichten, die einem entgegenkommen würden, sobald man die Tür öffnen würde… Mit solchen oder ähnlichen Gedanken war ich der Meinung, dass ein Schrank mir irgendwie die Luft zum atmen nehmen würde. Ausserdem könne ich mit einem Schrank auf dem Rücken nicht mehr flüchten. Mein Wohnideal besteht aus Vorstellungen von möglichst wenig Dingen, die einen belasten oder einem anhaften können. Irgenwie habe ich es vorgezogen, dass alles, was im Zimmer ist auch zu sehen ist.

Was allerdings dem widerspricht, dass ich etwa acht Jahre lang aus Bananenkisten gelebt habe. Die empfand ich als handlich und vor allen Dingen als aufgeräumt. Auf den Bananenkisten klebten jeweils computergeschriebene Zettel, auf denen draufstand, was drin ist und ich habe darauf geachtet, dass das auch so bleibt. So standen in meinen jeweiligen Zimmern immer bis zu 24 Bananenkisten säuberlich zu viert und zu fünft übereinander gestapelt. Nach der Bananenkistenlösung kam die Regallösung. Bedingung für dieses Regal war, dass ich es in einen Haufen tragbarer Bretter auflösen kann und die Freude und der Vorteil einer Gegenstandslagerung in einem Regal war die bessere Zugänglichkeit. Mit der Zeit war es mir dann doch etwas zu umständlich geworden, jeden Gegenstand aus einer Bananenkiste herauszuholen und auch wieder dort zu verstauen.

Nun habe ich einen Schrank und finde es unglaublich schick, die Türen auf und auch wieder zumachen zu können, bei geöffneten Türen vor einer gewissen Auswahl zu stehen, Dinge gerade rücken zu können, etwas rausnehmen und auch wieder reintun zu können und die Dinge „gut aufgehoben“ zu wissen.

Und wenn die Türen zu sind, dann schweigt mein Schrank. Das ist auch sehr angenehm.

Januar 28, 2009

Umkleidekabine

30.03.2007

Neulich abends war ich bei der Tanzstunde in der Volkshochschule. Ich war die erste, die gekommen war. Die Stunde beginnt immer um viertel nach acht und es war kurz nach acht. Von der Kung Fu Schule war ich es immer gewohnt, rechtzeitig, d.h. um einiges früher zu kommen, einfach um konzentriert zu sein, wenn die Stunde beginnt.

Die Räumlichkeiten vor dem Tanz- und Gymnastikraum, die sich in einem modernen, mehrgeschossigen Mehrzweckgebäude befinden, wo auch andere Seminarräume und eine grosse Bibliothek untergebracht sind, sind recht ungastlich. Die Umkleiden für zwanzig Personen sind winzig. Man drängelt sich vor die schmalen, grünen Spindtüren, die in zwei Reihen einander gegenüberliegen und vor denen jeweils auch eine Bank aus Holzlatten angebracht ist.

Somit öffnet sich dieser winzige Raum in eben noch winzigere Spind-Räume, in die man seine Kleidung verschwinden lassen kann. Die Gebrauchsspuren im Inneren der Spinds sind nicht direkt vertrauenerweckend. Man kann bei dem Sparoberlicht im Raum nicht so richtig unterscheiden zwischen Rutschkratzspuren im Lack oder Dreckrutschspuren. Man weiss nicht so genau, was Schmutzflecken, Erdkrumen, Staub- und Wollmäuse und was Rost- bzw. Lackschäden und Gebrauchsspuren sind.

Auch ist es wenig verlockend den Kopf in einen Spind reinzustecken (der Gedanke allein, den Kopf im Spind einzuklemmen, hält mich davon ab – könnte ja einer kommen und von hinten nachschieben… Zu viele im Märchen sind kopfüber und eh sich sich versahen im Backofen gelandet.), um dem Inneren eines Spinds genauer nachzuschnüffeln. Und dies blos, um sich dann besser entscheiden zu können, ob man diesen benutzt oder doch lieber einen anderen, den man dann auf die gleiche Art noch einmal untersuchen muss. Mir reicht es völlig, wenn ich für anderthalb Stunden auf gut Glück meine Kleidung da einsperre. Also stecke ich meine Sachen rein und hoffe, dass alles gut geht.

Das Innere der Spinds sieht nicht so aus, als würde dort wenigstens ab und zu mal gewischt. Eine solche Dienstleistung kann sich im Augenblick eh’ niemand hier in Deutschland leisten. Schon rein atmosphärisch nicht. Das würde nicht zur neuen Armut – vor allem auf dem kulturellen Sektor des Breitensports – passen. Da wird gespart, das ist schon in der Bauweise  abzulesen und auch niemand anders ist befugt, diese Dinge zu tun. Man ist es ja gewöhnt, dass andere Leute befugt sind, die Räume sauberzuhalten und ausserdem ist der Gedanke, mit einem Putzlappen zur Tanzstunde zu kommen und mit einem feuchten Lappen auch wieder zurückzufahren doch eher ungewohnt. Sagen wir mal, es fühlt sich merkwürdig an.

Also stecke ich anstatt zu putzen meine Kleidung mit einem etwas komischen Gefühl in den Spind und hoffe immer, dass mir keine undefinierbaren Geruchsschwaden entgegenkommen. Ich meine ich bin dem Spindinneren gegenüber immer ziemlich misstrauisch. Und das war schon immer so. Egal ob in Schwimmbädern – da ganz besonders – oder vor Sporthallen.

Was weiss denn ich, wer die Vorherbenutzer waren und was denen so eingefallen ist? Ich habe beim letzten Mal den Vorzug von Kleiderbügeln entdeckt. Da ist die Berührungsoberfläche zwischen Kleidungsstücken und Spind auf ein Minimum reduziert.

Wenn kein Kleiderbügel da ist, knubbele meine Kleidung so zusammen, dass ich sie meinem kleinen Rucksack wie eine Mütze aufsetzen kann. Mein Rucksack ist dann so etwas wie vertrauenerweckendes Heimatgebiet. So etwas wie ein eigenes Kopfkissen. Da weiss ich dann wenigstens, wo der war und was der erlebt hat und ob ich den besudelt habe oder nicht. Wenn ich meine Kleider auf meinen Rucksack stapele, dann habe ich kein komisches Gefühl.

Vor den grünen Spindtüren mach’ ich mit dem Umziehen immer ganz schnell. Schnell die Schuhe aus. Einfach von der Ferse aus runterziehen, ohne die Schnürbänder zu lösen. Meine Schuhe schliesse ich auch gar nicht erst ein, sondern lasse sie draussen, ausserhalb vom Spind. Ratsch, die Hose runter und in die Gymnastikhose rein und wutsch, Pullover und T-Shirt aus und in mein Tanz-T-Shirt rein. Alles ganz schnell. Bloss, dass ich mit dem Umziehen fertig werde, noch bevor jemand reinkommmt.

Es könnte ja sein, dass jemand, der nach mir reinkommt, auf die Idee kommt, die Spindtür links oder rechts neben meiner zu benutzen. Wäre das der Fall, dann hätte ich noch nicht mal mehr Platz auf einem Bein zu stehen. Den Oberkörper müsste ich geradezu der Länge nach einrollen, um mich exakt im Bereich vor meiner Spindtür aufhalten zu können.

Es ist schon eine komische Befürchtung, dass der nächste, der kommen könnte, ausgerechnet den Spind neben „meinem“ benutzen wollen könnte. Ich war ja die Erste, die da war, bin eigentlich auch gut sichtbar und viele Spinds waren noch frei. Eine weitere unterschwellige Befürchtung ist die, dass die von der Tangoklasse und die restlichen Schüler von meiner Tanzklasse gleichzeitig in die Umkleide kommen könnten. Ich meine, in dem Gedrängel würde ich dann den Überblick völlig verlieren. Könnte sein, dass ich dann keinen Platz mehr hätte, meinen Pullover über den Kopf zu ziehen und ich im Hosenbein stecken bleibe, auf einem Bein herumspringe, umfallen könnte oder ich andere anrempele oder die mich anrempeln. Einfach, weil es so eng ist und es gar nicht anders geht, als sich anzurempeln. Es ist wohl so, dass man sich dann wie in einem vollbesetzten, indischen Zug fühlen würde – nur dass die Umkleide kein Zug und schon gar nicht in Indien wäre. In Indien, habe ich mir sagen lassen, sind volle Züge kein Problem.

Soweit zu meinen Gedanken, Berechnungen und Fantasien in einem Raum, der hinsichtlich seiner Funktion und Aufgabe viel zu eng berechnet ist. Dreissig Spinds in zwei gegenüberliegenden Reihen, in einem Raum, auf dessen Grundfläche sich maximal, aber wirklich maximal! acht Leute gleichzeitig aufhalten können. Das ist so wie mit dem angegebenen Maximum an Menschen, die ein Aufzug tatsächlich befördern kann: Kein Mensch wünscht sich, in einem tatsächlich vollen Aufzug zu fahren. Die Umkleide ist im Übrigen nicht grösser als ein grosser Aufzug und wenn die Türe geschlossen ist, stellt sich für einen Augenblick eine ähnliche Beklommenheit unter den Menschen ein, wie im Fahrstuhl. Die verschwindet aber in dem Moment, wo einer anfängt, etwas zu sagen. Zum Beispiel: „Ganz schön eng hier, nicht wahr?“ Dann lachen manche und der Spuk ist vorbei.

Im Umkleideraum frage ich mich schon nach der Beschaffenheit des Vorstellungsvermögens desjenigen, der diesen Raum geplant hat. Die Umkleide ist ungefähr so lieblos und unsinnig geplant, wie in älteren Wohnungen die Toiletten oder auch die Küche. Da geht es entweder um niedere oder unwichtige Tätigkeiten. Also fällt der Raum besonders klein aus, hat kein Fenster und ist zugunsten von Repräsentationsräumen geradezu eingedampft.

Eigentlich ist die Umkleide der Volkshochschule der einzige Kommunikationsraum, in dem die Kursteilnehmer die Gelegenheit haben, sich unabhängig von der Unterrichtsstunde kennenzulernen. Ausserdem ist so eine Art Übergangszone – zwischen „nach“ und „vor“ und „vor“ und „nach“.

Solange keine anderen Verabredungen getroffen werden, besteht nur in der Umkleide die Gelegenheit, die anderen Kursteilnehmer kennenzulernen, etwas über sie zu erfahren und sich über die gemeinsamen Erfahrungen im Tanz-Kurs auszutauschen. Ich meine, es ist einfach schön, etwas von den anderen zu erfahren.

Wenn ich zu früh dran bin und schon umgekleidet, dann weiss ich eigentlich nicht, wo ich mich dann aufhalten soll, vor allem wenn die Halle noch von der Vorgängerklasse besetzt ist.
Und das ist normalerweise der Fall. Die Umkleiden sind so muffelig und klein. Und es besteht nach dem Umkleiden keinerlei Berechtigung mehr, sich noch länger darin aufzuhalten.

Ich habe das probiert und bin nach dem Umziehen einfach auf der Holzbank vor den Spindtüren sitzen geblieben. Nicht nur, dass man dann da sitzt und sonlange niemand anders da ist, die entweder offenen oder geschlossenen Spindtüren anstarrt, die mit oder ohne Schlüssel zurückstarren und die wiederum entweder ein ordentliches Armband haben oder nur eine dünne Schnur, an der der kurze, stummelige Schlüssel und das runde Nummernschild für die Spindtür befestigt sind…

… der Raum hat auch keine Fenster, weder zum Rausgucken, noch zum Belüften (was ja in einer Sportumkleide auch nicht ganz unwesentlich ist) und nur eine Türe, die so unvermittelt aufgehen könnte, das man sich erschreckt und man – bevor sie aufgeht – immer in der Erwartung lebt, dass sie nun aufgehen könnte. Das ist wie mit einem Tropfen, den mann dicker werden sieht und trotzdem nicht weiss, wann genau er fallen wird. Wahrscheinlich wird da die Grundangst vor dem Ungewissen berührt. Niemand weiss genau, wann es soweit ist, aber jeder weiss, dass es irgendwann soweit ist. Die Schritte von draussen hört man nicht unbedingt. Die neu Eintretenden treten unvermittelt ein.

Solange ich allein bin, empfinde ich das als unterschwellig bedrohlich. Manchmal erschrecke ich mich auch, wenn es plötzlich an meiner Wohnungstüre klingelt.

Wenn ich mich – trotz allem – in der Umkleide auf die Bank setze, weil es draussen überhaupt keinen Wartebereich gibt und man entweder den schmalen Gang vor der Halle auf- und abgehen kann oder sich auf den kalten Linoleumfussboden vor der Halle hinhocken, ich also mit der Umkleide das „kleinere Übel“ wähle, und auf den Beginn der Tanzstunde warte, dann weiss ich auch nie, auf welchen Teil der beiden gegenüberliegenden Bänke ich mich eigentlich setzen soll:

Auf der einen Seite, sitze ich wie im Hinterhalt und riskiere die Eingangstüre auf die Nase zu kriegen, falls jemand rein kommt, der die Türe mit Schwung aufmacht. Setze ich mich auf die andere Seite, dann sitze ich so ungeschützt und funktionslos da, als hätte ich nichts Besseres zu tun gehabt. Und es sieht dann so aus, als würde ich jedem, der reinkommt geradezu auflauern. Bei dem Gedanken allein, fange ich schon an mich zu verteidigen. Wo auch immer solche Gedanken angelegt wurden: ich habe sie! Nutzlos, sie auch noch als absurd abzutun und so zu tun, als hätte ich sie nicht.

Natürlich lauere ich keinem auf. Ich sitze dort, weil es keinen anderen Sitzplatz gibt. Und weil das Herumgehen oder Herumstehen und Warten vor der Kabine noch haltloser ist und ohne einen Ort, der für das Warten bestimmt ist, ein Ort, der einem eine Berechtigung gibt, dass man eben dort ist und wartet.

Aber ich bin mir nicht sicher, ob das die anderen auch wissen und auch so auffassen. Ich empfinde meine Gegenwart für andere nach wie vor als eine Art „Verletzung“ oder als „Zumutung“ oder als etwas, das ich auf der Stelle „zurückzunehmen“ habe, damit es nicht zu einer Verletzung wird. Und ich empfinde das mitunter stark genug, dass ich mich so verhalte, dass Äusserungen und Erfahrungen, die wieder und wieder in diese Richtung gehen, möglichst vermieden werden können. So komme ich normalerweise „pünktlich“, d.h. nicht zu früh und auch nicht zu spät. Ich komme meistens „mit Erlaubnis“, d.h. nach Absprache und Verabredung. Ich brauche einfach eine äussere Situation, in der ich mir absolut sicher sein kann, dass ich da sein darf. Sei es, weil ich dafür bezahlt hätte oder weil ich einen triftigen Grund dafür habe. Rumstehen, rumsitzen, warten, funktionslos sein, zu früh sein, unangemeldet sein – all das löst Pein und Scham in mir aus. Es löst Gefühle in mir aus, die irgendeine Art des „Erbarmens“ erfordern. Und sie erfordern jemanden, der meine Gegenwart mich nicht von jener „peinlichen“ Seite auffasst. Es sind oft andere, die durch ein nettes „Hallo, wie geht’s“ die Situation entschärfen. Sie geben mir dadurch eben jenen Boden unter den Füssen, den ich so sehr vermisse. Manchmal fühle ich mich wie jemand, der tatsächlich nach genau jenem Flügel Ausschau hält, unter den er schlüpfen kann, Geborgenheit und Wärme findet, um überhaupt wieder etwas Normales denken zu können und sich die Erlaubnis geben zu können, mit anderen zu sprechen.

Hierzulande gibt es die „bösen Zungen“ und es gibt immer eine Möglichkeit, eine Situation so böse wie möglich auszulegen. Und ich selber habe viele böse Zungen im Kopf. Und ich lege es mir möglichst böse aus. Bin demnach also ein „Spanner“ in der Umkleidekabine und lauere anderen auf, die ich ab dem Moment zu sezieren beginne, in dem sie erscheinen.

An meiner Beobachtung und Gegenwart ist so gesehen etwas Unangenehmes und auch etwas Fremdes. Das Verhalten anderer Menschen ist für mich oft so anders und verschieden von mir selbst, dass ich sie manchmal anstarre, als wären sie vollkommen unwirklich und ich ein Marsianer. Und ich starre und vergesse mich selbst dabei. Und das ist, als würde ich meine Finger auf eine heizende Kochplatte legen und vergessen, das sie dort liegen. Als hätte ich keinerlei Beziehung zur Bedeutung und Funktion einer heissen Kochplatte. Es ist eine Art der Selbstvergessenheit und es ist mitunter mühsam, die Situation in ihrer Funktion zu vergegenwärtigen. Ich habe es einfach vergessen. Erinnert werde ich in dem Moment, wo es weh tut.

„Was guckst Du so?“ „Warum guckst Du mich so an?“ Solche Fragen bekomme ich gestellt, wenn ich aus meinen Augen rausgucke, während ich vergessen habe, wo ich bin. Es ist anderen schleiherhaft, warum ich z.B. in diesem oder jenem Moment lache oder das Gesicht in diese oder jene Richtung verziehe oder dieses oder jenes tu. Und mir ist es auch schleierhaft und ich kann es nicht erklären. Ich war abwesend und es sah so aus, als sei ich dagewesen.

Zwischen mir und anderen ist etwas Unverständliches und etwas das nicht synchron läuft oder nicht synchron ineinander greift. Da gibt es eine Verschiebung oder Ver-rücktheit, die auf beiden Seiten nicht nachvollziehbar ist.

„Warum lachst Du?“, fragen mich manchmal die Leute. Ich habe es dann mitunter noch nicht mal bemerkt, dass ich gelacht habe. Ach, habe ich gelacht? Über gar nichts. Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht, wo ich gewesen bin. In jener Sekunde, wo ich gewesen bin und warum ich gelacht habe. Vielleicht erschien es mir richtig an jener Stelle zu lachen. Vielleicht habe ich mich gefreut oder gewundert. Aber eines steht fest: ich bin nicht dabei gewesen und ich weiss nicht, warum ich gelacht habe. Vielleicht war es auch ein asiatisches Lachen, das die Unsicherheit kaschieren sollte oder ich habe gelacht, weil alles gut gegangen ist.
Oder weil das Gesicht eines anderen Menschen so nahe vor meinem Gesicht erschien und ich erst nicht wusste, was ich am besten tun sollte.

Ich sehe mir andere Menschen manchmal gerne an und am liebsten – und wenn ich es mir denn erlauben würde – tät ich mir auf der Stelle meiner Beobachtungen gewahr werden und sie in ein Notizbuch eintragen. Es würde mir gut tun, das zu tun, dann wüsste ich vielleicht, warum ich gelacht habe und in welcher Welt ich gerade leben würde. Ich glaube, es ist nicht nur so, dass ich nichts gesehen habe, solange ich nicht darüber geschrieben habe, es ist auch so, dass ich nicht weiss, wo ich bin oder gewesen bin, solange ich es mir nicht durch Schreiben zu vergegenwärtigt habe.

Ich sitze da und warte auf die anderen. Vielleicht, weil mir allein in der Umkleidekabine so mulmig ist und ich allein vielleicht auch nicht immer die besten Gedanken hege. Und ich sitze da, weil ich andere gerne beobachte. Es interessiert mich, wie andere Menschen ihr Leben leben. Was sie tun, wenn sie etwas tun. Da werde ich wirklich zum „Spanner“.

Das einzige, was die eigene (Gedanken-)Welt relativieren kann, sind die Beobachtungen, die man an anderen Menschen machen kann. Menschen, die sich so ganz anders verhalten als man selbst und deren Welt folglich von ganz anderen Gedanken und Vorstellungen geprägt ist.

Die anderen kommen, wie ich mittlerweile feststellen konnte, immer ziemlich spät zur Tanzstunde. Und nachdem es öde ist, vor der Turnhalle auf- und abzugehen, bleibe ich in der Umkleide sitzen. Es gibt keine anderen Sitzplätze. Schliesslich kommen die anderen und ich sehe ihnen beim Umziehen zu. Ich meine, wohin sollte ich weggucken, zumal das, was es zu sehen gibt, ziemlich interessant ist. Wann erfährt man schon mal, was und wie sich andere Menschen anziehen? Wann kann ich schon mal sehen, wie jemand im Businesskostüm, sich unter seinem Businesskostüm kleidet. Zum Beispiel mit Unterhose, Strumpfhose, Überunterhose und dann einer nadelgestreiften Businesshose. Auf die Idee käme ich ja gar nicht.

Und dann: während ich Leuten beim Umkleiden zusehe, bekomme ich immer so Gefühle, wie sich Kleidungsstücke anfühlen. Und ich denke mir dann immer: „Das könnte ich niemals anziehen. Das Gefühl auf der Haut würde ich nicht ertragen.“ Das trifft insbesondere auf Nylonstrumpfhosen zu. Vom Anblick des Materials kriege ich am ganzen Körper eine Gänsehaut. Nicht nur die Materialien beschäftigen mich, auch die Auswahl der Kleidungsstücke und die Art und Weise, sich an oder auszukleiden. Beim Tanzen habe ich keine Zeit mehr hinzusehen. Da tanze ich.

Januar 28, 2009

Über einen Menschen, der nicht richtig ist

23.03.2007

Ich habe eben den Film „Walk the line“ gesehen. Ein Film, der sich mit der Biografie von Johnny Cash beschäftigt.

Eine der Szenen, die mich am meisten berührt haben war die, in der Cash – als junger Vater und gerade mal Ehemann – von Haus zu Haus zieht, mit Anzug und Kravatte bekleidet, einen dicken Vertreterkoffer in der Hand, klingelt und demjenigen der öffnet, Haushaltsgeräte anbietet und zu verkaufen versucht.

Die Leute hören ihm nicht einmal zu. Sie verschliessen ihm die Türe vor der Nase. Und dabei macht er alles richtig: Er ist freundlich. Er kennt seinen Text. Er sagt immer wieder von neuem seinen Spruch auf. „Ich bin John Cash. Ich komme von der Haushaltswarenfirma 123 von drüben aus 456.“

Viel weiter kommt er meistens nicht und schon wird die Türe von innen verschlossen und man sieht ihn, wie er draussen steht, weiter spricht und eine Tafel mit aufgepinnten Warenproben erst vor die erste Tür und dann auch vor die Windfangtür hält. Die Kamera ist innen und blickt durch die Scheiben der Türen und lässt sich von jener Figur trennen, die so ganz von sich selbst getrennt scheint. Sosehr, dass ihr niemand länger als eben jene Sekunden zuhört, die er braucht, um zu erkennen, dass dieser Mann hier nicht richtig am Platz ist.

Es ist so seltsam mit dieser Szene: Ein Mann tut alles, was er kann. Er macht alles richtig. Er gibt sich Mühe. Er müht sich ab, aber er hat absolut keinen Erfolg. Er macht alles richtig, aber er ist hier nicht richtig. Und weil er nicht richtig ist, kann er niemanden wirklich erreichen.

Der Film über Johnny Cash ist ein Film über Identität, über Authentizität und über eine zweite Chance und eine dritte Chance. Die zweite Geburt findet statt, als Cash seinen Weg zur Musik – als eine letzte Chance – findet, die dritte, als es ihm mit Hilfe einer geradezu engelhaften Freundin gelingt, sein Drogenproblem zu überwinden.

Januar 28, 2009

Unruhe

11.05.2008

Es ist Unruhe in mir. Das Gefühl, nicht fertig zu sein mit diesem Tag. Angestochen. Angeätzt von etwas, das ich im Moment nicht benennen kann.

Doch, angeätzt vom Gefühl „ungenügend“ sein. Da ist noch etwas, dem ich hätte nachgehen müssen, das ich hätte erkennen oder hätte tun müssen.

Und zugleich das Gefühl „weg“ zu wollen oder all diese lebendigen Vorgänge, die ein Netz durch meinen Körper ziehen und mich mit einem nur schwerlich benennbarem Unbehagen durchziehen.

Es ist als würde ich immerzu schlafen wollen. Jedenfalls in Momenten wie diesen. Diese Unruhe nicht wollen, die sich nicht ohne weiteres klären lässt. Eine Unruhe, die aus etwas Unheimlichem besteht, mich mit etwas in Berührung bringt, dass ich nicht genau erkennen kann. Ich kenne das Gefühl dieses „Unheimlichen“. Es ist schon öfters gekommen oder immer wieder mal gekommen. Es ist als stünde gebieterisch eine Forderung im Raum, die ich aber nicht erfüllen will. Und es ist, als würde ich immer wieder dieser Forderung ausweichen. Und es ist, als gäbe es Menschen, die wüssten, dass es diese Forderung in meinem Leben gibt und die auch wissen, dass ich davor weglaufe. Manchen Menschen mag das, was ich sage genügen oder mehr als genug sein. Anderen ist es einfach zu wenig, zu pauschal, zu ungenau, zu abgedroschen.

Mehr als arbeiten kann ich nicht. Doch es scheint, als wäre das alles zu wenig. Nur ein Anfang. Als würde ich die wahre Arbeit noch gar nicht auf mich nehmen. Als wäre es alles nur „Augenwischerei“ oder so ein Ding, das für eine oberflächliche Beruhigung sorgt.

Ja, so ein Wischiwaschi und bloss, dass irgendwer sagt, dass es genug ist, wo ich doch selber weiss, dass es eben nicht genug ist, dass es eben gerade erst losgeht. Das ich da noch viel mehr hineinmuss, mich hineinknien, mich hingeben, ohne Reserve – auch wenn ich müde bin, auch wenn ich wegwill, auch wenn ich nichts wie weg will, raus aus diesem Raum mit mir, in dem ich mir selbst zu viel, zu anstrengend und zu fordernd bin. In dem mich ja ausserdem und schliesslich niemand dafür bezahlt, der Wahrhaftigkeit nachzugehen.

Noch ist nichts über Hs Bilder gesagt. Nicht über ein einzelnes Bild. Da sind diese Motive, die aussehen wie eine für Kinder entwickelte Ikonographie: grosse runde Köpfe, stilisierte Körper und Gliedmassen, Farbraum ersetzt realen Raum, nichts ist „abgebildet“. Die Figuren und Motive sind entwickelte, entfaltete. Sind Movtive, die sich aus jahrzehntelanger, täglicher Arbeit herauskristallisiert haben. Es sind Motivkristalle, die ein gleichsam archetypisches Formenvokabular in sich aufgenommen haben. Es gibt Formen, die in verschiedenen Gegenständen verwirklicht und variiert werden. Wie zum Beispiel die Mandel, Mandorla oder auch Lanzettform. Sie taucht auf in den Augen, in den Blättern, in den Federn.

Da ist noch etwas, aber ich kann es nicht ausdrücken. Da ist noch etwas, aber ich will da nicht genau hinsehen? Das Päcken aufschnüren und Blatt für Blatt hinsehen. Aus lauter Angst, ich würde eben nichts sehen. Oder immer nur das gleiche sehen. Oder nicht sehen, was da ist, sondern immer nur etwas „hineinsagen“, ohne es wirklich überprüft zu haben.

Schreibe ich blind? Kann ich mir trauen? Habe ich mich selbst genug überprüft? Stimmt es, was ich sage? Oder nutze ich „andere“, die Bilder von anderen, um „herumzuspinnen“? Habe ich es schon getroffen? Ich meine mit H.s Bildern?

Nein, habe ich nicht. Ich scheitere an den Oberflächen. An den Motiven. Aber wenn es irgendwo ist, dann genau dort, in der Oberfläche.

Da ist der Gedanke, dass die Auseinandersetzung und Begegnung mit den Dingen keine „Hängematte“ ist und dass in jeder Handlung und in jeder Äusserung auch deren Begrenzung liegt. Eine Begrenzung, in der „man“ eben nicht mehr sieht als man sieht oder glaubt, eben nicht mehr wahrzunehmen, als man eben wahrnimmt. Ungenügen kommt auch aus dem Gefühl, nicht „genau“ sein zu wollen, vielleicht auch nicht so genau sein zu wollen, wie man eigentlich sein könnte.

Ist es das? Der eigenen Wahrnehmung eben nicht gerecht werden wollen, weil sie so unbequem ist, weil sie keine Ruhe gibt oder weil sie nicht einfach geradeaus sagt, was los ist? Sie kommt aus dem Vagen oder aus einer Wahrheit, die zu sehen, nur in Augenblicken völliger Klarheit möglich ist. In Momenten, in denen man auch das sehen kann, was man sonst nicht sehen möchte. Oder Angst vor der eigenen Wahrnehmung zu haben? Oder zu merken, wie unbequem es ist, stehen zu bleiben, weiter zu schauen, zu sehen, was ich sehe, zu fühlen, was ich fühle.

Vielleicht auch angeätzt zu sein, wie schnell eine Hochstimmung sich eintrübt mit Selbstzweifeln und auch mit dem Gefühl, nun schon ein zweites Mal an die gleiche Grenze gestossen zu sein. Immer nur das gleiche sagen zu können, aber nicht weiter hinein hören zu können, in das Phänomen bestimmter Bilder.

Vielleicht das Unbehaben darüber, immer wieder „Generalistentexte“ abzuliefern, die ein Phänomen lediglich ganz allgemein ausdrücken, ihm aber im Detail nicht wirklich näher zu kommen.

Januar 28, 2009

Land’s End

27.04.2007

Am Ende des Bahnsteiges und entgegen der Fahrtrichtung
ein kühlender Wind und eine Sonne, die brennt.

In den Nachrichten der Fund einer zweiten Erde
- na endlich –
und „Leben ist möglich“
- auch das –
und ich – auf meinen Sitzknochen,
wie auf zwei Gnadenhöckern,
mit eingeschlossener Bauchkammer über
verschränkten Schenkeln und
einem grün leuchtenden, baumelnden Fuss.

Hier pflanzen sich die ungebetenen Pflanzen fort und
das Müllgedächtnis zeugt vom Überfluss rausgeworfener Rohstoffe,
die hier aufgeheizt, das Licht stumpf reflektierend,
schmutzig dümpelnd, vor sich hin gärend,
bis sie zeitverzögert, aber doch hoffentlich wieder,
in den Mutterschoss aufgenommen werden.

Es gibt nichts Ausserirdisches und damit nicht genug:
Warum sollte es Ausserirdisches geben?

Grenzerforschung ist das Eine,
für die, die immer ganz weit nach draussen wollen,
Aufgaben für die Daheimgebliebenen gäbe es an sich genug.

Die zweite Erde lockt.

Die „Rohstoff-in-Dreck-Transformation“ kann weitergehen.
Wenn es hier zu heiss wird,
dann ziehen wir eben um.
20 Milliarden Lichtjahre entfernt.

Und wem es in seinem Körper nicht gefällt,
der lässt sich eben operieren:
Prima Modelle geben die Lieblingsstars ab.
Das ist doch heutzutage alles gar kein Problem.

Die Sonne brennt.
Laut Nachrichten und Stimmung
kein Grund zur Freude und auch
kein Grund für Frühlingsgefühle.

Schliesslich sind wir längst im Hochsommer und
in nur wenigen Jahren wird man alles tun,
der Sonne zu entkomen.

So ist die Stimmung und auf den Gehwegplatten
erwärmt sich ausgespuckter Kaugummi.

Und dann gibt es die, die sich aufregen über so etwas.
Die, die sich ordentlich benehmen und niemals
einen toten Fisch kaufen würden.

Die Dinge, die ich mir wünsche und
die Kinder wünschen, die treten nicht ein.

Und ich nehme Trauer und Enttäuschung
in dem Vertrauen, dass das Leben es richtiger mit mir meint
als ich mit mir selbst: Was ich tu, das ist das eine,
was geschieht, das ist das Unerwartete.

Was ich mir wünsche, das trifft nicht ein.
Ich werde nicht gerettet und es kommt auch niemand.

Januar 28, 2009

MRT

28.01.2009

Vorgestern abend hatte ich eine Untersuchung meiner Wirbelsäule. Es wurde ein MRT angefertigt. Magnetresonanz…

Das war die Untersuchung in der Technoröhre. Schlimmer. In einem Moment kam ich mir vor wie unter Beschuss. Ich hab meinen Schutzengel gerufen, ein nepalesisches Mantra wiederholt und auch sonst mir so Gedanken gemacht, was es überhaupt heißt zu sterben, wenn im Augenblick einer solchen Untersuchung, es noch nicht mal möglich ist, sich zu entspannen und zu vertrauen.

Ich hatte Angst vor der Enge. Wichtig war es auch, sich nicht zu bewegen. Meine Nase hat gejuckt. Ein Grundpochen, das wie ein Herzschlag klang war immer von jenseits der Röhre zu hören.

Ich selbst lag drin in der Röhre. Der junge Mann, der mir gesagt hat, was zu tun ist, der hat mich vorher und nachher angeguckt, wie eine Irre. Der hat gar nicht verstanden, dass man sich über eine solche Röhre überhaupt aufregen kann. Er meinte, ich könne mit dem Kopf fast rausgucken.

Ich habe mich nicht getraut, die Augen zu öffnen. Den Fehler hatte ich das letzte Mal in einer solchen Röhre gemacht und dabei auf der Stelle den Reflex gehabt, ich müsse aus dem Ding rausspringen.

Was ja nicht geht. Man muss schon auf dem Tisch wieder aus der Röhre rausgefahren werden, sonst kommt man da nicht mehr raus. Man kann sich nicht einfach aufrichten und den Untersuchungsplatz verlassen. Obendrein sind solche Bilder, die da gemacht werden, ziemlich teuer und ich war ja dankbar, dass der Arzt mir diese Untersuchung verschrieben hat.

Ich habe in der Röhre dringelegen und mir Gedanken übers Sterben gemacht. All dieses Toben und dieser Widerstand im Inneren, der muss doch losgelassen werden. Dieses Aufbäumen, diese mitgebrachten Ängste. Sterben kann doch nur heißen, das man sich selbst auch lassen kann. „Sich selbst“? Also, diese ganzen Emotionen zum Beispiel. Hilfe, ich will hier raus…. Ich will mich bewegen. Der Platz hier ist unheimlich. Die Geräusche sind unheimlich. Einmal klang es wie ein Trommelfeuer. Und einmal habe ich das Gefühl, mein Körper würde in einen Wirbel eingerollt, der sich wie ein Wellenkamm um mich herumlegt. Das war eigentlich ein schönes Gefühl. Eingewickelt von einer unsichtbaren Welle, die nicht nass war.

Etwas macht was mit mir und ich weiß nicht was. „Nebenwirkungsfrei“ stand in dem Papier, das ich vorher zu unterzeichnen hatte. Vorher musste ich mich auch in einer Kabine auskleiden und die Türe zum Untersuchungsraum war verriegelt.

Ich musste warten, bis man mich aus der Kabine rausholt. Da steht man dann da, barfuss und in Unterwäsche, fröstelt und wartet, dass man rausgeholt wird, von jemandem den man nicht kennt und vielleicht auch noch nie zuvor gesehen hat.

Ich sollte mich auf den Fahrtisch legen, den Kopf bzw. Hals in eine vorgeformte Halterung. Dann bekam ich gelbe Ohrstöpsel aus einer Art feinem Schaumgummi, weil es in der Röhre doch so laut wird.

Ich wusste nicht, wie laut. Die Stöpsel flutschten immer aus meinen Ohrmuscheln raus. Haben also gar nichts gebracht. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich große Kopfhörer aufbekomme. Die hätten meine Ohren geschützt. Ein Gehörschutz, wie auf dem Bau.

Als ich in der Röhre drinlag, konnte ich meinen Ohren auch nicht mehr helfen. Man liegt da drin. Man weiss nicht, wann es losgeht. Man hört diese Geräusche. Man weiss nie, wie lange diese Geräusche dauern. Dann wieder Stille und man weiss nie, welches Geräusch als nächstes kommt und wann es beginnen wird. Stille und ich habe gewartet.

Ich habe mich nicht gewagt, die Augen zu öffnen. So lag ich im Dunkeln und habe nur gewusst, dass mich dieses Rohr umschließt und dass ich nicht rauskann und dass ich jetzt brav sein muss und dass ich die Bilder haben will und dass ich jetzt still halten muss und dass ich jetzt mitmachen muss und dass es ja zu meinem besten ist und dass es scheißegal ist, wie der Typ drauf ist, der mich in die Röhre reingefahren hat und dass eigentlich auch scheissegal ist, wie ich mich jetzt fühle.

Ob ich eine Decke wolle. Ja, habe ich gesagt, bitte und aufgeatmet. Danke. Nichts zu danken und schonwieder guckt er mich so komisch an. Alles klar bei Ihnen. Ja, habe ich gesagt, alles klar. Hier, sagt er, das ist der Notfallknopf, den brauchen sie nur zusammenzudrücken. Ich bekomme einen kleinen, dunkelbraunen Gummiball in die Hand gelegt und weiß natürlich, dass ich brav sein werde, keinen Ärger machen werde, meine komischen Ängste nicht weiter zur Schau stellen werde.

Ich will schließlich diese Bilder haben. Ich will wissen, wie meine Wirbelsäule aussieht. Ich liege still. Ich stelle mir alles vor, was ich jemals gehört habe, was man so tun kann, um sich selbst in einen besseren Zustand zu versetzten, um nicht das Opfer seiner Emotionen zu werden.

Plötzlich gelingt es mir auch. Mitten im Dunkeln. Plötzlich bin ich jenseits meiner Emotionen, die aus mir ein Nervenbündel und eine Irre machen und mich zu all jenen macht, die vor mir schon erzählt haben, dass es schrecklich ist in der Röhre. Ich habe auch an meinen Freund gedacht und was der wohl in der Röhre mit sich machen würde.

Wie lange dauert die Aufnahme? habe ich den jungen Typen vorher gefragt. Noch Fragen? Hat er mich gefragt und gottseidank ist mir diese Frage noch eingefallen. Eine Viertelstunde. Es hätte länger sein können. Aber eine Viertelstunde kann auch lang sein. Fünf Minuten in der U-Bahn sind schließlich auch eine Ewigkeit. Und bei zehn Minuten Wartezeit gehe ich lieber zu Fuß. Eine Viertelstunde in der U-Bahn sind drei Ewigkeiten.

Aber es hätte auch länger sein können. Ich habe eine Viertelstunde Zeit mit der Situation meinen Frieden zu machen, mich abzuregen, mich einzulassen und nicht das arme Würstchen zu spielen. Schließlich passiert mir doch nichts. Nicht wirklich. Weiß mans….???

Mein Freund, so stelle ich mir vor, der hätte sich vielleicht seinen Spaß gemacht und die Geräusche mitgemacht. Die sind schon ganz schön vielfältig. Am schlimmsten ist das Trommelfeuergeräusch. Alles, was so ähnlich ist wie Herzschlag, das geht ja noch.

Die schnellen Geräusche, die mich finden, meine Knochen finden, sich durch mich durch klopfen, pochen… die machen mir Angst.

Es kann doch gar nichts passieren. Den ganzen Tag über liegen Leute in der Röhre und seien wir froh, dass wir sie haben. Bilder aus dem Körperinneren. Großartig, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben, großartig, dass man diese Bilder machen kann. Heiliger Schutzengel mein. Om shanti. Frieden.

Plötzlich habe ich meinen Frieden und ich mache nicht mehr auf Krise, auf entsetzt, auf Angsthase, auf unschuldig. Ich bin irgendwo jenseits dessen und fühle mich relativ erwachsen.

Was für ein Leben. Was für eine Inszenierung. Was man heutzutage alles erleben kann. Ich denke daran, dass die Schulmedizin noch ganz andere Dinger draufhat. Die Maschinenbediener sind megacool. Die befassen sich nicht mit den Patienten. Diese Erbsen auf dem Fließband werden mit Gummihandschuhen eingedost. Hauptsache hier geht es hygienisch zu und die Röhre bleibt sauber. Papiertuch abziehen, zusammenknüllen. Der nächste bitte.

Ich sitze im Wartezimmer. Ich habe es hinter mir. Ich warte auf die Bilder, auf das Untersuchungsergebnis. Der Arzt kommt. Ob ich schon mal Probleme mit dem Rücken gehabt hätte? Ja, sage ich, schon. Zwei Bandscheibenvorfälle. Na ja, sagt er, jetzt haben sie drei.

Januar 9, 2009

Reisetagebuch

13. August 2007

Mein erster Badeurlaub – nach über zwanzig Jahren – beginnt bei strömendem Regen und 14 Grad in München.

Treffpunkt für alle sieben Mitreisenden (zwei kommen mit dem Flugzeug hinterher) sind die fertig beladenen und frisch gewarteten Autos: Drei junge Frauen Anfang zwanzig, zwei junge Männer auch in den Zwanzigern, der Vater von zwei der Mädchen und ich.

Die Autos sind vollgepackt und bis sie gepackt waren, gab es Kämpfe, Verhandlungen und Gefeilsche um jeden Gegenstand, der verladen werden sollte: Pro Person nur einen Koffer! Nicht dieser Liegestuhl, der ist zu gross. Wieviele Sonnenschirme, wieviel Abendgarderobe, wieviele Schminkaccessoires? Die beiden Bierkästen müssen unbedingt mit, der Wein auch. Es gibt da kein „gescheites“ Bier und der Wein aus den Abruzzen ist einfach besser.

Drei Kühlkisten fahren mit, damit es bei angenommenen 40 Grad gekühlte Getränke geben kann. Eine davon wird zur Abfahrt auch mit Wegzehrung gefüllt: Es handelt sich um ein Geschwader gebratener Hühnerspiesschen in den Geschmacksrichtungen „American Barbecue“ oder „Asian Curry“ – rot oder gelb. Die Spiesschen stammen von einem ortsansässigen Billigsupermarkt mit gemeinhin schlechtem Ruf und schmecken nichtsdestotrotz einfach hervorragend.

Einen Regenschirm hat – ausser mir – niemand dabei. Ich habe ihn ganz zum Schluss noch in den Koffer gezwängt. Kann ja sein, dass es regnet. Den Regen in München nimmt ausser mir niemand ernst. Die Kälte auch nicht.

Die jungen Damen tragen bereits Bikinis unter ihren T-Shirts und Strandschuhe unter den bequemen Reisehosen. Wir fahren schliesslich in die Sonne. „Bei so ‚nem Wetter sind wir wirklich noch nie abgefahren.“ und: „Hauptsache, wir kommen nicht bei so’nem Wetter an.“

Ich trage Jeans, Turnschuhe, einen Pullover über meinem T-Shirt und noch zwei Jacken. Eine Baumwoll- und eine Filzjacke. Man kann ja nie wissen, habe ich mir gedacht, lieber zu warm als zu kalt.

Ausser dem Wetter gibt mir allerdings niemand recht: Meine Filzjacke hänge ich auf dringendes Anraten meines Freundes noch in seiner Küche über einen Stuhl. „Wir fahren nämlich in den Urlaub und da brauchst Du Deinen alten Zausel nicht.“

Als mein Freund mich gefragt hatte, ob ich mit in den Urlaub fahren will, war ich total begeistert: Sommer, Sonne, Strand und Camping, etwas, das viele Menschen im Sommer tun und worauf sie sich freuen und natürlich die Aussicht, mit ihm zu verreisen. Wie schön!

In den letzten Jahren war ich meistens in München und Umgebung. Die Aussicht wegzufahren, wohin zu fahren, wo ich noch nie war, hat mich gereizt. Und dann die Aussicht auf das Meer und auf Camping: Als Kind war ich ganz versessen auf das Meer und ich konnte während der langen Autofahrten nach Spanien oder Yugoslawien den Augenblick kaum erwarten, wo ich zum ersten Mal das Meer am Horizont erblicken konnte. Das Meer war für mich der Inbegriff für Ferien und für etwas, wonach ich mich sehnte. Es war das absolut Besondere, das jegliche Anreisestrapazen rechtfertigte. Am bzw. im Meer habe ich mir als Vierjährige das Schwimmen selbst beigebracht.

Die Zweifel über meine Entscheidung Mitzufahren kamen dann aber auch: Was soll ich da? Werde ich mich mit den Leuten verstehen? Kann ich mir das überhaupt leisten? Angst hatte ich auch, wollte mir die neue Freundschaft ja nicht gleich verderben. Angeheizt von meinen Zweifeln taten mir die Knie so weh, dass ich kaum laufen konnte.

Nach ausreichender Zweifelzeit habe ich dann ein zweites Mal beschlossen mitzufahren und mir die nötigen Accessoires besorgt: einen roten Bikini, Sonnenmilch, schicke T-Shirts, kurze Hosen, Schwimmflossen und das Wichtigste: eine Marken-Sonnenbrille, denn – so wurde ich vor der Reise aufgeklärt und vorbereitet – : „Der gemeine Calabrese wird mit einer Sonnenbrille auf der Nase geboren.“

Wir fahren mit zwei Autos. Schneeweiss beide: ein zum Campingbus umgebauter VW-Bus und ein Ford Transit, ebenfalls zum mobilen Ferienheim umgebaut. Auf dem Campingplatz in Süditalien wartet zusätzlich ein kleiner, ursprünglich aus neapolitanischem Besitz stammender Wohnwagen auf uns.

22 Stunden Autofahrt bis ins Ferienparadies stehen bevor. Ich weiss nicht, wie ich so eine Strapaze durchhalten werde, und ich habe kaum eine Ahnung, wo es hingeht. Ich habe mir keine Fotos zeigen lassen und mich auch sonst nicht informiert. Keine Namen, keine Fotos. Ich wollte mich überraschen lassen und in den Urlaub. Ich weiss nur, dass es nach Süditalien geht, ich dort schwimmen und laufen kann, so viel ich mag.

Die Fahrt beginnt im Regen und kaum haben wir Österreich erreicht, die Unberechenbarkeit österreichischer Polizisten gegenüber deutschen Verkehrsteilnehmern durchdiskutiert (vor allem wenn sie ohne Licht fahren) und auch deren unfehlbares Augenmass, wenn es darum geht, die Geschwindigkeit der Verkehrsteilnehmer auf den km/h genau zu bestimmen, haben wir auch schon ein erstes Problem:

D. fährt das Auto und plötzlich fällt beim Schalten die Stromversorgung im Transit aus. Licht, Blinker, Kühltruhe und Radio, das schon fröhlich plärrte, fallen aus und der Motor bekommt keinen Sprit mehr, der Tritt aufs Gaspedal bleibt vollkommen folgenlos. D., der das Auto zum ersten Mal fährt, reagiert bewundernswert ruhig.

Mitten auf der Autobahn rührt sich am Auto nichts mehr. Wir rollen auf den Seitenstreifen, öffnen und schliessen die Fronthaube und alles geht wieder. Ein Wackelkontakt an ungeklärtem Ort. Das Problem wird uns und dann auch einen ADAC-Mann die nächsten 1.650 Kilometer mal mehr und mal weniger, genauer gesagt: vollkommen unberechenbar, beschäftigen.

Kontaktspray wird eingesetzt, Schrauben auf- und wieder zu gedreht. Mutig geht es weiter. Zu spät zur Umkehr, wir wollen nach Calabrien. Ich sitzte auf dem Beifahrersitz und verfolge ängstlich jeden Tritt aufs Gaspedal. Jede Unebenheit in der Fahrbahn kann den Wackelkontakt auslösen. Mir ist als müsse ich die Luft anhalten und mich möglichst wenig bewegen. Die Stromversorgung schwächelt; die Kühlkisten werden abgeschaltet, das Radio auch. Selbst der Blinker kann einen Totalausfall hervor rufen. Was für ein spannendes Spiel. Bei aller Flucherei und Ungewissheit: mein Freund ist im Grunde begeistert: Diese Reise ist nicht langweilig!

Zwischen Motorausfällen, ersten gefahrenen Kilometern, Gesprächen über das Wetter und über Reisekrankheiten, liegen die bereits erwähnten Hühnerspiesschen. Eine Köstlichkeit.

Und dann die Erzählungen, die Begeisterung und die Vorfreude der anderen, die unser Ziel schon seit vielen Jahren kennen und immer wieder dorthin wollen: Das Meer ist direkt am Campingplatz und man kann an der Küste entlanglaufen. Es gibt Felsen auf und über die man klettern kann.

Zigaretten werden geraucht. Bei jeder Zigarette kurbel ich das Fenster runter und halte den Kopf aus dem Fenster und in den Regen raus. Meine Augen jucken, aber ich will nicht gleich am Anfang zicken. Es reicht mir, wenn ich acht Leute und zwei Autos anhalten muss, wenn ich mal auf’s Klo muss. Und ich muss öfters…

Zu unserem Fahrtziel: „Capo Vaticano“: was der Vatikan sich reserviert, das muss einfach gut sein, hat mein Freund sich gedacht, als er vor 25 Jahren zum ersten Mal dort „landete“. Er erzählte mir, dass er unweit von Capo Vaticano mit seiner Familie wild kampiert hatte und dass ihn Carabinieri gewarnt hätten:

Es sei nicht empfehlenswert, wild zu kampieren. An der Küste sei gleich ein Campingplatz. So wurde Camping „La Scogliera“, direkt an der Küste – vorne das Meer, dahinter eine steile Felswand – gefunden.

Capo Vaticano liegt direkt am Meer, an einer Küste und einem Strand, wie man es nicht schöner malen kann. Der Horizont dehnt sich wie der hintere Rand einer gigantischen Scheibe aus. Es ist der Horizont, an dem sich Himmel und Meer in einer nicht genauer zu bezeichnenden Linie vereinigen, an einem Ort, an dem das eine an das andere anschliesst – das Meer an den Himmel.

Die Farben des Meeres reichen von Türkis, Hellgrün, Hellblau bis in dunkelstes Blau. Es ist von Wellen durchzogen und wird bewegt wie von unsichtbaren Fäden, die es wellenweise wie einen unermesslichen Stoff anheben und wieder senken. Das Meer plitschert, glitzert und schäumt es unversehens in der Sonne, mit seiner von kleinen Sternen übersähten Oberfläche.

Das Meer ist eine bewegte Fläche, die bis zum Horizont reicht. Es erscheint in unergründlich intensiven Farben, die sich bis zum hinteren Rand des Sichtfeldes vertiefen, so als würden die Wassermassen hier so dicht wie möglich zusammengeschoben, unmittelbar bevor dann alles in der Horizontlinie endet. Dort, wo alles zum Strich oder zur abschliessenden Begrenzung wird und beide Enden, der Himmel und das Meer einander säumen, das eine am Rande des anderen endet.

Das sind die Aussichten. Doch noch ahne ich nichts vom Ende dieser Reise. Wir fahren in die Nacht und in den Morgen und wie weit 22 Stunden Fahrt sind, das weiss man erst, wenn man sie wirklich gefahren ist. Ich sitze die ganze Zeit auf dem Beifahrersitz und schlafe nicht. Als Beifahrer fahre ich mit. Mein Freund und D. wechseln sich mit dem Fahren ab und mir kommt vor, ich würde sie bewachen, damit sie nicht einschlafen. Die Strassen sind frei. Wir fahren völlig ungehindert. Die Jungs halten sich mit Redbull und Zigaretten fit. Ausserdem hören sie Musik und singen vor sich hin. Nein, an schlafen ist wirklich nicht zu denken. Je grösser und unwiderstehlicher die Müdigkeit wird, um so mehr nimmt auch die Überreizung zu und es ist ein Akt der Selbstbeherrschung, nun nicht genervt auf alles zu reagieren.

Wie vorausberechnet erreichen wir nach 22 Stunden Autofahrt und einem Grosseinkauf im Supermarkt am späten Sonntagvormittag unser Fahrtziel. Und ich staune nicht schlecht, welche Energien – besonders bei den Damen – plötzlich mobil werden, als es um die Standortverhandlungen auf dem Campingplatz geht.

Der Platzwart hatte Plätze am falschen Ende des Campingplatzes vorgesehen, dasjenige an dem angeblich die falschen Leute campieren und an dem die Schlangen hausen und an dem man niemanden kennt, die Bar zu nahe ist und die Klos zu weit weg. Es ist als hätte man uns in einem asozialen Viertel einquartiert. Skandal! Beschwerden! „Papa, sag’ Du doch mal was…. Das können wir uns unmöglich bieten lassen.“ usw. Ich staune nicht schlecht.

Aber was weiss ich? Hier kann ich weder mitreden, noch habe ich die Energie dazu. Ich kenne den Platz noch nicht. Mir ist alles egal. Ich stehe völlig neben mir und neben einem schlecht gelaunten, empörten Trüppchen hübscher, junger Damen und starre lautlos duldend vor mich hin. Mir fällt einfach nichts mehr ein und ich werde immer tonloser. Blos, um keine unnötige Energie zu vergäuden. Schlafen könnte ich jetzt auch nicht, aber mitreden kann ich hier auch nicht. Genau genommen verstehe ich nur teilweise, worum es eigentlich geht.

Nachdem neue Stellplätze gefunden wurden – und wir brauchen insgesamt mindestens drei – und die ersten Italiener begrüsst wurden, die man seit über zwanzig Jahren kennt, beginnen die Verhandlungen darüber, welches Auto und welches Zelt auf welchem Platz stehen soll und wo die „Lagerzentrale“, d.h. Tische und Kochplatz, aufgestellt werden sollen. Ich spüre das Geziehe und Gezerre völlig unterschiedlich gelagerter Interessen und allmählich rühren sich auch die meinen.

Zumindest steht fest, dass ich mit L. im Wohnwagen schlafen werde. In diesem kleinen, neapolitanischen Kügelchen, dass ich, sobald es an den richtigen Platz gezogen wurde, ausräume, putze und wieder einräume. Es gefällt mir gut, nun endlich etwas tun zu können und nicht ständig vollkommen passiv daneben zu stehen und bloss nicht auch noch Lärm zu machen.

Ich putze mich in den Wohnwagen hinein. Finde dort alle möglichen Gegenstände, die sich dort in den vergangenen Jahren angesammelt haben, treffe auf die Geschichten, mit denen ich nichts zu tun habe und gerate mehr und mehr in diese Fremde hinein, die ich mir anzueigenen suche.

Ich finde eine japanische Glückskatze, eine überlebensgrosse, grüne Plastikheuschrecke, die beim Abstauben zerbricht oder vielleicht schon vorher zerbrochen war, entdecke Muschelaschenbecher, Vulkansteine, Sonnencremes, Küchenhandtücher und all die Tauch- und Schwimmaccessoires, die sich über die Jahre hinweg angesammelt haben. Ich zähle vier Sonnenschirme, acht Taucherbrillen, etliche Paar Schwimmflossen in Kindergrössen, das Schlauchboot, den Motor und Benzinkanister zusammen und lege alles unter den Wohnwagen.
Der Wohnwagen richt nach Benzin. Also mache ich alle Fenster auf und putze so viel wie möglich, in der Hoffnung, dass der Geruch dann von Putzmittelgeruch geschluckt oder überlagert wird, klopfe die Polster aus und richte zu guter letzt das Bett her. Als ich mir in der Wohnwagenküche auf dem Gasherd einen Tee koche, kommt Freude auf. So als wäre das hier nun mein Reich.

Hier beginnt also auch mein Urlaub. Schliesslich kenne ich niemanden aus dieser Reisegesellschaft wirklich gut. Noch nicht einmal meinen Freund und ich hatte keine Ahnung, wie es mit ihm zusammen unterwegs sein würde.

Und ich hatte auch keine Ahnung, wie sehr er von seiner Rolle als „Lagerleitung“ oder „Chef“ in Anspruch genommen sein würde. Vor Fahrtantritt hatte er sich von mir lediglich gewünscht, dass ich ihn unterstützen möge.

14. August 2007

Das Wasser ist vollkommen klar. Die Farben meergrün, grün und dunkelblau. Heute ist das Meer ruhiger als in den beiden letzten Tagen. Vom Stromboli ist nichts zu sehen. Das heisst, dass das schöne Wetter bleibt. Es ist heiss, ich liege am Wasser, im warmen Sand und mir machen bei aller Schönheit der Umgebung drei Nächte ohne Schlaf zu schaffen.

Ich gehe schwimmen in diesem wunderbar weichen Wasser. Es trägt meinen Körper und streichelt die Haut. Es ist nicht zu kalt und es ist so klar, dass man die rundgewaschenen Kieselsteine sehen kann, die wie eine kleine Bank am Ufer unter der Wasseroberfläche liegen.

Heute haben L. und ich eine Fahrradtour unternommen. Immer die Berge hoch, Richtung Tropea, entlang der Landstrasse und durch kleine Ortschaften hindurch. Ich muss mich sehr auf’s Fahren konzentrieren. Ich fahre mit einem Steppenwolf Rennrad. Es ist ganz leicht und hat sehr dünne Reifen. Nicht überall sind die Strassen makellos und die Reifen springen ganz schön, wenn ich über einen Stein oder eine Unebenheit fahre. Die meiste Zeit sehe ich auf den Boden, sehe wie die Strasse unter mir herfährt und sehe den ganzen Müll, der irgendwann einmal aus irgendwelchen Autofenstern rausgeflogen ist. Dosen, Flaschen, Papiere, Plastik. An den Strassenrändern wachsen Schilf, Gräser, Bodendecker, Wegwarten, kleine Kräuter und viele Feigenkaktusse. Alles Wild und vieles auch etwas verdorrt. Vielerorts hat es bis an den Strassenrand gebrannt. Neues Unkraut wächst zwischen abgebrannten, schwarzen Grasbüscheln und neuem Müll. Viele feingemahlene, glitzernde Scherben. Ich passe auf meine Reifen auf.

Es ist, als läge der Müll aus lauter Sorglosigkeit da. Was lästig ist, lässt man fallen. Wozu sich abquälen?

Ich bin nicht so geübt darin, alles fallen zu lassen und ehrlich gesagt, bin ich manchmal neidisch, meinen Freund zu sehen, der sich eh wie ein Calabrese fühlt, der manchmal eine Spur hinter sich lässt, mit Dingen, die er fallengelassen hat: Hosen, Schuhe, Müll und Zigarettenasche. So wie es gerade kommt. Der Boden ist doch da, alles aufzunehmen, was er gerade fallen lässt. Und es ist Sorglosigkeit darin, keine Unordnung, kein schlechtes Gewissen und schon gar keine Umweltverschmutzung. Es ist und bleibt einfach Fallengelassenes und damit verbunden, die Bereitschaft auch wieder etwas Neues aufzunehmen. Ganz einfach: Hinten fallen lassen und vorne aufnehmen. Immer weben, knüpfen, basteln, planen und immer in der Vorfreude für einen neuen Plan und immer auch im Schwärmen für die vergangenen Pläne. Bewundernswert.

Gestern sass ich auf einem Felsen am Meer. Wie eine Nixe auf einem Extrafelsen unter anderen Felsen. Ich war dorthin geklettert. Mein erster Ausflug in die Küstenfelsen. Allein. Ruhig und etwas abseits vom Strandbetrieb. Eigentlich wollte ich mich dorthin verziehen, um ein wenig zu schreiben. Ich hatte alles mitgenommen, was ich zum Schreiben brauche: meine Thermoskanne mit Tee, mein Schulheft, meine Sonnenbrille, ein Handtuch (ohne Handtuch hinterlässt der rauhe Granit seinen Abdruck in der Sitzfläche) und Sonnenmilch. Nur den Stift, den hatte ich nicht eingepackt. Und dann sass ich auf dem Felsen und war dazu verdammt, einfach da zu sitzen und in die Gegend zu schauen. Und dann sass ich auf dem Felsen, habe das Ein- und Ausatmen des Meeres als einen Rhythmus begriffen, in dem etwas kommt und etwas geht. Jederzeit. Ich habe es nicht als klugen Gedanken erfasst oder mir ausgedacht. Nein, das war plötzlich da, als eine Erfahrung, die das Meer mit sich bringt. Ein Rhythmus, der auch im Menschen angelegt ist. Einatmen, ausatmen, nehmen und geben. Gleichzeitig fingen meine Gedanken zu pendeln an.

Ich dachte an meinen Freund L., an Eindrücke, die er in mir hinterlassen hat, insbesondere an all das, wo er sich von mir unterscheidet. Er sorgt gut für sich, erfüllt sich ständig Wünsche und davon hat er viele: Er hat immer Hunger und ist fast immer auf dem Sprung und bereit, etwas Essbares zu ergattern. Viele seiner Wünsche und Ziele haben mit Essen zu tun. Sättigungsphasen halten nicht lange an. „Nach dem Essen“, ist für ihn „vor dem Essen“. Und wenn das nicht so ist, dann geht es um’s Trinken oder um seine Zigaretten. Hinzukommen die Erfüllung und Ausübung also Sättigung von Bubenträumen: Schöne Anblicke und Soundkulissen, Sonnenbaden, Fahrradfahren, Bootfahren, Angeln, Kochen, Managen und Organisieren. Dazwischen, zwischen allen Aktivitäten, liegen viele Zwischentöne von sehr speziellen und vor allem völlig einmaligen und unteilbaren Vorlieben und Freuden, die ihm allerorts begegnen. Es ist als würde er an jedem Ort sofort auf etwas stossen, was ihm lieb ist. Ob es der spezielle Klang eines Rascheln im Gebüsch ist, die Form eines Autos, die Art eines Menschen, sich zu bewegen oder der Anblick eines wasserspeienden Brunnenlöwens, wo ihm der Gesichtsausdruck so gut gefällt, dass es sein Lieblingslöwe ist. Sein Lieblingslöwe, sein Lieblingshaus, sein Lieblingscafé, das vor dem Eingang gewölbeartig mit einem Gemisch aus Efeu- und Weinlaub überzogen ist. Darunter stehen kleine Tische. Links und rechts vom Eingang sitzten stets zwei Parteien kleiner, alter Männer. Die einen sitzen nebeneinander und blicken auf die Dorfstrasse und manchmal setzt sich die Caféinhaberin zu ihnen. Die anderen sitzen an einem runden Tisch zusammen und unterhalten sich. L. erzählt mir, dass die Männer von morgens bis abends dort sitzen. Er scheint sie über viele Jahre hinweg beobachtet zu haben. Immer wieder. Er erzählt mir davon, dass sie üblicherweise morgens die Zeitung durchnehmen und jeden Artikel gesondert durchsprechen. Jeder gäbe dann seinen Senf, seinen Kommentar und seine Meinung dazu. Hier wird also Politik gemacht. Wie im Altenheim sieht das Miteinander der alten Männer nicht aus. Im Gegenteil: Sie haben hier ihre Aufgabe und Mission und sei es die, das Leben der anderen zu beobachten und zu kommentieren. Die Männer haben weder ihre Schönheit, noch ihre Würde oder gar ihre Lebenslust verloren. Und viellleicht ist es auch das, was L. so anziehend macht, vor allem sein Blick auf die Umgebung: Es ist nicht so wichtig, wen oder was jemand mag oder was ihn beschäftigt. Entscheidend ist, dasss es beachtet, zelebriert und gefeiert wird. Was es auch ist. Jeder Ort, jedes Alter. Man kann auch mit Flüchen ein herrliches Theater aufführen – solange es einer Performance mit Unterhaltungswert dienlich ist. L. begeistert sich über vieles, erlebt einen Höhepunkt nach dem nächsten und selbst die Tiefpunkte sind, wenn keinen Höhenflug wert, so doch mindestens für etwas gut. Und er weiss sich gegenüber Spassbremsen abzugrenzen.

Zu den wichtigsten Fragen des Tages gehört also auch im Camp: Was essen wir heute?
Was nur wenige ahnen: es wird gegessen, was der Chef vorschlägt. Das ist meistens so gut, dass es keinerlei Widerspruch gibt.

Daraus folgt: Wann fahren wir zum Einkaufen? Morgens früh oder am abend, wenn sich die Luft ein wenig abkühlt und die Sonne nicht mehr so hoch am Himmel steht. Der Berg, den man mit dem Fahrrad hinauf muss, ist sehr steil – viele Höhenmeter auf nur wenigen Längenmetern.

Wir sind jetzt 9 Leute. Die beiden, die geflogen sind, sind am Abend unserer Ankunft auch eingetroffen – das, nachdem sie 130 Euro für die Taxifahrt vom Flughafen zum Campingplatz zahlen mussten. Übers Ohr gehauen worden sind sie. Kein schönes Gefühl und schade ums Geld. Das hat ihre Ankunft erst mal überschattet. Sie waren regelrecht angepisst, aber nicht allzulange. Gutes Essen und guter Wein und gutes Bier und gute Zigaretten bringen die Jungs wieder auf Tour und zu guter Laune. Es ist, als wäre schlechte Laune ein leicht zu behebendes chemisches Problem ohne jede weiterführende Bedeutung.

Jeder hat sein Art oder eine andere Art. B. liebt seine Freundin, allerdings auf eine Art, die J. zutiefst beunruhigt. Drum wirkt sie manchmal so, als wäre sie nicht so gut ansprechbar. J. liebt B. – aber manchmal scheint sie sich zu wünschen, er wäre anders. B. ist ein Charmeur, der sich auf allen Spielfeldern erprobt und er ist ein entwaffnender Spieler.

Sie schmökert viel, und so liebt sie ausser B. auch ihren Schmöker. Der Schmöker geht mit an den Strand, mit an den Essenstisch und auch zwischen den Mahlzeiten leistet er gute Dienste. J. hat ihren Schmöker in den ersten Tagen kaum aus der Hand gelegt. Ich bin vor lauter Respekt vor ihrem Schmökern nicht auf die Idee gekommen mal nach zu fragen, wovon die Geschichte eigentlich handelt. Auch habe ich den Buchdeckel nicht wirkich registiert. Sagen wir, ich habe den Schmöker als Schild zwischen ihr und mir erlebt und mich nicht über den Zaun gewagt – so von Nachbar zu Nachbar, um mal zu gucken, was der so auf dem Grill liegen hat. L2. ist mehrfach und intensiv mit ihrem Bauchnabel beschäftigt. Unmittelbar vor der Abreise hatte sie noch eine Blinddarmoperation. Eine kleine Kamera war über den Bauchnabel in das Körperinnere eingeführt worden, so dass ein kleines Loch im Bauchnabel genäht worden ist. Ausserdem zeugte ein blau-grüner Bluterguss unterhalb des Bauchnabels von dieser Operation. Die eigentliche Blinddarmnarbe war kaum zu sehen. Dort wo früher eine 10 cm-Narbe mit Naht zu sehen war, ist heute gerade mal ein kleiner, roter Fleck zu sehen. L2. befürchtete, dass Dreck in die Naht am Bauchnabel und damit auch in ihren Bauchnabel gelangen könnte. Sie hatte panische Angst vor einer Bauchfellentzündung. Mit Krankheiten und Medikamenten kennt sie sich sehr gut aus und sie liebt es, medizinische Ratschläge zu geben und verfügt auch über einen sehr gut ausgerüsteten Medikamentenkoffer. Nachdem eine Tischreservierung im Lokal auf den Namen Lussenburgo ausgestellt war, nannte ich sie la Dottoresse Lussenburga und dichtete ihre eine kleine Privatklinik in den Küstenfelsen von Capo Vaticano an. L2. ist nur selten ohne die Begleitung ihrer Schwester C. anzutreffen. Genau genommen sind die beiden immer ähnlich gekleidet, gehen gemeinsam zum Strand, ins Wasser, ins Waschhaus und in die Disco. Die eine unterstützt die andere, vertritt die Interessen der anderen und spricht schon mal für die andere, wenn die eine nicht kann.

Januar 8, 2009

Ein Schneemann

 

Ein Schneemann

Ein Schneemann

Januar 8, 2009

Noch ein Schneemann

 

Noch ein Schneemann

Noch ein Schneemann