April 27, 2009...7:49

Der Fleck

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Ein nasser, dunkler Fleck, kleiner als ein Fünfmarkstück, auf dem Meer eines frisch gebürsteten Holzparketts.

Rippe für Rippe. Die Gräten des Parketts dehnen sich aus in all den vielen Räumen, doch ein Fleck trübt die Größe, unterbricht.

Eine Stunde lang habe ich ihn gesehen, bin immer wieder auf meinem Weg woanders hin, so ganz beiläufig an ihm vorbeigekommen, habe beschlossen, diesen Fleck sich selbst zu überlassen, er wird schon wieder verschwinden, trocknen oder so.

Was auch immer dieser Fleck ist – er glänzt nass, also kann er trocknen.

Zwei Stunden: Zum dreissigsten Mal oder vierzigsten Mal, muss ich an diesem Flecken, diesem ohne mein Zutun hier an diese Stelle draufgetropften Flecken vorbei.

Hier spiegelt sich das Licht ganz anders, wird zurückgeglänzt, wo überall drumherum das geschrubbte Holz milde lächelt und indifferent die Schritte duldet.

Stunde drei: Er glänzt undvermittelt und er ist nicht alleine, wenn man genau hinsieht, denn gibt es noch andere solche Flecken. Blasser und kleiner zwar, aber trotzdem.

Ich erinnere all die vielen Tropfen auf dem frischen Parkett in den Tagen des Einzuges. Jeder Tropfen hinterliess einen hellen Stern auf dem frischen Parkett. Hinterließ einen Makel inmitten der Makellosigkeit.

Denkmale. Stolperfallen. Blickfänger. Verzögerungen. Aus dem Takt kommen. Drumherumkommen.

Stunde fünf, sechs und sieben: Das Gewissen plagt schon arg. Soll sich doch jemand anders um den Fleck kümmern. Ein Verursacher zum Beispiel.

Warum immer ich? Sehe diesen Fleck nur ich? Sieht ihn denn kein anderer? Wer hat den Fleck dahin gemacht?

Oh, so ein Fleck, das gibt Ärger! Der Fleck muss weg. Der verschandelt ja den ganzen Fußboden.

Der nervt mindestens so sehr wie ein einsamer Kuchenkrümel auf einem frisch gesaugten Fußboden.

Der Fleck bleibt. Er trocknet nicht. Von Mal zu Mal, dass ich an ihm vorbeilaufe, verlangt er mir noch mehr Aufmerksamkeit ab.

Doch ich bleibe heldenhaft standhaft:

Ich werde mich nicht um diesen Fleck kümmern. Ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern.

Wo kämen wir denn da hin, wenn ich mich auch noch um so dämliche, lächerliche Flecken kümmern würde? Da käme ich ja überhaupt nicht mehr nach Hause und nicht ans Ziel.

Nein, diesmal werde ich nicht schwach. Soll der Fleck doch sehen wo er bleibt. Soll er doch tun und lassen, was er will. Ich werde mich nicht um ihn kümmern. Soll er doch schreien, jammern und flehen. Soll er doch glänzen, fetten, dunkeln. Soll er doch ätzen, schwärzen.

Soll er doch verrecken, dieser jämmerliche Tropf. Soll er mir doch hinterherbrüllen, hinterherrennen, soll er mich doch verfolgen, wenn er sich traut…

Ich nicht. Nicht jetzt. Nicht heute. Nicht schon wieder. Nicht immer ich. Nicht immer nur ich.

Ich hole den Schwamm aus der Küche. Ich wische den Fleck weck. Bin glücklich, dass der Boden wieder unversehrt und ich ungestört meiner Wege gehen kann.

Der Fleck ist nicht mehr da. Ich vermisse ihn nicht.

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