Gestern früh gönnte ich mir noch vor der Arbeit einen Milchkaffee im Zwischengeschoss am Hauptbahnhof.
Da gibt es ein kleines Stehcafé, wirklich winzig, in dem immer mindestens drei Mitarbeiterinnen hinter der Theke stehen, die alle Hände voll zu tun haben.
Es gibt Brot, Gebäck und frisch belegte Brötchen – die Klassiker: Käsebrötchen und Fleischwurstbrötchen. So wie die früher mal waren. So ganz normale Brötchen, aus denen seitlich die eckige Käsescheibe rausflappt. Ganz frisch.
Und dann gibt es natürlich den riesigen Automaten, der den verschiedenen Arten heutiger Kaffeézubereitung einigermaßen gewachsen ist. An der Wand hängt ein Plakat: Hazelnut-Mint Kaffee und noch eine andere parfümierte Sorte. Handgeschrieben mit dicken Filzschreibern und drumrum Luftschlangen.
Das Café ist wirklich winzig. Manchmal stehen die Kunden schon von draußen Schlange. Seitlich ein paar Stehtische, die mit sonnenblumengelben, halblangen Hochglanzplastikfolien abgedeckt sind. Milchkännchen, Zuckerstreuer und eine kleine Plastikprimel im Plastiktöpfchen stehen jeweils obendrauf.
Eine zeitlang ging ich jeden Morgen in dieses Café. Da gab es auch eine kleine, bucklige alte Frau, deren ganzes Vergnügen es zu sein schien, vollkommen ehrenamtlich die Tische abzuräumen.
Sie hinkte mehr als das sie ging, war kleiner als die meisten Gäste und sie lauerte geradezu auf das nächste freiwerdende Geschirr. Sie blühte vor Verantwortung, Wichtigkeit und Freude an ihrem Job, den sie sich selber kreiiert hatte. Die Damen vom Service ließen sie stets gewähren.
Auch ist mir schon einmal aufgefallen, dass Obdachlose, die vom Bahnhof runterkommen, sich bevorzugt hier eine Tasse schwarzen Kaffé leisten und manchmal sogar ein Brötchen dazu. Und die Damen vom Service, die kennen ihre Pappenheimer und sind total freundlich, zuvorkommend und auch aufmunternd gegenüber den Obdachlosen. Sie behandeln sie mit mehr Aufmerksamkeit, als die normalen Kunden – oft die Eiligen und Flüchtigen aus der Geschäftswelt, die mit ToGo-Pappbechern, geknickten Trinkhalmen und Aktenkoffern weiterlaufen.
Das kleine Stehcafé im Zwischengeschoss zwischen Fernzügen und S-Bahn ist eigentlich kein Coffetogo-Betrieb. Die Servicedamen tragen gelb weiss längs gestreifte Schürzen und sie werden von einer zackigen Filialleiterin streng überwacht.
Manchmal bleibe ich im Café selbst und manchmal stelle ich mich an einen der Stehtische, die außerhalb, direkt im Zwischengeschoss, aufgestellt sind. Mein Milchkaffee ist dann die Eintrittskarte für die Aussichten auf die vielen Reisenden.
Ich hänge mehr an dem Tisch als das ich stehe. Manchmal lehne ich mich auch an ein Mäuerchen zurück, und ich geniesse diese Art Live-Fernsehen.
Das Vorbeiströmen irgendwelcher Leute, die permanente Abwechslung. Geniesse Blitzeindrücke, die die Leute hinterlassen: Der ist doof und der ist nett.
Ich stehe da, lasse mich gehen, gedankenverloren und verliere Gedanken, nichts hält sich lange, die Eindrücke kommen und gehen. Ich behalte nichts, zerstreue mich, denke nicht an zuhause und auch nicht an die Arbeit, sondern bin einfach nur dort und glotze. Kurze Kontakte, ein Lächeln, einfach so.
Flüchtige Miteinander und es ist noch etwas Zeit. Rumstehen, an einem Ort, an dem man eigentlich nicht stehenbleibt. Zwischenzeit und Aufenthalt in einer unverbindlichen Zone. Ich bin allein und andere auch. Gemeinsam belauschen wir die, die zu zweit kommen.
Mit den Fingern das Lacktischtuch befühlen, die Plastikprimel rumdrehen, sinnlos verschieben, den Zuckerstreuer geraderücken, beim Nebenmann in die Zeitung reinlesen. Ich liebe das und manchmal gönne ich es mir.