„Sei fröhlich“, hat er mir hinterher gerufen, als hätte er die ganze Zeit gespürt, wie schwer mein Herz eigentlich ist. Durchschaut hat er mich, gespürt hat er mich und ruft es mir dann zu, dieses „Sei fröhlich“ – ganz zum Schluss, im letzten Moment, gerade dann, wenn ich nur noch nicken kann, wie im Reflex, gerade dann, wenn ich nichts mehr sagen kann, gerade dann, wenn ich damit stehen bleibe, damit zurück bleibe, während ich sein Auto sehe, wie es um die Kurve fährt, elegant versteht sich und voller guter Laune, weil es doch ein so schönes Auto ist.
Natürlich hat mich das getroffen. Wie alles. Immer trifft es mich. Immer bleibe ich vollkommen perplex da stehen und weiß überhaupt nicht, was ich machen soll. Immer fühle ich mich blöde, fühle mich, als würde ich ganz fundamental etwas falsch machen. Ganz grundsätzlich. Jeder hat es verstanden. Nur ich habe es nicht oder nur teilweise verstanden. Ich kenne sie ja diese Aufforderungen zu etwas, was ich sicher „gerne“ tun würde, wenn es dabei um eine Verstandesentscheidung ginge. „Sei fröhlich“.
Ich gucke auf die Straße. Sehe an den Bürgersteigrändern diese Massen eingetretenen, angetauten und wiedererfrohrenen Schnees. Diese weissen Minialpen. Ich bin froh, dass ich in Spezialwinterstiefelchen drinstecke und meinen Füßen diese Schneemengen nichts anhaben können. Ja, ich kann sie sogar geniessen. Es ist doch schön, dieses Weiß. Es ist etwas Besonderes. Ein Ausnahmezustand. Diese gefrohrene Welt.
Gefrohrene Fußabdrücke und Reifenspuren zeigen blinkend ihre vereisten Profile im Sonnenlicht. Die Trambahn fährt trotzdem. Die Ampel steht auf rot. Ich warte auf grünes Licht. Ich gehe los, mit kraftvollem Schritt.
Neulich sah ich mich mal überraschenderweise in einer Spiegelscheibe und befand meine Bewegungen hätten keine Energie. „Zeig’ Deine Energie“, so heißt es doch im Fernsehen bei den ganzen Popstar-Schmieden. „Da steckt noch mehr drin“, heißt es auch.
Ich gehe, konzentriere mich auf’s Gehen und gehe forschen Schrittes, energiegeladen. Will meine Muskulatur spüren, meinen Körper spüren, meinen wunden Körper vorwärtsbringen. Meine Verzweiflung ist immer innerlicher. Niemand will sie mehr haben. Mein Verzweiflung sitzt so in mir drin. Wie gut, wenn ich schreiben darf, was ich will. Wenn ich ihr Ausdruck verleihen darf.
Ich Sturschädel. Du hast Dich doch Dein ganzes Leben lang nicht verändert und irgendwie kann ich nicht weiter gucken, als bis zu meiner Nasenspitze. So spüre ich sie, meine Befangenheit, mein Eingesperrtsein „in mir“. Ich kann versuchen zu erkennen und zu kontrollieren, diese Welt à la F.
Jeden Zweifel, den man haben kann, ich habe ihn. Er ist immer schon da, noch bevor ich mich für oder gegen etwas entschieden hätte. Meine Mutlosigkeit, sie ist immer schon vor mir da, sie sitzt schon an meinem Platz, noch bevor ich mich für sie entschieden hätte. Mein Glaube an den Untergang, er ist immer schon da, sitzt angeschnallt auf meinem Platz und wartet darauf, mir mir abzuheben. Und wenn es etwas Trauriges oder noch etwas Trauriges gibt: ich habe es schon aufgenommen und trage es mit mir herum, trage es wie ein Hund in der Schnauze mit mir herum.
Ich blicke in die Vorgärten. Hoher Schnee liegt in den Vorgärten. Die Pflanzen sind bedeckt. Der Schnee schimmert bläulich. Schatten sind hellblau, wenn man genau hinsieht.
Ich habe mir im Internet ein paar Fotos angesehen. „Salamandra“ macht so schöne Fotos. Sie sind oft so ganz einfach: Eine Pflanze, ein Café, das aussieht wie ein Aquarium, ein Schäferhund, der vor einer Hauswand liegt und die Fotografin ansieht.
Ich habe diese Fotos gesehen und war sofort getröstet. Diese Fotos hatten für mich etwas Beruhigendes: Schau, diese Schönheit in der Welt, in den Dingen. Du kannst sie entdecken, du kannst sie sehen. Sieh hin. Die Schönheit des in der Welt Seins, man kann sie sehen, offenen Blickes würdigen. Die Fotos sind Würdigungen und Begegnungen mit allem, was da ist.
Sie haben mich getröstet. Auf der Stelle, gewann ich Boden unter den Füßen und freute mich über meine Teetasse mit den Teddybären und es fiel mir auch wieder ein, dass ich vor wenigen Stunden eine neue Thermoskanne geschenkt bekommen hatte. Eine wunderschöne Thermoskanne. Nachdem ich die Fotos gesehen hatte, hatte ich auch wieder Augen für meine Thermoskanne. Augen reiben, klar sehen. Weitermachen. Das Schwere wiegt schwer. Das Leichte wiegt fast gar nicht.
Ich liebe schwere Decken. Ich brauche ihr Gewicht, um mich zu spüren und umgeben zu fühlen. Ich blicke im Vorübergehen in die Vorgärten, die Hauseingänge. Ein alter Mann kommt mir entgegen und sofort bin ich traurig, weil ich das Gefühl habe, ihm würde der Sinn in seinem Leben fehlen. Ich kann mich nicht davon abhalten, so etwas zu denken.
Ich sehe seine Haut. Die scharf geschnittenen Falten, den bösen Gesichtsausdruck.
Ich bin so unversöhnt mit der Welt, wie man nur sein kann, und es kostet mich Kraft, all das nicht auszudrücken und zu verstecken. Es kostet mich Kraft, all das zu kontrollieren. Es kostet mich Kraft, nicht auszuflippen vor Wut, vor Verzweiflung, vor Hilflosigkeitsgefühlen, mir immer wieder zu beweisen, dass mein „erster“ Gedanke jeweils zu kurz gegriffen ist.
Dieses „Das kann ich nicht.“ oder noch schlimmer diese Grundüberzeugung „Das geht nicht.“. Ich fühle mich wie ein Dummkopf. Immer muss ich erst durch alles hindurchsteigen, wenn ich überhaupt irgendwo ankommen will.
„Sei fröhlich“, natürlich, recht hat er. Aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich das machen soll, ohne mir auch noch „Fröhlichkeit“ abzufordern, wie allles andere: Sei pünktlich. Sei fleißig. Sei sorgfältig.
Ich blicke auf die Straße, wundere mich über all jene, die trotz der Schneemengen mit dem Auto durch die Stadt fahren. „Urteile nicht über andere…“ Die Straßenbahn quietscht sich in die Kurve. Ein schönes, gemütliches Fahrzeug. Ich sitze gerne darin und träume mich durch die Fensterscheiben hindurch. Vieles, was mir auffällt, bestätigt meine grundsätzliche Verzweiflung:
Guck doch mal, diese Leute hinter den Fenstern, hinter eintönigen Betonfassaden auf ihren grauen Büromöbeln, hochaufrichtig sitzen sie da und sie erinnern mich an die Gedankenwelten der Vorabendserien oder an SAT1 Frühstücksfernsehen-Themen.
Diese Welt, wie man zu sein hat, worauf man sich zu freuen hat und welche Ziele man zu haben hat. Immer irgendwie konform mit unserer schönen neuen Welt à la T-Com, Dieter (der in Ordnung ist) und Heidi, die nicht so durchschnittlich ist, wie Joop es behauptet. Volkserzieher.
Ich gehe weiter und höre den Schnee, der mit jedem Schritt knirschend unter meinen Stiefeln zusammenbricht. Gleich wird wieder die Türe mit dem überklebten Namensschild kommen. „B.“ steht da drauf. Ich kenne jemanden, der so heißt. Ob das „B“ ist, den ich kenne? Das frage ich mich jedesmal, wenn ich daran vorbei komme.
Dann kommt der Pelzhändler und dann der Mann, der jeden morgen vor die Mietshaustüre tritt, um eine Zigarette zu rauchen. Er schaut mir immer hinterher. Ich habs’ gesehen – einmal habe ich mich nämlich umgedreht.
Jetzt im Winter steht niemand vor der chinesischen Botschaft Schlange. Dann kommt das Café. Die Kollegen haben behauptet, man könne dort nicht hingehen. Die Verkäuferinnen seien zickig und unfreundlich, das Gebäck zu teuer. Da liegt ein Plüschbär im Fenster, bunt bemalte Vorführkrapfen, die unverkäuflich sind und die betongeflieste Sonnenterasse ist abgeräumt, die Blumenkübel tragen Schneehäubchen.
In der Frühe habe ich eine erste Amsel gehört. Im Morgengrauen. Da beginnt das Frühjahr bei zehn Grad Minus. Vielleicht ist es so mit der Fröhlichkeit. Vielleicht beginnt auch die bei Minusgraden.