09.02.2009
Das heutige Datum – ein Witz. Nach gestrigem Vorfrühlingswetter – heute Schneefall. Der Schnee bleibt leider nicht liegen. Die Straße ist schwarznass. Gestern war sie staubig und matt im Sonnenlicht. Schottersteine überall. Der Staub und die Hinterlassenschaft des Winters hell beleuchtet. Viele Menschen auf der Straße.
Thomas Bernhard – mir war er noch nie sympatisch und ich habe diese Vorgänge, die er beschreibt, noch nie ertragen können – weder als „Theatermacher“ noch beim „Holzfällen“.
Thomas Bernhard erfindet nichts. In einem Interview spricht er von der Auslassung all der Dinge, die „jeder weiß“ – vom Unsichtbaren, von den inneren Vorgängen zu sprechen, das allein sei spannend und wissenswert.
Ich geriet zufällig beim zappen in dieses Interview hinein und blieb dabei, weil es mir dann doch interessant schien. Thomas Bernhard, der scharfe „Oder?“-Zwischenfragen an seine Interviewpartnerin schickte – scharfe Rückfragen, die keine Antwort dulden und schon gar keine Gegnerschaft, Fragen, die wie eine Kampfansage klingen und wo schon etwas geboten sein muss, wenn es denn eine Antwort werden soll…
Diese ganze „Unannehmlichkeit“ eines Thomas Bernhard in seiner Körperhaltung und in diesem „Oder?“, das aus seinem Kehlkopf schnarrt – kampflustig, unberechenbar, mundtötend und keinesfalls vom Interesse am Gegenüber gekennzeichnet – hier kann ein Gegenüber sich nur „klug“ verhalten – keinesfalls antworten.
Bernhard beantwortet sich eh selbst. Man muss nur lange genug abwarten. Und es dauert auch gar nicht lange. Bernhard ist es gewohnt alle Rollen selbst zu übernehmen. Er selbst nimmt es mit sich auf und dies wiederum ist beeindruckend.
Diese Art wie er Kampfansagen macht und ihnen dann auch selbst – in Ermangelung eines würdigen Gegners – begegnet. Wie? Er redet nach einer kurzen Pause einfach weiter. Er redet weiter und weiter und niemand kann ihn da stoppen und spürbar ist doch, dass dieses Reden für ihn überlebenswichtig ist, wenn er nicht an all jenen verschluckten Klingen zugrunde gehen will, sondern wenn er weiterleben, existieren will.
Reden als Existenzsicherung. Nur selten hatte ich innerhalb so kurzer Zeit so zwiespältige Gefühle gegenüber jemandem, den ich doch gar nicht kenne oder den ich allzugut zu kennen glaubte, nachdem ich im „Theatermacher“ gesessen hatte und immer, immer wußte, was jetzt als Nächstes kam.
Ich wußte jeden Satz. Wußte immer, wann der Bezug wechseln würde, das Vorzeichen und damit die Ton- und die Gangart, der Rhythmus. Der Theatermacher wie ein Orchesterstück und ich saß drin, die Leute lachten sich halb kaputt und ich fand es überhaupt kein bisschen komisch – im Gegenteil, es war mir unheimlich, weil ich immer wußte, was jetzt kommt.
Ich empfand das Stück als quälend, die Gnadenlosigkeit des „Theatermachers“ unerträglich. Als ich Thomas Bernhard heute in dem Interview sah, da war es auch da, dieses vollkommen Unerträgliche, diese Gemeinheit, diese Schärfe, diese Arroganz und Überlegenheit und auch diese Einsamkeit und dieses Selbstbewusstsein, das daraus resultiert, nichts mehr von anderen zu brauchen.
Thomas Bernhard meinte, Bücher schreiben sei auch eine Art von Geschlechtsverkehr, nur sei es bequemer, weil man dafür nicht erst mit jemandem ins Bett gehen müsse. Peinlich sei ihm auch nichts. Immerhin hat sich der Mann keinen Aufstand gegen sich erspart und das nur, weil er gesprochen hat, weil er sagte, was ihn beschäftigte und weil er genau jene inneren Vorgänge ausgesprochen hat, die andere (ich auch!) lieber verschweigen.
Ich folgte diesem Interview und irgendwie weckte es auf der Stelle den Wunsch zu schreiben. Schreiben über dieses „wie man eben ist“, wie man eben die Welt sieht, was man eben so erlebt und vor allem wie man es erlebt.
Wie oft versuche ich an meinen „Schrauben“ zu drehen und mir vorzuschreiben, ich hätte die Dinge anders zu erleben, als ich sie eben erlebe. Wie oft sind mir meine eigenen Gedanken zu „negativ“, zu „pessimistisch“, zu sehr von tiefem Misstrauen geprägt, auch von einem Mangel an Vertrauen oder Zutrauen, und am allerschlimmsten geprägt von einem Mangel an Mitgefühl, an echtem Mitgefühl.
Von etwas, das meiner Stimme folgt, ohne sie zu zensieren, ohne sie zu kritisieren und dabei zumeist in Grund und Boden zu kritisieren. Ich folgte dem Interview mit Thomas Bernhard und all den Unverschämtheiten, die aus seinem Mund kamen, aus all den Kampfansagen, die jedes Gegenüber verschwinden lassen, und irgendwie machte mir das Mut, weil es um all das, was aus seinem Mund kam, gar nicht ging.
Es wird deutlich, dass Thomas Bernhard sprechen musste, das er sich selber aber dabei ganz und gar nicht als Wahrheitsverkünder verstand. So wie ich es in dem Interview verstanden habe, hatte er keinen Wahrheitsanspruch. Für ihn gab es nur die absolute Notwendigkeit zu sprechen.
So wie es ihm kam auszusprechen. Er wäre sonst am Unausgesprochenen zugrunde gegangen. Während ich Bernhard zuhörte, wurde in mir all die Leugnungen wach. All das Unausgesprochene und all das, was ich mir verbiete und verbitte, all das, was ich – unter dem Vorwand der „ANDEREN“, andere nicht verletzen zu wollen, andere nicht ungerecht behandeln zu wollen, andere nicht genau mit dem zu konfrontieren, was sie weder hören noch sehen wollen, um nicht unangenehm auffallen zu wollen, um nicht geschlagen und verlassen zu werden, nicht rausgeworfen oder verdammt zu werden – verschweige.
Ich verstecke es nicht nur vor den anderen, auch vor mir selbst. Und es gelingt mir immer wieder, mich zum Schweigen zu bringen, die anderen reden zu lassen und mich so zum Schweigen zu bringen, dass ich noch nicht einmal mehr spüre, was ich eigentlich spüre und was ich eigentlich sagen möchte.
Ich habe dem Thomas Bernhard Interview erst gegen meinen Willen zugehört, weil der Klang seiner Stimme, das Schneidende, Provokante, das ungeheuer Verletzte darin allein schon zu einer Bedrohung wird und ich habe ihm zugehört, weil ich spürte, das es nicht um eine Wahrheitsverkündung ging, sondern allein um das Sprechen und allein darum, um jener Gesellschaft ungeschönt und zu 100 % das zurückzugeben, woran er, Bernhard, zu leiden verweigerte.
Er ist nicht das, was er spricht. Er ist nicht das, was er sagt. Sein Sprechen ist ein Vorgang.
Er selbst sagte, das das gesprochene Wort Kraft besässe. Geschriebene Wörter zu verkaufen sei Betrug.
Er verwies auf die Kraft der beiden Worte Goethes: „Mehr Licht.“ Und Bernhard korrigierte seine Worte: „Mehr nicht.“ hätte Goethe sicherlich gesagt, denn er hätte genug davon gehabt. So hat Bernhard nicht einmal vor Goethe halt gemacht oder gerade nur bei Goethe Halt gemacht, fand dieses Gegenüber eines Dialoges würdig und würdigt ihn und würdigt sich selbst gerade durch eine Korrektur von dessen Worten.
Es ist ja nicht so, dass das „Unausgesprochene“ nicht da wäre. Im Gegenteil. Das „Unausgesprochene“ wirkt wie eine nicht gezündete Bombe, wirkt als Bedrohliches, wirkt als Angst „davor“. Das „Unausgesprochene“, „Zurückgehaltene“ hält in der Angst, hält in der Ohnmacht gefangen.
Ich lebe im Redeverbot. Die Umstände, in denen ich lebe mache ich dafür verantwortlich, dass ich im Redeverbot lebe. Ich darf nicht sagen, was ich denke, was ich fühle, weil es – heutzutage würde man sagen „politisch nicht korrekt“ ist – ständig diese Befürchtung, das ach so mühlselig „Errungene“ (als hätte ich es mir mit Schweigen „verdient“) auch wieder zu verlieren.
Ständig das Bedürfnis etwas festzuhalten, das mir so wichtig erscheint, wie der Boden unter den Füßen. Weil, das ist doch die Angst – sobald ich „spreche“ bricht alles weg – auch der Boden unter den Füßen und die Luft zum Atmen. Etwas, das existenziell ist – oder auch viel banaler – nicht alles, was ich zu verlieren befürchte, muss auch gleich existenziell sein.
Wie seltsam, so lebe ich ein Leben, das ich mir mit Stillhalten und Schweigen errungen habe? So ganz wird das nicht stimmen. Doch die Befürchtungen sind sehr wach geworden, als ich Thomas Bernhard in seinem Interview zuhörte.
Oft ging es dabei auch nur um die so ganz selbstverständlichen Demütigungen, die ich mir selbst angedeihen lasse. Es reicht ja, etwas als Demütigung zu empfinden. Es steht ja noch nicht einmal zur Debatte, ob es eine Demütigung ist oder als solche jemals gemeint war. Das werde ich nie erfahren. Es reicht doch aus, etwas genau so zu empfinden. Und das ist dann die Sprache, die ich nicht und die „niemand anders“ hören will, diese Sprache, die noch bevor sie jemals gesprochen wird, wegzensiert wird, weil sie „nicht zulässig“ ist, weil sie „Unheil“ anrichtet, weil sie nicht „wahr“ ist, weil sie von meinen Schwächen und meinem Unvermögen geprägt ist. Weil aus ihr rauskommt, was eben nicht stimmt.
Mir wurden Situationen des „Redeverbotes“ präsent: „Du darst ihm niemals sagen, dass….“ Mir wurde auch die Verschleppung deutlich, wenn ich mit Zweiten über Dritte spreche und den Zweiten erzähle, was die Dritten niemals erfahren dürfen. Und jedesmal habe ich das Gefühl, meine Gedanken sind der reine Sprengstoff. Immer ich der Zerstörer. Immer ich die Schuldige, wenn etwas „passiert“. Immer die Angst davor, mir selber zu entziehen, was ich zum leben brauche, sobald ich den Mund aufmache. Die Angst davor mich selbst und andere zu konfrontieren, weil dann das Leben gar nicht mehr lebbar wäre.
Doch das kenne ich eben auch, die Bewunderung für Menschen, die ausdrücken, die aussprechen, die sich den Mund nicht verbieten (lassen) und Menschen, die es riskieren, das man sie mit ihren Worten identifiziert, gleichsetzt, dass man sie auf ihre längst vergangenen Worte hin festnagelt, sie mit ihren eigenen, längst ausgesprochenen und vorübergegangenen Worten korrumpiert, sie mit samt ihren Worten aus der Welt zu schaffen sucht, weil sich endlich ein Dummer gefunden hat, der nicht bereit war, etwas zu verschweigen.