Februar 2008
Gestern war die Beerdigung vom M. Großer emotionaler Aufruhr. Und der Versuch sich irgendwie zu retten.
Ich probierte meine Sonnenbrille vor dem Spiegel aus. So kennt man sie ja, die Promis am Grab ihrer Lieben: Mit riesigen Sonnenbrillen. Und einander unterhakend, untergehakt, gebeugt oder gestützt, sich zusammenrottend, enger denn je und das Ganze dann auf den Fotos von Gala oder Bunte. Am Grab sehen sie alle gleich aus. Egal wer gestorben ist und egal wer trauert. Kopftücher, grosse Sonnenbrillen und alles schwarz. Die Krönung ist eine gerunzelte, schmerzverzogene Stirn.
Ich weiss nicht, was sich für jeden Einzelen wirklich abspielt. Ich glaube alles spielt eine Rolle. Auch und vor allem die Spielchen, die man mit sich selber spielt: Die Eitelkeit ist ja nicht plötzlich weg. Die Flucht in eine Rolle: Oho, sie ist die schöne Trauernde! Schau an. Oder laßt uns Witze erzählen. Auf Beerdigungen kommen Witze so gut. Da liegen die Krokodilstränen, das laute Schluchzen gleich neben dem hysterischen Lachen. Diese kleinen Fluchten, nach links und nach rechts und auch die Komik, die sich aus der Realität des Begräbnisses ergibt. All diese makaberen Überlegungen, die sich auch einstellen.
Und zwischen all dem liegen auch wahrhaftige, glaubwürdige Momente. Wenn das Gedächtnis des Toten unter den Lebenden auftaucht, wenn es unter den Lebenden ausgetauscht, aufgefrischt und verteilt wird, ausgeteilt und geteilt.
Zwischen Emotion und Schmerz zu unterscheiden ist ja auch nicht ohne. Ich weiss nicht, ob ich es schon verstanden habe. Es ist aber nicht das gleiche. Ich glaube die Emotion ist dem Schmerz vorgeschaltet. Vielleicht ist es das, was man „denkt“, was der Schmerz wäre. Vielleicht ist es auch eine Art „Präventiv-Schmerz“, ein Schmerz, der verhindert, dass der reale Schmerz kommen kann, dass er einen einnehmen kann und dass man sich ihm hingibt.
Etwas Besonderes war gestern bei der Beerdigung: Plötzlich war ich mir selber wieder wichtiger. Wie soll ich sagen, ich hatte die Verbindung zu mir. Ich war plötzlich nicht diejenige, die andere in mir sehen, sondern ich war ich und damit jemand, der einen eigenen Wert hat, dessen Wert nicht von der Akzeptanz anderer abhängt und dessen Tun und Lassen für ihn selber wichtig ist.
Während der Beerdigung empfand ich in einer Tiefe und Erinnerung, in der ich autonom war. Nicht abhängig davon, ob ER mich liebt oder anruft oder würdigt oder versteht. Nicht abhängig davon, ob ER gut findet, was ich tu oder nicht.
Ich weiss nicht, aber vielleicht war das ein Abschiedsgruss des Verstorbenen, in dessen Gegenwart ich stets die Würde und den Wert meines Daseins spürte. Ich spürte, dass es einen ganz eigenen Wert hat und dass mein Bemühen wichtig ist, für mich und dadurch auch für die anderen.
In seiner Gegenwart spürte ich mein eigenes, unabhängiges Eigenes. Es war in seiner Offenheit und Weite geborgen. Er war nicht an einem falschen Leben oder an einem scheinbaren Leben interessiert.
Er verfolgte mit Geist, Herz und der ungebrochenen Energie seines Lebens seine Passion, die Malerei. Er hat die Trümmer, in denen er groß geworden ist, akzeptiert, er hat sie umgedreht und aus ihrer Gegenwart Kristalle entstehen lassen.
Anders kann ich das nicht sagen. So ist er auch für mich wichtig geworden. Nicht immer gelingt es mir zu unterscheiden, was wesentlich ist und was nicht oder was nun „ich“ bin und was nicht.
Auf der Beerdigung habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, was eine Beerdigung für die Lebenden eigentlich bedeutet und inwiefern ich mich dieser Bedeutung eigentlich stelle oder nicht stelle.
Neben schneidender und beißender Traurigkeit, in der sich der Körper total zusammenzieht und gegen das wehrt, was da hochkommt, gab es auch etwas sehr Beruhigendes und Tiefes, was sich einstellt, wenn man aufhört, sich zu wehren.
Es wurde am offenen Grab mit den Worten des Hl. Augustinus ausgesprochen: „Ich bin nur auf die andere Seite hinübergegangen.“ Wenn Augustinus es geschrieben hat, dann ist es nicht nur ein oberflächlicher Trost. Es hatte Kraft.
Seine Aufforderung, das Leben weiterzuleben, das vom Toten zu nehmen, was man von ihm zu seinen Lebzeiten bekommen hat, seine Saat aufgehen zu lassen. Das auch angesichts des Todes, das Leben für die Lebenden das bedeutet, was es ihnen bis dahin bedeutet hat. Es ändert sich nichts. „Ich bin nur hinübergegangen.“
Als ich das hörte, wurde ich ruhig. So eine Beerdigung findet zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit statt. Manchmal hatte ich das Gefühl, etwas zu feiern, was ich in seiner Reichweite gar nicht realisieren konnte, dann wirkte das Fest unwirklich und dann wiederum war es „überwirklich“.