28.01.2009
Vorgestern abend hatte ich eine Untersuchung meiner Wirbelsäule. Es wurde ein MRT angefertigt. Magnetresonanz…
Das war die Untersuchung in der Technoröhre. Schlimmer. In einem Moment kam ich mir vor wie unter Beschuss. Ich hab meinen Schutzengel gerufen, ein nepalesisches Mantra wiederholt und auch sonst mir so Gedanken gemacht, was es überhaupt heißt zu sterben, wenn im Augenblick einer solchen Untersuchung, es noch nicht mal möglich ist, sich zu entspannen und zu vertrauen.
Ich hatte Angst vor der Enge. Wichtig war es auch, sich nicht zu bewegen. Meine Nase hat gejuckt. Ein Grundpochen, das wie ein Herzschlag klang war immer von jenseits der Röhre zu hören.
Ich selbst lag drin in der Röhre. Der junge Mann, der mir gesagt hat, was zu tun ist, der hat mich vorher und nachher angeguckt, wie eine Irre. Der hat gar nicht verstanden, dass man sich über eine solche Röhre überhaupt aufregen kann. Er meinte, ich könne mit dem Kopf fast rausgucken.
Ich habe mich nicht getraut, die Augen zu öffnen. Den Fehler hatte ich das letzte Mal in einer solchen Röhre gemacht und dabei auf der Stelle den Reflex gehabt, ich müsse aus dem Ding rausspringen.
Was ja nicht geht. Man muss schon auf dem Tisch wieder aus der Röhre rausgefahren werden, sonst kommt man da nicht mehr raus. Man kann sich nicht einfach aufrichten und den Untersuchungsplatz verlassen. Obendrein sind solche Bilder, die da gemacht werden, ziemlich teuer und ich war ja dankbar, dass der Arzt mir diese Untersuchung verschrieben hat.
Ich habe in der Röhre dringelegen und mir Gedanken übers Sterben gemacht. All dieses Toben und dieser Widerstand im Inneren, der muss doch losgelassen werden. Dieses Aufbäumen, diese mitgebrachten Ängste. Sterben kann doch nur heißen, das man sich selbst auch lassen kann. „Sich selbst“? Also, diese ganzen Emotionen zum Beispiel. Hilfe, ich will hier raus…. Ich will mich bewegen. Der Platz hier ist unheimlich. Die Geräusche sind unheimlich. Einmal klang es wie ein Trommelfeuer. Und einmal habe ich das Gefühl, mein Körper würde in einen Wirbel eingerollt, der sich wie ein Wellenkamm um mich herumlegt. Das war eigentlich ein schönes Gefühl. Eingewickelt von einer unsichtbaren Welle, die nicht nass war.
Etwas macht was mit mir und ich weiß nicht was. „Nebenwirkungsfrei“ stand in dem Papier, das ich vorher zu unterzeichnen hatte. Vorher musste ich mich auch in einer Kabine auskleiden und die Türe zum Untersuchungsraum war verriegelt.
Ich musste warten, bis man mich aus der Kabine rausholt. Da steht man dann da, barfuss und in Unterwäsche, fröstelt und wartet, dass man rausgeholt wird, von jemandem den man nicht kennt und vielleicht auch noch nie zuvor gesehen hat.
Ich sollte mich auf den Fahrtisch legen, den Kopf bzw. Hals in eine vorgeformte Halterung. Dann bekam ich gelbe Ohrstöpsel aus einer Art feinem Schaumgummi, weil es in der Röhre doch so laut wird.
Ich wusste nicht, wie laut. Die Stöpsel flutschten immer aus meinen Ohrmuscheln raus. Haben also gar nichts gebracht. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich große Kopfhörer aufbekomme. Die hätten meine Ohren geschützt. Ein Gehörschutz, wie auf dem Bau.
Als ich in der Röhre drinlag, konnte ich meinen Ohren auch nicht mehr helfen. Man liegt da drin. Man weiss nicht, wann es losgeht. Man hört diese Geräusche. Man weiss nie, wie lange diese Geräusche dauern. Dann wieder Stille und man weiss nie, welches Geräusch als nächstes kommt und wann es beginnen wird. Stille und ich habe gewartet.
Ich habe mich nicht gewagt, die Augen zu öffnen. So lag ich im Dunkeln und habe nur gewusst, dass mich dieses Rohr umschließt und dass ich nicht rauskann und dass ich jetzt brav sein muss und dass ich die Bilder haben will und dass ich jetzt still halten muss und dass ich jetzt mitmachen muss und dass es ja zu meinem besten ist und dass es scheißegal ist, wie der Typ drauf ist, der mich in die Röhre reingefahren hat und dass eigentlich auch scheissegal ist, wie ich mich jetzt fühle.
Ob ich eine Decke wolle. Ja, habe ich gesagt, bitte und aufgeatmet. Danke. Nichts zu danken und schonwieder guckt er mich so komisch an. Alles klar bei Ihnen. Ja, habe ich gesagt, alles klar. Hier, sagt er, das ist der Notfallknopf, den brauchen sie nur zusammenzudrücken. Ich bekomme einen kleinen, dunkelbraunen Gummiball in die Hand gelegt und weiß natürlich, dass ich brav sein werde, keinen Ärger machen werde, meine komischen Ängste nicht weiter zur Schau stellen werde.
Ich will schließlich diese Bilder haben. Ich will wissen, wie meine Wirbelsäule aussieht. Ich liege still. Ich stelle mir alles vor, was ich jemals gehört habe, was man so tun kann, um sich selbst in einen besseren Zustand zu versetzten, um nicht das Opfer seiner Emotionen zu werden.
Plötzlich gelingt es mir auch. Mitten im Dunkeln. Plötzlich bin ich jenseits meiner Emotionen, die aus mir ein Nervenbündel und eine Irre machen und mich zu all jenen macht, die vor mir schon erzählt haben, dass es schrecklich ist in der Röhre. Ich habe auch an meinen Freund gedacht und was der wohl in der Röhre mit sich machen würde.
Wie lange dauert die Aufnahme? habe ich den jungen Typen vorher gefragt. Noch Fragen? Hat er mich gefragt und gottseidank ist mir diese Frage noch eingefallen. Eine Viertelstunde. Es hätte länger sein können. Aber eine Viertelstunde kann auch lang sein. Fünf Minuten in der U-Bahn sind schließlich auch eine Ewigkeit. Und bei zehn Minuten Wartezeit gehe ich lieber zu Fuß. Eine Viertelstunde in der U-Bahn sind drei Ewigkeiten.
Aber es hätte auch länger sein können. Ich habe eine Viertelstunde Zeit mit der Situation meinen Frieden zu machen, mich abzuregen, mich einzulassen und nicht das arme Würstchen zu spielen. Schließlich passiert mir doch nichts. Nicht wirklich. Weiß mans….???
Mein Freund, so stelle ich mir vor, der hätte sich vielleicht seinen Spaß gemacht und die Geräusche mitgemacht. Die sind schon ganz schön vielfältig. Am schlimmsten ist das Trommelfeuergeräusch. Alles, was so ähnlich ist wie Herzschlag, das geht ja noch.
Die schnellen Geräusche, die mich finden, meine Knochen finden, sich durch mich durch klopfen, pochen… die machen mir Angst.
Es kann doch gar nichts passieren. Den ganzen Tag über liegen Leute in der Röhre und seien wir froh, dass wir sie haben. Bilder aus dem Körperinneren. Großartig, dass wir nicht mehr im Mittelalter leben, großartig, dass man diese Bilder machen kann. Heiliger Schutzengel mein. Om shanti. Frieden.
Plötzlich habe ich meinen Frieden und ich mache nicht mehr auf Krise, auf entsetzt, auf Angsthase, auf unschuldig. Ich bin irgendwo jenseits dessen und fühle mich relativ erwachsen.
Was für ein Leben. Was für eine Inszenierung. Was man heutzutage alles erleben kann. Ich denke daran, dass die Schulmedizin noch ganz andere Dinger draufhat. Die Maschinenbediener sind megacool. Die befassen sich nicht mit den Patienten. Diese Erbsen auf dem Fließband werden mit Gummihandschuhen eingedost. Hauptsache hier geht es hygienisch zu und die Röhre bleibt sauber. Papiertuch abziehen, zusammenknüllen. Der nächste bitte.
Ich sitze im Wartezimmer. Ich habe es hinter mir. Ich warte auf die Bilder, auf das Untersuchungsergebnis. Der Arzt kommt. Ob ich schon mal Probleme mit dem Rücken gehabt hätte? Ja, sage ich, schon. Zwei Bandscheibenvorfälle. Na ja, sagt er, jetzt haben sie drei.
1 Kommentar
Januar 28, 2009 um 9:46
Super-Text! Man kann es nochmal richtig mit- und nachfühlen. Ich war auch in so einer Röhre drin und habe es sehr ähnlich erlebt. Du hast es gut getroffen. Danke, daß Du es aufgeschrieben hast.