06.01.2008
Vor zwei Tagen, da habe ich abends neben ihm gesessen. Auf der Couch. Wir haben zusammen eine Schallplatte angehört. Gedichte von Hubert Fichte, von ihm selbst vorgetragen und Musikstücke einer Liverpooler Band. Eine Aufnahme aus den 60er Jahren aus dem „Starclub“ an der Reeperbahn in Hamburg.
Hubert Fichte liest. Seine Stimme ist sehr seriös. Seine Worte geschliffen. Seine Beobachtungen so schnell hintereinander, dass ich ihm nicht immer folgen kann. Seine Art, die Worte zu setzen und zu verknüpfen wie eine Schraube, die reingeschraubt wird und währenddessen fliegen Metallspäne – seine Worte, seine Gedichte.
Der Sinn der Gedichte nicht immer klar, sondern schwebend, zwischen ihm und seinem Publikum, das immer wieder auflacht.
Eine andere Zeit. Eine Schallplatte. Eine Schallplattenaufnahme. Live. 60er Jahre. Starclub. Weit weg davon sitzen wir auf dem braunen Ledersofa und hören zu. Er versteht mehr als ich. Er ist einfach schneller. Ich hocke mehr als das ich sitze. Kauere auf der Lehne.
Hubert Fichte, wer ist das? Ich weiß nur, dass er auch nach Südamerika gegangen ist und dass er schwul war. Wie auch ein Fotograf, der nach Südamerika gegangen ist und dort etwas über Voodoo erfahren hat, die mit den weißen Pünktchen fotografiert hat und die Opfertäubchen und die weiß Kostümierten und viele, wunderschöne junge Männer.
Hubert Fichte war ebenfalls dort. In Brasilien?
Er liest von der Gischt, die am Rande eines Schuhs verläuft, der nass geworden und wieder aufgetrocknet ist. Er persifliert die Jungendsprache von damals. Dufte. Lass mal einen rüber. Lass mal einen durch. Wir überlegen, was das wohl genau geheißen hat. Ich sage, vielleicht hat es all das geheißen, was wir uns dazu denken.
Viele Worte habe ich mir nicht gemerkt. Er liest schnell. Manche gibt es jetzt auch noch und manche würden auf der Stelle schick, angesagt, würde man Fichte nun hören. Als Beatpoeten in einem Beatclub. Die Schallplatte hat ein Pink-Schwarz-Weisses Cover. Ein Foto des Dichters. pinke Ränder, ein schwarzer Schriftzug und jede Menge Text auf der Rückseite und der Stolz der Produzenten ist spürbar und auch, dass es eine besondere Schallplatte ist. Edition „Twens“.
Fichte liest. Die Liverpooler schrammeln. Trockener Wohnzimmer- oder Garagensound. Unschick für heutige Verhältnisse. Viel zu trocken. Viel zu nahe dran. Viel zu kernig und ohne Schmuh und Saft. Ohne Weichspüler oder sonstige Effekte.
Ich sitze auf der Lehne des Sofas und blicke zum Fenster. Dort stehen lauter hoch gewachsene Kakteenpflanzen. „Ist doch wie im Botanischen Garten“, hat er einige Stunden zuvor zu mir gesagt. Die großen bekommen nun jede Menge kleine Ableger. Winzige stachelige Kugelchen. Die Kinderstube der Kakteen ist putzig anzusehen. Noch ist Weihnachtszeit und er hat weisse, rhythmisch blinkende Sternkugeln vor das Fenster gehängt.
Fichte liest, seine Stimme nimmt den Raum ein und die Kugeln blinken gleichzeitig. Der Klang der Gedichte bestimmt den Rhythmus.
Ich gucke hin und her zwischen den Lämpchen am Verstärker, den Boxen, dem schwarzen Fernsehbildschirm, dem Ofen, in dem das Feuer brennt, den blinkenden Weihnachtslichtern am Fenster, die sich im Fenster spiegeln.
Fichte liest. Skandiert. Liest sich rein. Wühlt sich rein. Erneut in seine eigenen Texte. Ich verstehe nur Bahnhof, bleibe aber im Rhythmus des Eintauchens und habe meine eigenen Gedanken und Gefühle.
Habe, hüte sie zu Hauf und würde niemals darüber reden. Ich bin für mich. Habe Beatgedanken, die sich schlagen. Eigentlich müßten sich unter meiner Haut Beulen aufwölben, weil sich die Gedanken in mir schlagen und nach außen drängen. Ich habe mir verordnet still zu halten. Es ist ein Spuk.
Ich guck da hin und gucke auf die blinkenden Lichter und höre dem Dichter zu und dem Waschbrettgeschrammel der Liverpoolerband und er sitzt neben mir. Seine teuerste Platte meint er. Die ist auf dem Markt gesucht.
Solch eine Platte würde heute nicht mehr produziert. Oder nur für einen ganz kleinen Markt. Das wäre dann „independent“ und nur eine Hand voll Eingeweihter würde davon wissen. Früher wollte jeder zu dieser Hand voll Eingeweihter gehören und „man“ kannte jedes neu erscheinende Taschenbuch, jede neue Schallplatte und davor jene Schallplatten aus Amerika, die man am Rand abschneiden mußte, wenn man sie auf einem hiesigen Schallplattenspieler abspielen wollte. Und man war stolz, der Besitzer einer Platte, eines Taschenbuches gewesen zu sein und man ging ins Kino und man konnte mitreden und es waren Vertreter der eigenen Generation und der eigenen Wünsche, die sich da bemerkbar machten. Die Stars der späten 60er und 70er Jahre.
Fichte liest, der Raum klingt mit. Klingt engagiert. Klingt nach einem Publikum das offen war, das etwas vor und die Zukunft vor sich hatte. Alles sollte anders werden und hier wurden die Anfänge hörbar. Die Stimmung im Saal hätte nicht besser sein können.
Ich hocke wie ein Eichhörnchen auf der Lehne. Höre zu und schweife dann wieder ab. Sitze in der vertrauten Fremde. Er sitzt neben mir. Gut beobachtet, sagt er.
Wir haben zuvor das Zimmer umgeräumt, die Dinge neu angeordnet, nachdem sie aus dem Gleichgewicht gekommen waren, Platz gewonnen und wir sitzen da und hören eine Schallplatte.
Im Ofen brennt das Feuer. Durch die Sichtscheibe sehe ich die tanzenden Flammen. Draussen ist es schon längst dunkel und es ist kalt. Es ist frostiger Winter. Die Weihnachtskugellichter blinken im Rhythmus. Ich atme. Die Gedanken kämpfen unter meiner Haut, toben und ich beschließe sie dort zu belassen. Fichte liest.
Wann habe ich das letzte Mal einer Schallplatte gelauscht? Wunderland-Editionen. Mit Begeisterung und immer wieder. Dornschröschen, Schneeweißchen und Rosenrot und natürlich der Standhafte Zinnsolldat. Fichte liest. Ich denke an Winnetou II.