Dezember 30, 2008...6:20

Und noch ein Atelierbesuch…

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Im Atelier der Geruch von faulen Eiern und eine kleine, frische Garnitur aus weiss-geschnörkelten Sitzmöbeln und Tisch, wie in einem italienischen Eiscafé der 50er Jahre.

Auf der Fensterbank vor dem Dachfenster lagern kleine dottergelbe, angeschrumpelte Äpfel mit roten Wangen. Auf einem Tisch davor stehen irdene, wunderbar bauchige, frisch gedrehte Gefäße zum trocknen.

An und vor den Wänden sind Bilder gelagert und Bilder gehängt. Wie ein Flickenteppich, der stets erweiterbar ist.

Am Boden ist der Malort. Hier stehen wie ein Regenbogen aufgereiht, in Marmeladengläsern abgefüllt, die leuchtenden Farbpasten sorgsam zugedeckt. Hier stehen angefangene Arbeiten, auf denen die Vorzeichnung noch zu sehen ist. Eine Figur im Bus. Die Künstlerin weiß nicht, ob diese Figur bleiben oder ob sie im Dialog mit der Leinwand irgendwann verschwinden wird.

Niemand mag eine weisse Leinwand, sagt die Künstlerin und beginnt mit einer flüchtigen Vorzeichnung, die sie leicht und unverbindlich mit dem Tuschepinsel und schwarzer Tusche aufträgt

Die Künstlerin arbeitet auf den verschiedensten Formaten, von ganz klein bis langgestreckt. Viele Formate erinnern an Friese. Große Rechtecke und auch kleine. Die Gemälde entstehen am Boden liegend und nicht immer ist die Richtung klar. Die Malerin arbeitet knieend davor, wie ein Mönch, sagt sie und lacht.

Ihre Malerei besteht aus Eitempera mit purem Pigment. Gemalt mit den Händen, die in Einweghandschuhen stecken. Malerei aus Farbe, die angerührt wird wie ein Teig. Malerei aus satter Malmaterie aus leuchtenden Erden. Goldgelb und rot wie die Äpfelchen, Grasgrün und Zinkgrün und ein bezauberndes Rosa. Orangerot und Kaisergelb. Viel pure Farbe und manch’ gebrochener Akzent.

Die Künstlerin plant nicht, sondern sie legt los. Wenn sie wüßte, was sie vorhätte, dann wäre ihr langweilig. Sie überläßt es dem Zufall und läßt es sich und ihren mittlerweile dreissig Jahren Erfahrung Malerei zufallen, läßt sich von ihren Handlungen und Entscheidungen überraschen und badet in der Farbe, geniesst den Anblick und tastet sich von Augenblick zu Augenblick tiefer in das Abenteuer der Bildfindung hinein.

Die Farbe erobert die Fläche und gibt allmählich ihre Geheimnisse preis. Das Gespür und die Entscheidenungen der Künstlerin bilden die Farbräume. Manchmal sind es abgegrenzte Geometrien und dann wieder Farbwolken, die einander überlappen und durchdringen.

Raumlose, lichte oder leuchtende Farbräume ermöglichen jene Funde, die die Malerin beglücken:

Figuren, Figurinen, Gestalten und damit auch Geschichten, lassen sich auf einem Bildgrund blicken, der sich schließlich als Bühne entpuppt.

Fische und Tiere kommen geradewegs aus dem Reich der Fantasie, tauchen in Farbräumen und aus Farbgebilden auf und bauen mit am Gleichgewicht und der Sättigung der Bilder.

Es sind farbenglühende, gerngesehene Bilder, die wie wärmende Hausmauern die Wände bestücken und die bewohnt sind wie eben jene von emporwackelnden Gottesanbeterinnen, langschnäbeligen, konversierenden Vögeln.

Zwei Wesen sind besser als eines, sagt die Künstlerin, während ein getupfter Kugelfische unter den wachsamen Augen eines fantastischen Opernbesuchers dahergeschwommen kommt.

Es sind Fantasietiere, die ihresgleichen suchen.

Kostbare, irdene und leuchtende Farbgründe eröffnen das Feld auch für silbrig glänzende Bleistiftzeichnungen unter deren Strich manchmal die Farbe wegplatzt und anderen Farben wieder ans Tageslicht verhilft.

Raum für Geschichten, oder besser Situationen, die es vorher noch nicht gab. Offene Geschichten, zum Weiterdichten oder für einen kleinen Moment.

Sternschnuppenkurz oder auch für länger. Das kleine rote Wesen, das alleine auf den Treppenstufen am Wasser sitzt. Zwischen Rotkäppchen und Tod in Venedig. Ein Schauer, ein Frösteln und weiter geht es, mit dem Hund der vom Sockel schaut….

Die Künstlerin liebt das Reisen, liebt den Exotismus und auch orientalische Häuserwände. Sandfarben oder gekalkt. Und wenn es dort bröselt und sich die Mauergeister zeigen, dann ist es ihr gerade recht. Ihre Bilder sind Flächen, die Assoziationen wecken.

Manches feingezeichnete Gesicht lässt sich im Herzen der Farbe blicken. Oder auch bandoneonspielende Tangomusikern, die mit Blick auf ihr Instrument in der Musik versunken sind.

Ein kleines Mädchen schiebt einen grasgrünen Rasenmäher vor sich her. Vor den gigantischen Brillengläsern, die sie zu beobachten scheinen, während die Malerin die Szene vielleicht aus dem Zug heraus beobachtet hat. Schnell und flüchtig. Eingefangen auf ihrem Bild wie einen Schmetterling.


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