Ich verließ ihr Atelier und ging die Treppenstufen zur Hauptstraße hoch und mir war, als sei ich in einer fremden Stadt zu einer fremden Zeit gelandet. Noch nie war ich dort gewesen und noch nie hatte ich jenen Anblick gehabt, wie in jenem Moment.
Es hätte in Rom um 1950 sein können oder in einer portugiesieschen Stadt. Während ich im Spätnachmittagslicht die Treppe heraufkam, tauchte vor meinen Augen der ausladende, halbrunde Ostchor mit Kuppel einer riesiegen Kirche im barocken Stil auf.
Weisse Wände, grüne Kupferdächer und um die Dachzone herum riesige Engel mit Flügeln und Heiligenfiguren aus grauem Stein. Und sie standen still wie ein Fries in Überlebensgröße und wachten über den Platz zu ihren Füßen.
Sie schienen vom Himmel herabgekommen zu sein und von der Treppe aus, die von unten nach oben führte, war es, als wären wir für einen Augenblick auf Augenhöhe.
Das Gold eines Kreuzes auf dem Dach strahlte und die Figuren schienen nicht aus dieser Wirklichkeit. So viele Jahre lebe ich nun hier, in dieser Stadt. Aus diesem Blickwinkel habe ich sie noch nie gesehen.
Die Künstlerin hatte mir erzählt, dass sie vor wenigen Tagen eine einfache „Herbststimmung“ malen wollte: Mit Herbstlicht, bei dem die Sonne tief steht, mit den rot braunen Farben gefallener Blätter… Es sollte ein friedliches und einfaches Bild sein. Sie sagte mir, dass sie es dann doch nicht lassen konnte, ein Flugzeug hindurchkreuzen zu lassen.