29.12.2008
Eine Bekannte hatte eine Ausstellung in einer kleinen Ladengalerie und passte selber auf ihre Ausstellung auf. Ihre beste und älteste Freundin war zu Besuch gekommen und die beiden saßen zusammen an einem kleinen Tisch, rauchten und führten ein engangiertes Gespräch über Quantenphysik bzw. über ein Buch, das sie beide zu diesem Thema gelesen hatten.
Da ich der Künstlerin versprochen hatte, bei ihrer nächsten Ausstellung eine Rede über sie zu halten, sah ich mir ihre Bilder an.
Zeichnungen und Leinwandbilder. Kleine und mittlere Formate. Buntstiftzeichnungen und Ölbilder. Ein Teil der Zeichnungen hatte Kochrezepte zum Thema: Da Humma hod an Kumma… ihm drohte der Kochtopf. Und vor dem Kochtopf da lagen eine Fenchelknolle und eine Blüte Dill. Und in Schreibschrift stand jeweils schwarz der jeweilige Gegenstand bezeichnet. Auf einer weiteren Zeichnung mit Pilzen und einem Stück Wurst und vor allem mit kleinen Partikeln gemalter Petersilie war zusätzlich das Erdenrund, wenn nicht gar das Universum erklärt. Die Pilze am Rand des Tellers, die Fliehkraft und die Quanten. Vielleicht war es auch etwas anderes. Für mich waren die Blätter nicht nachvollziehbar, weil ich mir über den Aufbau des Universum keine Gedanken mache. Da reiche ich einfach nicht hin. Für mich stehen die Sterne am Himmel.
Auf anderen Zeichnungen verschränken sich Köpfe und Geometrien. Pfeile bilden das Abbild eines Denksystems. Köpfe und Körper sind dazwischen verzeichnet als Dreh- und Angelpunkte. Es geht um die Sehnsucht. Die Idee steckt als Schrift im Oberschenkel. Das Bild im Rücken.
Ich habe die Zeichnungen angesehen und nicht verstanden. Nur soviel, dass diese Zeichnungen der Künstlerin eine Art „Mind-Maps“ sind: Pläne oder Karten auf denen sie ihre Gedanken und Gedankengänge durch emotional aufgeladene und expressiv (teilweise explosiv und jenseits einer ausschließlich ästhetisch gemeinten Bildsprache) wiedergegebene Symbole darstellt und dann regelrecht systematisch beschriftet. Ihre Worte sind dadurch in ein visuelles System aus symbolisch gemeinten Zeichnungselementen eingebunden. Die Zeichnungen wiederum sind in einen Beschriftungstext eingebunden. Alles zusammen hat einen visuellen Reiz aus Farben und Formen, aus der Verbindung von Zeichen verschiedener Ordnung.
Es gab einfachere Zeichnungen – auf denen nur ein Gesicht zu sehen war oder ein paar Fische, ein Messer und etwas, wo „Fischfilet“ als Bezeichnung dran stand.
Es gab auch eine Zeichnung, die war zerschnitten und klebte auf einer weiteren Zeichnung drauf. Ein Gesicht und darüber streifenweise ein weiteres Gesicht. Hier wird das Verhältnis von Gegenstand und Raum, von Gegenstands- und Raumerfahrung thematisiert.
Ich sagte der Künstlerin, dass ich ihre Zeichnungen nicht verstehe. Ich wüsste eben nur soviel, dass sie Ausdruck ihres Denkens und der Versuch einer Welterfassung oder Welterklärung seien. Bei jeder Arbeit wird spürbar, dass es nicht um das einzelne Symbol geht, sondern immer um die Zusammenhänge, in denen ein Symbol auftaucht.
Ich erinnnerte mich an einen österreichischen Künstler, über den ich einen Katalogtext geschrieben hatte und bei dem mir bewusst wurde, dass ich lediglich über meine Perspektive etwas sage, nie aber über seine Arbeit als solches. Es war mir bewusst geworden, dass das gar nicht möglich ist, weil der Künstler sich sich selbst in anderen Bezügen wähnt als ich.
Ich erzählte das der Künstlerin und die meinte, ich sei auf dem besten Wege dazu, ihre Zeichnungen zu verstehen.