28.12.2008
Ich habe heute einen Atelierbesuch bei einer Künstlerin gemacht, deren Arbeiten ich nun schon seit über 15 Jahren kenne.
Schon als ich ihre Mappe angesehen hatte, die sie mir als Vorbereitung für unser Treffen zugeschickt hatte, war ich wie elektrisiert:
Hui, da ist was weitergegangen. Die Frau hat aufgemacht. Die hat sich auf den Weg gemacht. Die hängt an nichts mehr fest. Die hat soviele Möglichkeiten hinzugewonnen….
Boooost (auggesprochen: buuuuhst), kommt mir als Wort und als Klang und als Bild in den Sinn und als Verb „to booost“….
Ich dachte an explosives Wachstum und an die Kraft von Pilzen, die mit ihrem Hut unter Asphaltfahrbahnen hervorbrechen, als sei die Fahrbahndecke aus weichgekochter Butter.
Ich dachte aber auch an Kampfkunstszenen: Einer boxt sich mit der Faust durch die Wand. Booom.
Booost, so klingt der Getthoblaster mit den Worten und Bewegungen der Ghettokids aufgeladen, die überhaupt nichts zu verlieren haben, weil sie nichts haben, was sie verlieren könnten.
Booost, der Tanz, der Gesang, die Worte und die Bewegung der Kids, die durch die Wand gehen, die Ehre im Leib. Booost als die Vibration der runden Boxengitter, die mit den heftigen Subwooofs mitschwingen.
Oh, booost, boooost, boooost! Bläst und fegt alles hinweg, was noch hindert, was noch hängt, was noch staut. Jede Wand, jedes Hinderniss, jedes Gift, jedes Festhalten, jedes Selbstmitleid und jede Schwere, jedes maulige Beharren und alle Negativität weichen einem explosiven Wachstum und unermesslichem Reichtum, weichen einer Potenz, die hier in jedem auffindbaren Detail steckt. Im ausgestanzten Punkt, der aus dem Locher fällt, im Schriftzug, der auf der leergetrunkenen Milchtüte steht.
Die Frau hat es kapiert und bei der kracht es. Da hat sich was durchgesetzt, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Da platzt es aus allen Nähten und da entsteht an jeder Ecke etwas Neues.
Jeder Gedanke eine Bereicherung und jede Berührung nahrhaft und köstlich.
Die weiss was sie liebt und die orientiert sich an dem, was sie liebt, behält es stets im Auge. Die hat so viele Möglichkeiten und in ihrem Leben hat so vieles Platz.
Die wird nicht überwältigt, sondern sie greift zu oder sie pickt sich was raus.
Hier eine Farbe, dort eine Form. Sie reichert ihre Bilder an mit unhörbarem Klang, mit Assoziationen und Gesang. Hier wird das Fremde zu ihrem und dort wird ihres zum Fremden.
Die Künstlerein kann rein und sie kann raus. Sie kann beginnen und aufhören. Sie spielt mit Worten und mit Fragmenten, spielt mit Farben und Flächen, spielt mit Zeichnung und Collage, spielt mit Sensibilität und Themen, spielt mit Gefühlen und wechselt ihre Aggregatzustände nach belieben.
Die kennt sich aus. Mit sich und mit den anderen. Die baut sich Glücksnester, nährt ihre Bilder und nährt sich aus ihren Bildern. Sie probiert, webt und spinnt und fügt und fusioniert aus allem und in allem, was ihr brauchbar und vielversprechend erscheint.
Manchmal beginnt alles mit einem winzigen, roten Buchstaben. Einem roten T und dann kommt „ime“, kommt Zeit, kommt Form und bekommt sie Flügel und fliegen Schmetterlinge auf Zeichenstengel wird ein blauer Stoff versilbert oder eine Leinwand blau.
In ihrem Atelier das Herzstück ein Altar…. Buchstabensuppe, Bilderfragmente, Muster, Zeichen, Striche, Symbole, Typographie auf Haut und auf Stein, Muster als Bild und als Objekt, Wörter, Themen und Blumen, Reime, Anagramme und Assoziationen… Die Null ist ganz nahe bei der Acht und sie ist eine Kapsel die aufgesprungen ist und sie ist ein C-Bogen, der willig nach den Fingern schnappt wie das Maul einer Muppetfigur. Hier schwelgt es in Rosa-Orange, dort Loungt es sich in Türkis-Braun sich wie in der S-F-Coffee-Bar, Himmelsbeeren und Schokoträume, Urkaninchen und das Green der Golfplätze, ein Schläger, ein Ball und eine Flugbahn, Ein Stückchen gemusterter Klebstreifen vermählt sich mit dem Webmuster der Leinwand und ein kleiner, gezeichneter Schuh wird von den Noppen auf der Leinwand gestaltet.
Zeitschriftentitel, Bildfragmente, mal winzig und dann ganz groß, Stoffmuster und Musterstoffe, Gemalt, gezeichnet, ausgeschnitten… BOSCH, das passt auch zu BOOOST und blaue Ikeablüten, die passen zu Matisse. Der hat sie schließlich erfunden und ausgeschnitten, als er sie nicht mehr malen konnte, hat sie malen und auf seinen Leinwänden blühen lassen.
Auf all den Bildkörpern versammeln sich all die Themen und die Farben, die Proportionen und die Eigenschaften, die Anballungen und Lösungen, die Balance und der Taumel von sorgsam und mit Zärtlichkeit zusammengestellten Arrangements, die einen Hauch von Glück und Leichtigkeit, von Ordnung und von Reichtum verkünden.