Januar 5, 2008...1:36

Glückseligkeit

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„Dreamer!“ Und dann ganz lang gezogen „Dreeeeeeamer“. Der Sänger spielte Keyboard und sang dazu. Und er löste Glücksgefühle aus. Nein, besser: Er löste ein zusammenhängendes Gefühl der Glückseligkeit aus. Heftig, aber nicht laut.
Vollkommen gefaßt und ohne jede Hemmung ging es in mir auf. Und das, während ich auf den Bildschirm sah und einem Ausschnitt von einem Auftritt von Roger Hodgson (Live in Montreal 2006) zusah bzw. zuhörte. Er trat live und „unplugged“ auf – also ohne viel technischen Schnickschnack und ohne die Band Supertramp. Und er sang seine alten Lieder: Dreamer, School, Give a little bit, Take the long way home u.a.
Er hat im weißen Hemd mit weiten Ärmeln, wie für einen Prinzen, und in schwarzen Hosen auf der Bühne gestanden. Überhaupt, er sah aus wie ein ewig junger Prinz. Nicht, weil er sich zurechtgeschminkt hätte, nicht weil man ihn zurechtoperiert hätte und auch nicht, weil er hätte ewig jung sein wollen.
Schulterlanges, welliges, dunkelblondes Haar, das ihn ebenfalls aussehen ließ, wie den Prinzen auf der Prinzenrolle, war zwar mitverantwortlich für diesen jugendlichen Eindruck, aber viel entscheidender war etwas, das aus dem Inneren des Künstlers kam und von ihm ausging. Ja, ich glaube so etwas nennt man Ausstrahlung. Im Fall von Roger Hodgson nennt man es sogar „positive Ausstrahlung“, wobei alle, von denen ich gehört habe, das man sie mit diesem Ausdruck ausgezeichnet hat, vielleicht ein besonderes Lächeln oder eine besondere Freundlichkeit hatten, doch noch nie habe ich eine solche Strahlung erlebt, wie sie von diesem Sänger ausging und die in mir völlig unerwartet buchstäblich die Sonne aufgehen ließ. Eine Sonne, von der ich noch nicht einmal wußte, dass ich sie so in mir habe.
Sie ging ohne jede Hemmung und ohne jedes „too much“ ruhig und allmählich auf. Ich konnte sie fühlen und ihr zusehen, wie sie immer größer wurde und immer weitere Teile meines Körpers erfaßte. Von unten nach oben, von den Fußsohlen, durch die Beine, im Becken sammelte sie sich nahm Gestalt an, stieg die Wirbelsäule entlang nach oben. Rücken und Bauch, Brustkorb und Nacken, Herz und Seele wurden von ebenso machtvoller wie stiller Glückseligkeit erfaßt. Unwillkürlich. Ich hielt einfach nur still. Atmete ruhig weiter, ließ mich mehr und mehr erfassen und hatte ein wenig Angst, diesen besonderen Gast zu vertreiben, wenn ich mich zu sehr bewegen würde. Diese Sonne hielt mich ebenso am Boden fest, wie sie mich fliegen ließ.
Der Sänger stand bzw. saß am Rande der Bühne seinem Publikum gegenüber. Das Konzert fand in einem alten Theater statt. Mit Sitzreihen vor der Bühne und mit übereinandergebauten Rängen dahinter. Wie im Barocktheater. Der Zuschauerraum war bis auf den letzten Platz gefüllt. Wie Perlenschnüre reihten sich die Köpfe aneinander und die Reihen hintereinander zu einem kostbaren Collier.
Die Kamera schwenkte langsam über die Köpfe der Zuschauer und blieb auch manchmal direkt vor einzelnen Gesichtern stehen, fing Szenen ein, in denen die Menschen mitgingen. Es waren sowohl „Erwachsene“ über fünfzig und sechzig im Publikum, als auch ganz junge Leute, zwischen zehn und zwanzig. Da waren Omis dabei. Solche, die mit einer frischen Dauerwelle ihre kleinen, kugelförmigen, goldenen Ührchen an einer langen Goldkette über einem hellgelben, kurzärmeligen, gemusterten Strickpullover tragen, da waren dickbäuchige Handwerker in karierten Flanellhemden mit Elvistolle dabei, glatzköpfige Kämpfer und da gab es ganz junge Fans, für die die Welt dieser Lieder noch ganz neu ist.
Bei den Älteren konnte man, die Erinnerung ins Gesicht geschrieben sehen. Schöne Erinnerungen an Jugendlieben, Jugend, an ein jeweiliges Zuhause, an Cassettenrecorder, Radios, Walkmänner oder Stereoanlangen, aus denen einst die Musik von „Supertramp“ kam, die ein unverwechselbares Lebensgefühl vermittelte, an dem man Anteil haben konnte.
Schwelgend, selig, mitsingend, kopfnickend und wie auf einer Welle reitend, das Leben genießend wie den Sommerwind bei Sonnenuntergang auf der Fahrt in einem offenen Cabriolet. Ein Glück auch, das derjenige empfindet, für den seine Glücksvorstellungen für einen Augenblick mit seinem wirklichen Leben zur Deckung geraten.
Was sich zwischen dem Publikum und dem Sänger entspann und was sich auf mich übertrug, das war etwas ganz besonderes und etwas, das ich so noch nie beobachtet habe, geschweige denn gefühlt habe: Die Menschen waren buchstäblich fassungslos vor Glück, standen auf und setzten sich wieder, klatschten und sangen mit, vis à vis dieses charismatischen Sängers, der vollkommen ruhig, mit sehr viel Liebe, ehrlicher Hingabe und Herz seine Lieder sang.
Da war keine Pose, nichts überkandideltes, keinerlei Show oder Getue. Da war niemand, der irgend etwas anheizte, mit kalkulierten Körperbewegungen zu erreichen oder manipulieren suchte, keine Showgirls, die mit dem Hintern wackelten, kein Nebel und keine Lightshow, die sich wichtig macht, keine Soundeffekte und nichts Aufgeblasenes, Vorausgeplantes oder die Schöpfung irgendeines Choreographen, die hier verwirklicht worden wären. Es gab vorgefertigten Animationen.
Da war einfach nur ein Sänger, ein subtiles Minenspiel, das von ihm zeugte, ein Begleitmusiker und Lieder, die jeder kennt, schon Tausende Male gesungen hat und die so einfach und klar sind wie Kinderlieder: Die Schule ist aus, wir gehen nach Haus’, wir gehen zum spielen, wie schön. Es sind Lieder, die in den Menschen mehr als eine gemeinsame Erinnerung eine gemeinsame Stimmung wecken und damit ein Glück, das jedem Einzelnen beim Klang dieser Lieder schon einmal wiederfahren ist.
Wenn Tausende von Menschen gleichzeitig in den Zustand einer glücklichen Erinnerung versetzt werden, dann geschieht etwas, das irgendwie nicht von dieser Welt ist. Etwas, das Zeit und Raum aufhebt und auch den Abstand zwischen Sänger und Publikum. Dann ist es nicht mehr entscheidend, wer singt und wer zuhört. Es ist dann das gleiche, weil alle das gleiche empfinden oder weil alle von etwas erfaßt werden, das nicht sie selber sind, nicht diese kleinen Einzelmenschen, mit ihren kleinen Einzelgeschichten und Schicksalen, mit bezahlten oder unbezahlten Stromrechnungen oder Familiendramen.
All das ist in dem Augenblick vollkommen aufgehoben. Da gibt es keine lineare Verbindung zu einem Vorher oder Nachher, zur Parkplatzsuche oder zum Heimkommen. Es ist einfach nur eine glückselige Gegenwärtigkeit und etwas, das größer ist als man selbst.
Das Publikum war buchstäblich aus dem Häuschen. Aber es war nicht diese Art von Ekstase, wo Teenies kreischen, ausflippen, in Ohnmacht fallen oder in Tränen ausbrechen oder wo sonst etwas Verrücktes passiert.
Zwischen dem Sänger und seinem Publikum ist etwas geschehen, was voller Würde war und was auch nichts mehr mit Personenkult zu tun hat. Da war etwas im Spiel, das stärker ist als ein Einzelmensch, der auf der Bühne steht. Und der Sänger war dabei ebenso ein Empfangender wie sein Publikum. Es war nichts, was er für sich beansprucht, auf sich selbst bezogen oder mit sich selber verwechselt hätte. Da war nur eine grenzenlose Offenheit und Durchlässigkeit zu spüren und Mensch, der weitergibt, was er zu geben hat.
Durch seine Lieder und durch die Freude, die er dabei hatte, seine Lieder zu singen, wurde das, was im Raum geschah, ausgelöst. Aber es gehörte weder dem Sänger noch dem Publikum.
Ich habe so etwas noch nie gesehen und auch noch nicht erlebt. Der Sänger blieb vollkommen ruhig, und er lächelte das herzlichste Lächeln, das man auf dem Gesicht eines Menschen finden kann. Er gab, was er empfing, an sein Publikum weiter und zurück. Das war geteiltes Glück und ein besonderer Moment in seinem Leben und im Leben jener Menschen, die dabei waren.
Ich habe das im Fernsehen gesehen und selber erlebt, was bei dem Konzert passiert ist, und es hat mich so glücklich gemacht, das ich mit der Kraft jener Empfindung die gesamte Sylvesternacht durchgehalten habe.

Ich habe mich gut gefühlt und zum ersten Mal ein Gefühl erfahren, das mich bei aller Größe nicht zum weinen gebracht oder bei aller Schönheit doch irgendwo gequält hätte. Nein, das Gefühl war nur schön, war angenehm und breitete sich in aller Ruhe aus und erfüllte mich, wie noch nie ein Gefühl zuvor.

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