Es ist jetzt halb zehn vorbei und es regnet. Eine Sorte Regen, die nicht so aussieht, als würde sie in absehbarer Zeit aufhören.
Draussen ist es grau. Die Zwischenräume zwischen den Häusern sind grau. Es wird nicht richtig hell, nicht richtig Tag.
Zwischen den Häuserzeilen, zwischen der, hinter der ich an meinem Schreibtisch sitze und der, die ich gegenüber sehen kann, fliegen gesprengte Seidenfäden aus Regen. Sie glänzen nicht. Sie sind stumpf. Sie machen keinen Lärm, und es sieht noch nicht einmal so aus, als würden sie irgendetwas mit sich führen, die Luft reinigen oder Zwischenräume erhellen.
Der Himmel ist hellgrau, bleibt hellgrau. Keine Wolke ist auszumachen und kein Ende des Regens. Die Sonne darüber ist nicht vorstellbar. Nicht das, was zu sehen ist, wenn man mit dem Flugzeug über srahlend weisse, vollkommen makellose Wolkengebirge fliegt.
Sonntag Morgen und das Jahr geht zuende und Weihnachten ist schon ewig weit weg. Christbaumschmuck wirkt wie aus der Mode gekommen und Christbäume sind Relikte. Ihre Botschaft hat keine Aktualität mehr. Sie sind vorbei. Schon seit Heiligabend. Die Familienfeste auch und das beschenkt werden auch. Die Hoffnungen auf eine besondere Zeit und auf ein friedvolles Beisammensein sind erfüllt oder auch nicht.
Draussen ist es düster und nass, und es wird immer nässer und das Glockengeläut wird verwischt. Ein Tag zwischen den Jahren. Ein Tag ohne Handlungsaufforderung, ohne Appell und ein Tag, der irgendwie zwischen den Bedeutungen versinkt. Pufferzone. Ein Tag des „noch nicht aber bald“. Es ist noch nicht soweit. Das neue Jahr ist noch nicht da. Das alte Jahr ist noch nicht vorbei.
Die Nachrufe auf das alte Jahr wurden bereits gestern abend ausgestrahlt. Die hätten wir also hinter uns. Und über die 25 Lieblingsszenen im Fernsehen wurde bereits abgestimmt. Die Wiederholungen haben stattgefunden. Die Sylvesterrakenten sind bereits eingekauft und warten auf ihren Einsatz.
Es ist wie ein Niemandsland. Die Bürgersteige sind verlassen. Nur wenige Autos sind unterwegs.
Ich kann mir gar nichts vorstellen. Nichts, wo das hinführen soll. Und das Gestrige ist schon so lange vorbei. Die Spiegelung eines Passanten in der nassen Oberfläche des Bürgersteigs ist ewig lang, erscheint in Farbe und eilt dunkelblau, heimatlos schnell dahin.
Mein Kühlschrank knackt. Es springt die Kühlung an. Die Heizung heizt heute geräuschlos und ich kann mir nicht vorstellen, wohin dieser Moment führen kann. Aus mir kommt nichts. Nichts besonderes. Keine Idee. Es ist, als müsse ich unterhalten und gefüttert werden.
Heute will ich nicht raus. Mir ist nicht danach, irgendeine Initiative zu ergreifen. Heute fange ich nichts mehr an und nichts mehr ein. Heute ist kein Blumentopf zu gewinnen. Heute ist etwas zuende und ich mag zum vergangenen Jahr – jetzt im Augenblick – gar nicht mehr viel sagen.
Das vergangene Jahr versackt im Grau dieses Augenblicks. In seiner Niemandslandartigkeit und auch in einer Stille, die nicht vollkommen ist.
Eine Stille, die so ist, wie ein Feuer, das nicht mehr brennt, das aber auch noch nicht verglüht ist. Ein Feuer, das noch glüht, aber nicht mehr wärmt. Ein Feuer bei Tageslicht, das keine Schatten mehr an die Wand malt und keine Gesichter mehr erhellt.
Der Atem dieses Tages geht unmerklich vor sich, und es regnet weiter.