Oktober 2, 2007...9:50

Finding Neverland – die Geschichte vom Mann, der Peter Pan war…

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… was für eine Geschichte. Was für ein Film. Es waren Szenen darin, die mein Herz zum überfließen brachten, die so vieles mit sich brachten, dass es nicht anders konnte, als sich der Botschaft zu öffnen. Ich habe geweint vor Glück und vor Berührtheit – aber auch vor Sehnsucht und Traurigkeit. Es war beides in meinen Gefühlen – wenn das auch widersprüchlich erscheint.

„Finding Neverland“ ist die (wahre) Geschichte von einem erfolgreichen Bühnenautor, dessen Leben durch die Begegnung mit einer Witwe und ihren vier Söhnen auf den Kopf gestellt wird. Der Autor findet aus Konventionen, in denen er und sein Werk zu erstarren drohen, zu seinem kindlich-verspielten, zu seinem träumenden Wesen und zu seiner Wahrheit zurück.

So beginnt der Film mit der Premiere eines seiner Theaterstücke vor den Augen der besten Londoner Gesellschaft. Er folgt seinem Theaterstück von hinter einem Vorhang aus, und er begreift, dass sein Stück todlangweilig ist. Niemand wagt es jedoch, trotz ungeduldigen Blicken ins Programmheft, Gähnen, Einschlafen und anderen unverkennbaren Anzeichen, seinen Augen zu trauen und das – gegenüber dem berühmten Autoren – zuzugeben. In Gesellschaft wird geheuchelt und über das vollkommen Uninspirierte des Stückes hinweggesehen, um die bestehende Ordnung beizubehalten.

Der Autor ist allerdings „Kind“ genug, um nicht auf die anschließenden, geheuchelten Äußerungen des Publikums zu vertrauen. Den Gästen beim Premierenempfang scheint der Misserfolg des Autoren viel zu peinlich zu sein, als dass sie ihn zugeben würden. Der Dichter fragt einen Theateranweiser um seine Meinung, einen Menschen, der sich normalerweise niemals ein Urteil erlauben würde. Außerdem sieht er die Langeweile, die das Stück verbreitet, in den Mienen, Gesten und im Verhalten des Publikums und er weiß, dass es so nicht weitergehen kann.

Auf die langweilige Premiere erfolgt ein langweiliger Empfang, auf den langweiligen Abend erfolgt der Morgen im Haus des Dichters. Er klopft an die Tür seiner Gattin und fragt sie, ob sie mit ihm in den Park gehen möchte, es sei ein so wunderschöner Morgen. Sie entgegnet ihm, dass er lieber arbeiten solle und dass sie zu tun hätte… Sie geht also nicht mit und spätestens hier wird deutlich, wie verschieden ihre Vorstellungen und Wünsche von den seinen sind.

Sie ist ganz und gar den Vorstellungen der besseren Londoner Gesellschaft verpflichtet, denen sie in jeder Hinsicht gerecht zu werden versucht, während er einzig und allein auf den Blick aus dem Fenster vertraut: Er hat die Sonne gesehen, die Farben und das Licht in den Farben, und es zieht ihn nach draußen, hin zu diesem Unmittelbaren und zu dieser Schönheit, die weder einen Eintritt kostet, noch einer speziellen Gesellschaftsschicht vorbehalten ist.

Vor der Tür seiner Gattin wirkt er etwas unbeholfen, machtlos. Machtlos gegenüber der Kälte und der Verständnislosigkeit, die ihm entgegenschlagen. Die Tür bleibt verschlossen und die Äußerungen seiner Frau bleiben eine Zurechtweisung gespickt von enttäuschten Erwartungen, auf die er allerdings nicht mehr gibt, als dass er diese Art der Enttäuschung, die an ihn herangetragen wird, bereits kennt. Er kann den Vorstellungen seiner Frau nicht entsprechen, und er versucht es auch gar nicht weiter. Er klagt seine Frau und deren Verständnislosigkeit auch nicht an, er fügt sich und geht. Er missioniert nicht und versucht auch nicht, seine Frau umzustimmen.

Das ist eine Besonderheit des Films, dass letztendlich alle Protagonisten davon ablassen, einen anderen Menschen umstimmen oder verändern zu wollen. Vielmehr scheint es so zu sein, dass durch den Dichter und seine Liebe zu den Kindern und zu dem Kind in sich selber, alle sich selbst ein Stück weit näher kommen. Egal, ob es dabei um seine enttäuschte Gattin geht, die einen Mann findet, der besser zu ihr passt, ob es um die Mutter einer Tochter geht, die die Liebe zur Tochter entdeckt und den Respekt vor deren Wünschen und Leben oder um einen kleinen Jungen, der die Fantasie in sich wiederentdeckt und damit seinen Glauben an die „Feen“.

Der Dichter geht die Treppe runter, das Dienstmädchen kommt und bringt ihm eine verpackte Angelrute, einen roten Ball und vor allen Dingen kommt ein riesiger Hund, der mit ihm in den Park geht. Im Park wirft der Dichter die Angel mit dem roten Ball aus und der Hund rennt, den Ball zu holen. Was für ein Spiel!

Spätestens hier wird deutlich, dass der Dichter in Wirklichkeit ein spielendes Kind ist, das sich auf seine Art und Weise und damit auch den Menschen auf der Welt Freuden bereitet.

(Und vielleicht ist der erste Weg zur Freude, sich an der Fantasie eines anderen Menschen erfreuen zu können…? Also insbesondere da, wo die eigene Fantasie noch unerkannt und in Fesseln schlummert oder sich lediglich, von Zeit zu Zeit, als das vermeintliche Werk eines anderen Menschen äussert, aber nicht als eine Dimension des eigenen Daseins erkannt wird.

Ich bin sehr gut darin, meine eigene Fantasie in den Werken anderer Menschen zu erkennen und ich bin noch nicht in der Lage, meine Fantasie in mir selbst zu erkennen. Ich sehe sie immer wieder und ausschliesslich in den Äusserungen anderer Menschen. Oft bin ich von unglaublich fantasievollen Menschen umgeben, während ich keinerlei Fantasie zu haben scheine.

Und vielleicht gehört es auch dazu, aufgrund eines Filmes „eine Theorie der Freude“ oder besser ein „so will ich sein“ zu entwickeln, anstatt einfach so zu sein. Ein Film erinnert wohl eher an das, wonach man sich sehnt, aber er versetzt nicht in den Zustand, in dem man gerne wäre. Das ist vielleicht die Enttäuschung, der man gewahr wird, sobald man aus dem Film erwacht und aus der Sehnsucht, mit dem sie einen Menschen in Verbindung bringt.)

Und wo ein spielendes Kind ist, da sind andere Kinder nicht weit. Während der Dichter sich auf eine Parkbank setzt und beginnt, sich Notizen in ein Heft zu machen, spielen andere Kinder mit seinem Hund und ein kleiner Junge hat sich unbemerkt unter die Parkbank gelegt. Als der Dichter aus Versehen auf den Arm des Jungen tritt, lernen die beiden sich kennen. Der Junge klärt den Dichter auf, dass er gerade in einem „dunklen Verließ“ gefangen sei und dass wohl wenig für ihn zu tun sei, da die Rächer ihm auf dem Fuße folgen würden.

Ein größerer Junge kommt, fragt, ob der kleine Junge unter der Bank den Dichter gestört hätte und entschuldigt sich für ihn. Der Dichter erkundigt sich, welcher Verbrechen sich der kleine Junge schuldig gemacht hätte, und der größere Junge antwortet: „Naja, er ist mein kleiner Bruder…“ Dann kommen auch die anderen Brüder und zwischen dem Dichter und den Kindern entspinnen sich die ersten Fäden einer Freundschaft.

Es stellt sich heraus, dass die Kinder ihren Vater verloren haben, und der Dichter hilft ihnen, diesen Verlust mit Hilfe den Augen der Fantasie auszugleichen. Sie spielen Cowboys und Indianer und Piraten auf hoher See. Auch die Mutter der Kinder spielt mit. Sie gibt sich ganz selbstverständlich in die Welt der Fantasie mit hinein und nimmt diese Spiele insofern ernst, als sie deren Regelwerk akzeptiert. „Aha, ich verstehe“, sagt sie, als sie erfährt, dass ihr kleiner Sohn unter der Bank, eigentlich im Gefängnis ist und somit nicht ohne weiteres bzw. ohne Freilassung raus kann….

Unter den Kindern ist eines, das sich weigert, die Dinge mit den Augen der Fantasie zu sehen. Es ist ein Kind für das Fantasie eine Lüge und jedwede Lüge ein Betrug ist, der ihn wieder und wieder an den plötzlichen Tod seines Vaters erinnert, der eigentlich mit den Kindern zum fischen fahren wollte, als sie erfuhren, dass er unterdessen verstorben sei.

Was bedeutet es in dem Film, die Welt mit den Augen der Fantasie zu sehen? In der skeptischen Haltung des kleinen Jungen ist ja auch eine Wahrheit drin: Er will sich nicht belügen lassen, und er will nicht an etwas glauben, das offensichtlich nicht da ist. Das ist nicht nur verständlich, sondern erscheint auch in den Augen des Filmbetrachters richtig. Es ist die Stelle im Film, wo sich entscheidet, ob es hier um bloße „Spinnerei“ geht, oder um eine Wahrheit, mit der das Unwahrscheinliche ins Leben hineingeholt wird oder etwas hineingeholt wird, in dem es um eine verborgene Wahrheit geht, die nicht weniger wahr ist, als die offensichtliche Wahrheit.

Ich denke dass es in dem Film um das Zulassen der Fantasie geht, wobei mit Fantasie eben nicht „Spinnerei“ gemeint ist, also eine Qualität, die sich ohne jedweden Bezug über die Realität erhebt, ohne mit ihr in Verbindung zu stehen, vielmehr geht es um eine Qualität, die die Realität als Tor zu einer unsichtbaren Wahrheit, als Gleichnis für eine unsichtbare Wahrheit zu begreifen weiß. Nichts geschieht ohne eine Anbindung an diese nicht sichtbare Wahrheit.

So zumindest habe ich den Film verstanden und auch die Szene, die versucht dieses Prinzip zu erklären:

Der Dichter spielt den Kindern ein Theaterstück vor, in dem sein Hund zum tanzenden Bären wird. Der skeptische Junge sagt, dass es sich „nur“ um einen Hund handeln würde und eben nicht um einen Tanzbären und der Dichter konfrontiert den Jungen damit dass ein Hund nicht „nur“ ein Hund ist, das heißt, er macht den Jungen auf die Abwertung aufmerksam, mit der das „nur“ verbunden ist. Es ist als würde das „nur“ dem Jungen die Augen verschließen.

Die Augen verschließen, vor der Szene, die dann folgt: Der Dichter tanzt mit dem großen Hund, der ihm die Pfoten auf die Schultern gelegt hat und im Film wird diese Szene von einer Zirkusszene übernommen, in dem ein Tierbändiger mit einem Bären tanzt und gleichzeitig in der Manege viele Clowns erwachen. Vielleicht ist das eine Hollywood-Technik. Die Bilder sind zauberhaft und zugleich nehmen sie dem Zuschauer die Möglichkeit, die Wahrheit hinter der Szene mit dem Hundetanz selbst zu finden. Ich bin mir hier selbst nicht schlüssig, ob es richtig ist oder nicht, die sich einstellende Fantasie der Kinder, dem Betrachter fertig ausgemalt vorzusetzen oder die Szene so zu zeigen, dass sie sich im Betrachter von selbst einstellen kann. Sagen wir, dass genau dass geschieht, worauf der Film aufmerksam macht will… anstatt, dass es dem Zuschauer fertig vorgesetzt wird und er nunmehr passiv daran glauben muss.

Vielleicht ist es auch dieser Zwiespalt, der in mir die Sehnsucht ausgelöst hat: Nur davon, dass ich den Film ansehe, erwacht in mir nicht der „Peter Pan“, der sich mühelos mit der Wahrheit hinter den Dinge verbinden kann und der der Realität sehr viel Freude abgewinnen kann, weil er die Dinge ansieht, ohne ihnen gleich die allgemeine Funktion zuzuweisen.

Also der Dichter ist im Stande mit den Dingen etwas zu tun, was in der Möglichkeit der Dinge liegt: Er klemmt sich einen Löffel auf die Nase und bringt die Kinder so zum lachen… Das mag blöd klingen. Im Film ist es das ganz und gar nicht – weil hier die Stelle ist, die die unbegrenzten Möglichkeiten zulässt. Und es wird sichtbar, dass es um die Fähigkeit des Lachens, des Staunens und der Freude geht…

Später kommen Kinder ins Theater und während sie reinkommen, staunen sie. Sie sehen die Kronleuchter, sehen wie das Licht in den goldenen Stuhlrändern blitzt und funkelt und das Lachen der Kinder, lockt das Lachen des reiferen Publikums hervor.

Natürlich ist es einfach und es hat mich sehr berührt. Berührt in dem Sinne, dass der Dichter immer wieder die Freiheit der Dinge und der Menschen gewählt hat. Und natürlich hat es in mir die Sehnsucht geweckt: Einem Peter Pan zuzusehen heißt noch lange nicht, dass man deswegen den Peter Pan in sich selbst entdeckt hätte….

Doch neulich abends hatte ich kurz den Peter Pan in mir gefunden: Ich streckte im Halbdunkeln auf dem Rücken liegend meine Beine in die Luft, überkreuzte sie und wackelte mit den verdrehten Füssen und meinte, ich sei die Meerjungfrau, die dem Wasser entstiegen sei und nicht bereit gewesen sei, ihre Sprache gegen ein Paar Beine einzutauschen, um ihrem Prinzen zu folgen und sah in meinen Beinen den Fischschwanz…

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