September 25, 2007...10:31

Erbarmen mit den Frauen – zu der Figur „Andrée Hacquebaut“

Zu den Kommentaren

„Erbarmen mit den Frauen“ ist der Titel eines Buches von Henry de Montherlant.

Das Buch handelt von der Beziehung eines Dichters zu zwei Frauen. Es beginnt mit dem vielschichtigen Porträt der Frau, die er liebt, geht über in Handlungen und Gedanken zu dieser Verliebtheit und wird immer wieder unterbrochen durch Briefe, die der Dichter von einer Frau erhält, die er nicht liebt – von Andrée Hacquebaut.

In ihren Briefen erhält jene unglücklich liebende Briefeschreiberin diese Liebe aufrecht, wärmt sich daran, rettet sich damit oder versucht ihre Ohnmacht, gegenüber dem „nicht-geliebt-werden“ zu überwinden.

Sie blickt in ihren Worten und Gedanken immer wieder dem „nicht-geliebt-werden“ ins Gesicht, ohne es zu realisieren. Sie nutzt dieses „nicht-geliebt-werden“ als einen Spiegel, der sie zu immer neuen Äusserungen provoziert.

Mal ist es ausgedrücktes Leid, mal sind es die Beschreibungen von Krankheiten. Dann ist es immer wieder die Suche nach einem Schuldigen und nach einem Verantwortlichen. Sie kämpft gegen die Erfahrung der Lieblosigkeit an. Verzweifelt. Wütend. Ohnmächtig und um diese Ohnmacht wissend.

Mit ihren Briefen an den Dichter stellt sie immer wieder die Beziehung einerseits zu ihrem Geliebten andererseits zum Objekt ihrer Begierde oder ihrer Liebe her. In ihren Briefen dreht und wendet sie „den Dichter“ je nach ihrer Verfassung. Ihre Briefe handeln von einem Leben, dass vollkommen zu scheitern und zu zerbrechen droht, wenn es nicht an jener Stelle, nämlich durch die eingelöste Liebe des Dichters, gerettet und erlöst wird.

Die unglücklich Liebende projiziert jegliche ihrer Regungen auf diese eine Schwachstelle, auf diesen Ort, auf diesen Dichter, den sie ihre „Liebe“ nennt. Man könnte meinen, sie ist der Lieblosigkeit vollkommen verhaftet.

Alles wäre in Ordnung, würde der Dichter sie nur erhören, der Dichter, nach dem sie so sehr verlangt. Und mir scheint, als wäre in dieser Schnittstelle zwischen ihr und dem Dichter, vieles verborgen, wo es nicht um die Erfüllung dieser Liebe geht.

Die unglücklich Liebende schreibt dem Dichter und unter den meisten ihrer Briefe steht als Anmerkung des Verfassers, dass auch dieser Brief für immer unbeantwortet blieb. So kann sich die Briefeschreiberin austoben: sie kann schreien, weinen, sich beschweren und klagen, sie kann säuseln, sie kann erinnern, sie kann sich beziehen, sie kann sich erweitern, sie kann dem Objekt ihrer Liebe Räume einräumen und sie kann ihn bedrohen, sie kann ihm über die Medien nachstellen, sie kann ihn erforschen und vor allem kann sie ihn sehen.

Sie kann ihn sehen. Sie kann sich nicht sehen, ausser in ihrem Leid, in ihren gekränkten und unerhörten Empfindungen, in diesem Leben ohne jeden Widerhall. Sie kann machen was sie will und sie wird nie erreichen, wovon sie glaubt, dass sie es so sehr wünscht.

Es ist, als sei ihr Blick grundsätzlich in eine Richtung ausgerichtet, aus der ihr nichts, vor allem kein Blick zurück, entgegenkommt und es ist, als wäre es ihr nicht nur vollkommen unmöglich, ihren Blick in eine andere Richtung zu lenken, sondern als käme sie auch nicht den Bruchteil einer Sekunde lang auf die Idee, ihren Blick in eine andere Richtung zu wenden.

Es gibt keine Wendung in ihrem Verhalten. Sie spielt alle Facetten ihres Ansinnens, nämlich von dem Dichter „erhört“ zu werden, durch. Sie nimmt jede mögliche, schriftliche Verbindung zu ihm auf. Er ist ihr Ziel. Gnade und Erbarmen, die Rettung und Erlösung können nur von ihm kommen. Von ihm allein. Er ist alles, was sie will. Von ihm genommen und akzeptiert und geliebt zu werden ist ihr innigster Wunsch.

Und wer sollte sie von diesem Wunsch abbringen? Was sollte sie von diesem Wunsch abbringen? Die Sehnsucht endet nicht, und die Hoffnung nährt sich von weniger als ein Vogel. Die Hoffnung der unglücklich Liebenden, der Leidenden, ist nicht umzubringen und nicht auszurotten, und sie gebiert sich, wenn es denn sein muss, über Ecken, Kanten und Umwege hinweg immer wieder neu.

Ihre Hoffnung bringt Kräfte hervor, die ständig versuchen, die Wirklichkeit in eine andere Ordnung zu bringen. In die ersehnte Ordnung, aus der dann alles Heil kommen soll.

Die unglücklich Liebende, die Briefeschreiberin, die unerkannte und unerhörte Dichterin, scheint um so mehr beflügelt, je weniger sie ihrem Traumziel oder ihrem Traumprinzen näher kommt.

Und eines Abends trommelt sie mit den Fäusten an seine Tür und begehrt eingelassen zu werden. Sie ist so voll, dass sie nicht mehr bereit ist, zu warten. Wäre sie Wasser gewesen, dann hätte sie sich als unbändige Flut, in seine Wohnung ergossen.

Er hat die Türe nicht geöffnet, und sie anstelle dessen für den Tag darauf in sein Gartenhaus bestellt.

Nun – könnte man meinen – nun wird alles gut. Ehrlich gesagt, es ist, als würde alles aufatmen und hoffen und beten und flehen, dass nun alles gut würde und all ihre Bemühungen auf ein waches Ohr, auf Gehör und auf Gegenliebe stossen würden.

Eine Antwort schreiben