Gestern habe ich mich mit L. getroffen, um zum Starnberger See zu fahren. Ein echter Schönwetterausflug mit der S-Bahn. Wir hatten uns um dreiviertel eins am Donutsstand am Südlichen Seiteneingang des Hauptbahnhofes verabredet.
Ich hatte mir im Untergeschoss des Bahnhofes noch etwas zu essen besorgt und stellte auf meinem Weg quer durch die Bahnhofshalle fest, dass der Bahnhof unglaublich voll war. Menschenmassen schoben sich von Nord nach Süd und von Süd nach Nord und ein geringerer Teil versuchte von den Gleisen zum Ausgang oder vom Eingang zu den Gleisen zu kommen.
Menschen strömten in einer solchen Dichte durch den Bahnhof, dass es gar nicht so leicht war, eine Spur zu finden, auf der man von einem Ende zum anderen Ende gelangen konnte.
Viele Leute waren bereits in Wies’nuniformen gekleidet. Frauen und Mädchen mit Dirndln und Zöpfen. Mir sind noch nie so viele blonde, geflochtene Zöpfe begegnet wie gestern. Ja, es gab viel mehr blonde als dunkelhaarige Zöpfe.
Bei den Männern fiel mir vor allem ein „Wiesnoutfit“ besonders ins Auge: Sie trugen rot-weiss karierte Hemden und dazu eine hellbraune Kniebundose aus einem lederimitierenden, billigen Velourstoff. Auch der Schnitt der Hose sollte an eine Lederhose erinnern.
Der besondere Gag dieser Hose besteht nun darin, dass die Träger und der Latz herunterhängend getragen werden. Eine Hose, die ihre Träger also vor allem dadurch kleidet, dass sie schon halb heruntergelassen ist.
Mein Freund meinte später, diese Hose sei ja wohl scheusslich. Er ist – was Wiesngags betrifft – wirklich nicht zimperlich und er liebt die Wiesn mit all ihren Arten und Unarten aber das gefiel ihm dann doch nicht.
Da lobte er sich die überdimensionierte Bierhand der Vorjahre, die mit der Aufschrift „Ein Bier bitte!!“ oder „Bier her!“versehen sind. Ich kann mich nicht daran erinnern, was nun wörtlich darauf stand. Auch die Filzhüte und die Bierkrüge für den Kopf, seien o.k. Aber nicht diese Hose.
Ganze Gruppen zumeist junger Männer zwischen Mitte zwanzig und vierzig waren mit diesen Hosen und den dazugehörigen Hemden verkleidet. Es gab niemanden, der zu der Runtergelassenenhose ein anderes Hemd als das rot-weiss karierte getragen hätte.
Es sah aus, als hätten die Schaffner in den Zügen Richtung München nicht nur die Fahrkarten kontrolliert, sondern zusätzlich dieses Wiesnoutfit verkauft, damit die männlichen Fahrgäste beim Aussteigen schon auf den Münchner Wiesnausnahmezustand vorbereitet wären.
Es wunderte mich, dass – kaum hat die Wiesn begonnen – das diesjährige Wiesnoutfit sich schon herumgesprochen hatte.
Der Donutstand war nicht mehr da. Anstelle dessen fand ich L. lässig an ein Mäuerchen gelehnt, gegenüber von zwei Imbissständen. Er stand da und ich war bezaubert und freute mich, ihn zu sehen.
Während ich mich hübsch gemacht hatte, hatte er sich ebenso entspannt gekleidet, wie er nun da stand und an seiner frisch entzündeten Zigarette zog. Ein Bein stand, das andere angewinkelt, die Fusssohle an das Mäuerchen angestellt, der Hintern am Geländer, während er hinter seiner Sonnebrille, voller Genuss seiner Zigarette und dem Treiben vor seinen Augen folgte.
Die Sonne scheint. Es ist etwas los und man braucht nur dazustehen, es anzusehen und sich von der Fülle der Eindrücke berauschen zu lassen.
Bevor ich ihn ansprach, musterte ich ihn. Er trug eines seiner, mindestens einhundert, verschiedenen T-shirts, die ihn, jedes für sich genommen, stets an etwas erinnern: an einen Ort, wo er war, an ein Konzert, eine Band oder an eine Veranstaltung, an der er teilgenommen hat. Jedes T-shirt verbindet ihn mit einem bereits genossenen Lebensgefühl, erweckt dieses Gefühl und verbindet ihn von Neuem damit.
Und er liebt seine in T-Shirtform gehüteten und bewahrten Erinnerungen. Ein sehr gutes Gedächtnis, auch und vor allem für Details, hat er ohnehin. Dagegen fühle ich mich zur Zeit echt vergesslich. Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass ich andere Dinge erinnere als er und vor allem in einer anderen Weise erinnere.
Schöne oder amusante Dinge vergesse ich in der Regel sofort, es sei denn jemand anders spricht mich darauf an und das Dramatische, Schwierige oder Traurige, das behalte ich in alle Ewigkeit, kaue daran, wie an einem Knochen und schleppe es ewig mit mir herum.
In diesem Falle trug er ein schwarzes T-shirt, das ihn an die Frankfurter Musikmesse erinnert. Den Text vom weissen Aufdruck habe ich schon vergessen. Ich konnte nichts damit verbinden. Von jener Musikmesse hat er noch ein anderes T-shirt, das ich schon einmal kennenlernen durfte, und das ist so ausgewaschen und hat riesiege Löcher unter den Armen, dass ich darauf schliesse, dass diese Frankfurter Musikmesse für ihn etwas ganz Besonderes bedeutet. Ich habe noch nicht genauer danach gefragt. Aber soviel weiss ich: Gegenstände bewahren für ihn die Erinnerung und Lebensgefühle. Und er hat sehr viele davon.
Dazu trug er eine etwas ausgeleiherte Jeans, einen dicken Schlüsselbund am Karabinerhaken in einer der seitlichen Gürtelschlaufen. Der Bauch hing ein wenig über dem zu engen Bund und das in die Hose gestopfte T-shirt war in Längsfalten gezogen.
Ausgesprochen praktisch gedacht waren auch seine ehemals weissen Turnschuhe, mit ausgeleiherten, angeschlissenen Schnürriemen, deren Enden er zwischen Schuhe und die dicken Socken gestopft hatte, weil sie wahrscheinlich zu lang sind.
Sagen wir, er ist es nicht gewohnt, einen Ausflug zu Fuss und mit der S-Bahn zu machen und da hat er seine wandertauglichen Schuhe angezogen. Ansonsten hält er es eher mit italienischen Lederschuhen.
Und so stand er komplett da: pünktlich, in superguter Laune und voller Begeisterung für den Wiesnbeginn, den er sich nicht hatte nehmen lassen. Er sei beim Anzapfen auf der Wiesn gewesen und zwölf Böllerschüsse hätte es gegeben. Die Stadt sei einfach wunderbar, er liebe das Überlaufene, die Wiesneröffnungsausnahmestimmung und eigentlich müsse man sich nicht vom Fleck rühren. Es sei einfach herrlich.
Ich selber hatte es an diesem sonnigen Herbstbeginntag mit einer mondän wirkenden, schulterfreien T-shirt-Variante ausprobiert, an der ich zuhause etwas länger herumprobiert hatte (, zumal L. Wert darauf legt, wenn es um die Dame in seiner Begleitung geht,) hatte ebenfalls meine Sonnebrille angezogen, dazu etwas Schmuck und natürlich Make-up. So wie es sich gehört und besonders gut aussieht. Und natürlich wollte ich die dazugehörigen Komplimente hören, die sind in diesem Zusammenhang das Höchste sind. Die kamen und ich rief als „Lady Lou“ fröhlich und triumphierend aus: „Zickenalarm!“.
Was meinen Helden anbelangt, wird er an einem anderen Mass gemessen: Er steht da mit der Haltung: „Ich kann ja nichts dafür, dass ich so gut bin.“
Da schaden die tschechischen Turnschuhe mit den verschliessenen Kunststoffbändern nichts, die schlecht sitzende Hose auch nicht. Während er mir androht, meine Hosen bei 120 Grad zu kochen, damit sie endlich nicht mehr zu weit sind. Meine Hosen sind wunderbar, entgegne ich ihm, ich fühl mich wohl darin, die kommen nicht in deinen Kochtopf.
Ich finde ihn einfach wunderbar. Und dafür kann er tatsächlich nichts.
Seine Sonnenbrille erinnert mich an die Zeit, als ich ihn zum ersten Mal kennen gelernt habe. Sie hat dunkelblaue Gläser und eine silberne Fassung und die kleinen Scharniere zwischen Bügeln und Gläsern sind flügelförmig.
Flügel an ihm, die stehen für seine überbordende Fantasie, für seine Fähigkeit, seinem Blick stets Flügel oder etwas Beflügelndes zu verleihen.
Ich kenne kaum jemanden, der im Stande ist, den Momenten, die er durchlebt und dem, was er sieht, soviel Freude und Begeisterung abzugewinnen. Selbst wenn etwas schief läuft, spricht er letztlich von den Vorteilen, die es für ihn dann doch gehabt hat.
Wir trafen uns also pünktlich um dreiviertel und gingen dann zur S-Bahn. Er meinte, er würde am liebsten in der Stadt bleiben, so gut hätte ihm all das gefallen, was er zu sehen bekommen hätte.
Ich wiederum freute mich, mit ihm nun rausfahren zu können. Der Zug kam und schon wieder gefiel es ihm, nun im Zug zu sitzen, obwohl er lieber mit einem richtigen Zug gefahren wäre.
Der Zug nach Tutzing kam aber erst eine halbe Stunde später, so dass ich ihm vorschlug, dass wir auf dem Rückweg einen Zug nehmen könnten. Den haben wir auch genommen… und zwar in die falsche Richtung.