Was ich nun, d.h. in den letzten Wochen oder in den letzten Stunden erlebt habe, habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Und was ich nun tue, habe ich bis jetzt noch nie tun können.
Ich hatte noch nie das Glück, glücklich verliebt zu sein. Also so, dass es nicht von vorneherein „unmöglich“ gewesen wäre, und ich hatte auch noch nie die Kraft, mich zu fühlen und zu benehmen wie eine Frau oder auf meine Weise die Fühler danach auszustrecken.
Ich meine, ich habe dieses Spiel noch nie spielen können. Ich kenne seine Facetten und Eigenheiten lediglich von aussen, von anderen Frauen, die ich gerade dafür – seit einigen Jahren zunehmend – sehr bewundert habe.
Ich habe „Frau“sein und Feminines an anderen beobachtet, habe es aber nicht mit mir in Verbindung bringen können. Es ist mir exotisch, fremd und unerreichbar vorgekommen. Ich konnte mit dem, was ich sah, für mich selber nichts anfangen und zog es vor, mich da weitestgehend rauszuhalten.
Wenn ich es probiert habe, war ich so unsicher, dass ich es kaum ausgehalten habe und bin mir über kurz oder lang vollkommen lächerlich und unglaubwürdig vorgekommen.
Ich habe ich mich immer gefühlt, wie ein Mensch zwischen den Stühlen – weder Mann noch wirklich Frau. Und das nicht nur in dieser Hinsicht. Schon als Kind habe ich immer wieder gesagt, ob ich Mann oder Frau bin, spielt keine Rolle, ich bin einfach Mensch.
Etwas hat sich in diesem Jahr in mir verändert. Ich kann gar nicht sagen, was genau das ist. Das Resultat jedenfalls ist, dass ich mir die Möglichkeit einräume mitzuspielen. In diesem Leben, in dieser Gesellschaft, unter diesen Menschen und als Frau – mit welchem Erfolg auch immer. Ich möchte es wenigstens versucht haben.
Angefangen hat es schon im letzten Winter, als ich mir ein Kleid gekauft habe und es dann in den Keller gehängt habe und dort vergessen. Es hat dann bis Mai gedauert und da habe ich dieses Kleid plötzlich gebraucht und hätte nicht „mitmachen“ können, wenn ich es nicht gehabt hätte.
Das Kleid ist das „Lieblingskleid“ meines neuen Freundes geworden. Er sieht mich gerne darin und ist stolz auf mich, wenn ich es trage und mir macht es Freude, es zu tragen. Ich fühle mich wohl darin und auch schön. Schön sein wollte ich schon immer. Egal in welcher Hinsicht.
Das ganze Thema hat etwas von dem Ernst und der Dramatik verloren, die mich immer gehemmt hat und die ich mit dem Thema der Geschlechtszugehörigkeit verbunden habe. Jetzt ist es mir irgendwie mehr „egal“.
Ich identifiziere mich nicht mehr so damit. Im Grunde genommen kann ich mein Leben in Cordhosen verbringen, ohne deswegen mehr oder weniger wert zu sein. Nur hätte ich dann das Gefühl, als hätte ich die Möglichkeit verschenkt, einfach mitzuspielen und vielleicht sogar Spass dran zu bekommen.
Ja, es kommt mir jetzt eher vor, wie ein Spiel. Ein Spiel, das diejenigen, die ich mein Leben lang immer wieder beobachtet habe, schon lange spielen.
Und ich habe Lust, dieses Spiel „Frau“ zu spielen – im äusseren Auftreten. Unabhängig davon, was ich innerlich schon längst davon weiss oder nicht weiss oder eben noch nicht erfahren habe. Und mir ist alle naselang danach, heraus zu posaunen: „Ich bin ja ganz neu hier!“
Es ist ein „irres“, „ver-rücktes“ Gefühl und die Löcher, die aufreissen, die Defizite, die offensichtlich werden, sind enorm. „Hilfe, ich hab’ nichts anzuziehen. Ich brauche einen Kleiderschrank. Ich brauche einen Schminkkoffer. Ich brauche… so Vieles.“
Trotzdem fühle ich mich frei, bei all dem Alten und Vertrauten zu bleiben. Ich meine, es wäre in Ordnung dort zu bleiben, wenn ich nicht so Lust darauf hätte, mal etwas anderes auszuprobieren. Ein Stück Yoghurtsahnetorte, eine, zwei oder drei oder viele Nächte mit einem Mann. Warum nicht? Warum eigentlich nicht? Warum nicht mal den Verstand verlieren?
Mein „Nicht-Materialismus“, meine Bezuglosigkeit, wenn es um festes Mobiliar, Gegenstände und die Aufmerksamkeit gegenüber all den Dingen geht, die man in unserer Gesellschaft so braucht oder hat, und die ich auf ein Minimum zurück geschraubt habe, entpuppt sich mitunter als die Unfähigkeit, mich einzulassen.
Einzulassen auf etwas, das eben wirklich und materiell ist. Egal, ob es dabei um einen Kleiderschrank geht, um einen Menschen oder um etwas anders. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit diesen wirklichen Dingen, war mir immer „zuviel“, hat mich überfordert. Abgesehen, von den wenigen Dingen, die ich kann und mit denen ich sehr gut zurecht komme. Spülen, Aufräumen, Putzen, Staubsaugen (mit Hingabe!). Nein, in letzter Zeit musste ich öfters mal eine weisse Bluse bügeln und mir Gedanken über elegante Schuhe machen.
Manchmal kriege ich regelrecht einen Anfall und möchte dieses „Projekt“ aufgeben, weil ich völlig entmutigt bin. Und weil ich mir vorkomme, als hätte ich den „Verstand“ verloren, als wär ich „nicht mehr zu retten“, als wär ich „heillos verirrt und verloren“.
Es raubt mir buchstäblich den Kopf. Und die Stimmen, die sich da melden, sind ganz schön knallig: „Du hast ja nicht alle Tassen im Schrank. Das kann ja nur schiefgehen. Du setzt auf das falsche Pferd… Du bist aber oberflächlich geworden….“
Und natürlich habe ich Angst davor, mich immer tiefer einzulassen, davor, wirklich zu leben und zu er-leben. Aber wann sollte ich das tun, wenn nicht jetzt? Ich bin alt genug. Ich musste diesesmal einfach einsteigen, und ich wollte es auch.
Vielleicht sind die Ängste einfach nur die Wächter, die darüber wachen, dass ich „im Zaum“ bleibe, genau da bleibe, bei meinen Pappkartons, bei meinen viel zu weiten Cordhosen, bei meinen riesigen Pullovern, bei meinem Desinteresse all den schönen Dingen und Genüssen gegenüber, die das Leben ja auch zu bieten hat und bei meiner Unfähigkeit zu geniessen (und das, wo in mir in Wirklichkeit auch eine totale Geniesserin drin steckt…)
Und natürlich dabei, dass ich mir wenig zutraue, ich mich nicht zeige und mich häufig gerade gut genug fühle, den Mülleimer zu leeren.
Einer Freundin hatte ich von meinen neuen, roten Mädchenschuhen geschrieben, deren Erwerb mich derartig in Begeisterung versetzt hatte, dass ich sie voller Wonne und trotz Schmerzen getragen habe, und sie hat mir zurück geschrieben: „Rote Schuhe, das ist ja ein ganz neues Leben…“ Und das empfinde ich ja auch so.
Und jetzt erliege ich immer wieder dem Reiz dieses Neuen. Das Loch oder das Leck, durch das etwas Neues rein kommt, reisst immer grösser auf. Es ist einfach nicht mehr aufzuhalten.
Und mein Freund scheint da manchmal und unerwartet rein wie die Sonne. Ich bin zur Zeit einfach überwältigt oder buchstäblich „fassungslos“, weil ich das „Neue“ immer wieder auf dem Hintergrund des „Alten“ erlebe. Und immer wieder fällt mir dieses Alte ein. Ich hänge da in Gedanken fest. Halte vielleicht fest, gerade wo es jetzt so haltlos geworden ist.
So, wie heute nacht mein Freund, als ich reglos neben ihm lag, und er plötzlich zu mir sagte: „Das ist schön, wie wir jetzt da liegen!“ Erst in dem Moment realisierte ich überhaupt, wie wir dalagen und wie es sich anfühlte, so dazuliegen. In dem Moment sind mir sind die Tränen runtergelaufen. Ich bin ihm dankbar, dass er das gesagt hat und mich damit in die Wirklichkeit geholt hat.
Und so ist es oft. Er lebt in der Gegenwart, sieht das Schöne und lässt sich davon leiten und inspirieren, erfreut sich ohne jedes schlechte Gewissen daran, während ich immer wieder mal ein schreckliches Kaninchen aus der Vergangenheit aus dem Hut zaubere. Sagen wir, das Schöne der Gegenwart, provoziert Erinnerungen an das, was vorher war.
Und ich erinnere zum Beispiel, wie oft ich schon versucht habe, „mehr aus mir zu machen“ und das habe ich natürlich nie durchgehalten: immer wieder habe ich Kleider und Lippenstifte wieder weggeworfen habe, nachdem ich sie ein oder zweimal getragen hatte, weil ich mich jedesmal erst gut und dann binnen einiger Stunden so schlecht gefühlt hatte, dass ich diese Dinge wieder weggeworfen habe. Kein Mann, kein Freund und keine Freundin hat mir je dazu verhelfen können, dass ich da weiter gemacht hätte. Jetzt geht es.
Jetzt muss ich nicht „mehr aus mir machen“ – ich entdecke einfach nur neue Möglichkeiten.