August 29, 2007...6:26

Mancuso

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Mein Freund ruft mich an. „Ach, ich bin so aufgeregt. Bist Du auch aufgeregt?“ Als ich das hörte, war ich auf einem anderen Stern als er. Ich hatte an der Rufnummer im Display gesehen, dass er mich von der Redaktion aus angerufen hatte und dachte mir nach seiner Frage, es sei vielleicht etwas passiert, was ich hätte mitbekommen müssen. Irgend ein Unfall, ein Unwetter, ein Regierungsumsturz oder sonst etwas.

Doch dann kam von ihm das Schlüsselwort: „Mancuso…“. Er hat es mit einem dreifachen uuu und mit einem h vor den u’s ausgesprochen und ehrlich gesagt, so klang es eher gestöhnt, als gesprochen. Da wusste ich natürlich sofort Bescheid – soweit ich es eben wissen kann.

Also: Mancuso ist das erste Fohlen von der Stute Mandelset, ein Erstling also und ein Jährling, das heisst, er ist jetzt ein Jahr alt. Sein Vater ist Dashing Blade. Mandelset wiederum ist die Schwester der Mutter des derzeit schnellsten Pferdes der Welt, nämlich von Manduro. Manduro, von dem man unlängst auch in Ascott im wichtigsten Rennen gesehen hat, dass er gegen die anderen Pferde „nasebohrend“ gewonnen hat. Was in der Welt des Pferderennsports zu grossem Aufsehen geführt hat.

Ich habe mir sagen lassen, dass im Pferdesport Verwandtschaften sehr wichtig sind. Je näher ein Pferd mit einem Gewinnerpferd verwandt ist, um so besser. Die Praxis scheint das zu bestätigen.

Mandelset und Mancuso sind also eng mit Manduro verwandt und am Wochenende wird Mancuso in Baden-Baden auf der Rennbahn versteigert. Daher also die Aufregung. Ein Teil von Mancuso gehört nämlich einem Freund meines Freundes und natürlich erhoffen sich die Besitzer bei der Versteigerung dieses Pferdes einen guten Erlös.

Aber nicht nur auf den Erlös richtet sich die Aufregung. Es geht auch um’s Dabeisein. Dabeisein, wenn die Pferde besichtigt werden, wenn all die Pferdebesitzer, Trainer, die Fachleute oder besser die Fachwelt zugegen ist, wenn dann begutachtet wird, wenn Meinungen und Kenntnisse und Erfahrungen über die Qualität der Pferde ausgetauscht werden. Ich war noch nie bei so etwas dabei. Ich erfuhr, dass die Leute sich bei der Vorbesichtigung der Tiere noch ganz entspannt geben, dass es „leger“ zugehen würde und dass es dann bei der Versteigerung aber feierlich wird – mit Anzug und so…

Was denke nun ich? Meine Kenntnisse und Erfahrungen rund um den Pferderennsport beschränken sich auf zwei Rennbahnbesuche und eine feierliche Fohlentaufe. Anlässlich der Fohlentaufe hatte ich das Vergnügen Mancuso schon einmal zu erleben und so habe ich schon einen Bezug zu ihm, wenn er dann zur Versteigerung ausgerufen wird.

Ich hatte Gelegenheit Mancuso, zusammen mit einer Herde von Jährlingen, auf einer Weide in seinem Gestüt kennenzulernen: Blitzeblanke, schwarze, hellwache Augen, einen wunderschönen, ebenmässigen Körper, glänzendes, schwarzbraunes Fell, drei mal weisse Söckchen an den Fesseln, kraftvolle und herrische Bewegungen. Er ist nicht besonders gross.

Mancuso war immer das erste Pferd, das darauf reagierte, wenn jemand sich dem Zaun näherte. Er guckte total neugierig und kam auch mal näher. Zugleich war er der Showstar. Immer wieder führte er die Herde an und galoppierte an der Spitze von einem Ende der Weide zum anderen.

Er hat etwas wildes, ungezügeltes, auch etwas freches und so etwas von „Ich weiss wer ich bin – und wer bist Du?“ Er hat etwas schnelles, ungeduldiges und auch sehr sensibles, schien auf alles zu reagieren.

Ich saß mit Kindern, mit zwei Kleinen Mädchen, ca. 9 und 10 Jahre alt, zusammen am Zaun, und sie haben sich sofort in das junge Pferd verliebt. Sie fingen an, ihn zu locken, zu schnalzen, ihm Koseworte zuzurufen und überhaupt… natürlich wollten sie das Pferd sofort haben, und sie haben es mit anderen „süssen“ Pferden verglichen, die sie kennen und vor allem lieben.

Die Mutter von den beiden kleinen Mädchen, war ebenfalls total von Mancuso angetan. Er hat sie an ein Pferd erinnert, das sie früher einmal hatte. Sie liebte das wilde Temperament von jenem Pferd, das sie nun in Mancuso wiederfand.

Ich war einfach nur begeistert, diese jungen Pferde bei Rennen und Spielen auf der Weide zu beobachten. Mir gefiel der Gesichtsausdruck der Pferde und insbesondere der von Mancuso so gut. Das Reife und Selbstbewusste einerseits und das noch so junge, kindsköpfige andererseits.

Jede Regung, jede Mimik, jede Bewegung war direkt und eine Reaktion auf etwas: Auf vorbei fliegende Vögel, auf heran nahende Menschen, auf Geräusche. Man konnte sehen, was die Pferde interessiert und was sie langweilt.

Und immer wieder brachen sie zu wilden Verfolgungsjagden auf – vom Zaun bis an den hinteren Rand der Weide, bis dahin, wo ein kleines Wäldchen ist. Dann verschwanden ein paar Pferde im Wäldchen und manche blieben vor den Bäumen stehen und grasten so lange, bis das Rennen wieder in die andere Richtung losging – voller ungeteilter Energie und Lebenslust. Ein prachtvoller Anblick.

Ich war fasziniert davon zu sehen, wieviel Persönlichkeit so junge Pferde haben, wieviel sie allein über ihren Körper, ihre Mimik und ihre Reaktionen über sich mitteilen. Und ich war begeistert über ihren Ungestüm, über Pferde, die nicht zu halten sind und raus wollen mit ihrer Kraft.

Mancuso wird also versteigert und die Besitzer sind natürlich sehr aufgeregt. Sie sehen dem Wochenende mit vielen Hoffnungen entgegen. Ich erfuhr also in jenem Telefonat, dass Mancuso nun schon in Baden-Baden angekommen sei, dass er eine wunderschöne Box hätte, dass er die Fahrt gut überstanden hätte…

Ich werde morgen abend mit nach Baden-Baden fahren, um bei der Versteigerung mit dabei zu sein. Und natürlich bin ich auch aufgeregt. Wie sollte ich ruhig sein, wenn die anderen so aufgeregt sind? Auch wenn „Pferde“ mir eher fremd sind und ich oft nachfragen muss, weil ich nicht weiss, wovon die Rede ist.

Nur Mancuso auf der Weide – zusammen mit den anderen Jährlingen – das braucht mir keiner zu erklären. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass der Kleine ein Superpferd und der Chef in seiner Herde ist.

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