August 3, 2007...6:41

Auf dem Weg von Tutzing nach Herrsching

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Ich sitze auf einem moosbewachsenen Baumstumpf im Wald. Nur wenig abseits des geteerten Weges, der durch den Wald zum Abzweig zur Ilkahöhe führt. Hier fällt zwischen den Bäumen Sonnenlicht ein, lässt hellgrüne Lichtpunkte auf den Moospolstern und hellbraune auf den getrockneten Laubhaufen und Buchenblättern des Vorjahres entstehen.

Lichtpunkte zittern wie vom Wind bewegt zwischen Schattenflecken von Fichten und Laubbäumen. Baumstämme, Äste und Laub in den Baumkronen werden von der einfallenden Sonne weissgolden überstrahlt. An manchen Stellen sieht es aus, als hätte das Licht die durchgehende Zeichnung und Bewegung von Ästen und Stämmen einfach ausgefräst. Sie wirken löchrig, angefressen, uneben und das durchgehende wird unterbrochen. Es sieht aus wie Baumhalskaries, dieses überhelle Licht, das in und durch die Zwischenräume einfällt und diese dabei überstrahlend weitet.

Insekten krabbeln am Boden. Insbesondere die Ameisen im blühenden Moos sehen aus als würden sie an Geräten turnen. Eine hat soeben eine Moosblüte erklommen, balanciert mit ihren hinteren Beinen auf den oberen, schwankenden Blättchen, während sie mit ihrem vordersten Beinpärchen immer wieder ins Leere hinein langt, danach greift, als würde sie dort nach einem weiteren Halt suchen. Sie rudert und zappelt vorne, während sie sich mit den hinteren Beinchen auf der Pflanze aufrecht hält. Ein schwindelerregender Anblick. Eine Zirkusnummer. Sie macht immer weiter. Nach Panik sieht es nicht aus. Sie macht weiter, rudert und fühlt ins Leere hinein, auf der Suche nach einem weiteren Trittbrett, nach einem Halt, nach einem Weg, der nach oben weiterführt. Zwei weitere Ameisen hängen in zuckenden Verrenkungen an den Blättern einer anderen Moospflanze. Leben beide, oder schleppt die eine Ameise die andere ab? Jedenfalls hängen die beiden zusammen.

Der Waldboden ist ein Mikrokosmos und manches ist mit dem blossen Auge nicht mehr zu erkennen oder zu „entziffern“. Aber es ist spürbar, dass dieser Mikrokosmos sich nicht im Erkennbaren erschöpft. Vielmehr sieht es aus, als würden aus kleinen Welten immer noch kleinere Welten entstehen.

Das Moos ist für die Ameisen ein Zuhause und nicht nur für die. Es gibt auch andere Insekten. Winzige Spinnen zum Beispiel. Die Fäden ihrer Netze sind fein gesponnen von Moosspitze zu Moospitze. Verbunden zu einem zitternden und blinzelnden Geflecht, in dem sich Sonnenstrahlen und Tautropfen fangen. Ein Windhauch streift den Boden.

Herabgefallene, vollkommen trockene Buchenblätter drehen sich leise wispernd um, während feuchte und schwere Blätter zwischen faulenden Ästen und kleinen Zweigen auf dem reglosen Weg zu dunkler, feuchter Waldbodenerde sind. Flechten besetzen Holz und Steine. Pilze bewohnen Baumstümpfe und vereinzelte, helle, faustgrosse Kieselsteine wirken in all dem ungeordneten, fruchtbaren Miteinander wie Fremdlinge, die ihren regungslosen Blick all das richten, was hier als Lebenswelt aus Bäumen, Tieren und Pflanzen entstanden ist, auf Werdendes und Vergehendes.

Manches verliert allmählich Form und Farbe. Die Materie ändert sich, ändert Aussehen, Beschaffenheit und den Geruch. Manches dient als Wirt, Nahrung und als Nest für quicklebendige Klein- und Kleinstlebewesen, die sich hier einrichten, unterschlüpfen, einnisten, ernähren und fortpflanzen.

Ideale Lebenswelten für einen Augenblick: die richtige Temperatur, das richtige Licht, die richtigen Nährstoffe, Wasser, Luft und Raum. Für einen Augenblick. Ändert sich etwas, dann ändert sich für alle etwas. Dann stimmt es für die einen nicht mehr, dafür aber für die anderen. Etwas vergeht und dafür kommt etwas Neues. Hier ist alles in Bewegung. Zustände ändern sich. Nichts bleibt. Die Tiere und Pflanzen leben damit. In mir stieg das Wort „Geborgenheit“ auf.

Ich stand auf und ging weiter. Auf auf meinem Weg habe ich auch immer wieder Wasser gesehen. Kleine Bäche und Bächlein, Pfützen und Wasserlöcher. Fliessendes Wasser und stehendes Wasser. Rostiges Wasser, schlammiges Wasser, klares Wasser. Wasserpflanzen und Wasserläufer. Stummes Wasser, perlend, gluckerndes Wasser und unbewegt-stilles Wasser. Regenwasser und Quellwasser. Wasser, das über grosse Steine lief. Wasser, das in schlammigen Becken stand und Moorwasser, aus dem Wasserpflanzen herauswuchsen.

Geheimnisvoll wie Moorpflanzen nun einmal erscheinen: Anmut, Schwung und Fantasie hineingewoben in asymetrisch, gewundene Formen, in Orchideenkelche und schlangenartig langgezogene, schmale Blätter. Pflanzen, die unvermittelt aus schwarzen Wasserspiegel auftauchen, als wären sie Botschafter einer wenig greifbaren, unterirdischen Welt. Würde man nach ihnen greifen: Die Substanz würde einem formlos geworden zwischen den Fingern zerrinnen. Botschafter einer unterirdischen, nächtlich-verzauberten Welt. Auftauchende Botschafter. Vermittler zwischen der greifbaren und der fühlbaren Welt. Zwischen flüssig und fest. Zwischen unten und oben. Zwischen drunter und Oberfläche. Eigentlich müsste man die Silhouetten jener Planzen vor der silbernen Scheibe des Mondes wie auf einem Leuchttisch betrachten und dabei ihren zart gezeichneten Verläufen wie den Streiflichtern aufgezeichneter Tanzbewegungen folgen.

Ich hörte Vogelstimmen im Wald. Noch näher war mir das Zirpen der Insekten. Für Augenblicke fühlte ich mich dem Naturraum zugehörig. Entscheidend schien mir, ob ich mich einlassen und öffnen kann. Mehr, als das etwas oder jemand aus dem Raum auf mich zukommt und mich sozusagen direkt anspricht und involviert. So wie es vielleicht ein Mensch tun würde, der etwas von mir möchte. Hier bezieht mich niemand ein. Hier lädt mich auch niemand ein. Niemand engagiert mich und niemand beauftragt mich. Niemand fragt etwas und niemand sagt etwas. Hier leben alle zusammen. Jeder nach seiner Art. Und ist, als wüssten die Steine, die Pflanzen, Bäume, Vögel ihre Art und ihren Weg. Sie gehen und fragen nicht. Sie begegnen, steigen drüber, gehen drumherum oder bleiben forschend und untersuchend stehen. Nichts von alledem ist zweifelhaft.

Am Wegesrand steht das Johanniskraut in voller Blüte. Mir fallen die halbrunden, dottergelben Blättchen auf, die sich konzentrisch um die feinen, schmuckvollen, zweireihigen Staubgefässe schmiegen. Wie schön. Wie wunderschön, die Gesichter dieser kleinen, so leuchtend gelben Blüten, die als Krönung und auf den Wipfeln der hochgewachsenen, versetzt-leiterförmig beblätterten Stengel herauswachsen und unversehens auf den Himmel hin, vollkommen aufgeblättert und geöffnet sind.

Sonne wärmt meine Haut. Windrauschen in den Baumwipfeln begleitet mich. Wind streift unvermittelt und kurz über die Wange. Dann ist wieder alles ruhig. Wieder rauscht es von weit her. Tiefer im Wald sind die bizarren, spitz abgesplitterten Formen abgebrochener Bäume zu sehen. Manchmal auch das Geweih von Baumwurzeln. Manchmal wünsche ich mir, ein Reh zu sehen. Kein Reh ist zu sehen, aber Baumwurzeln, denen ich Hirschnaturen andichte. Nur laufen sie nicht weg, nachdem ich sie erblickt habe. Baumwurzeln sind nicht schreckhaft. Nicht im Wald und nicht auf der Lichtung. Sie laufen einfach nicht davon.

Die Tollkirschen sind reif. Dunkle, fast schwarze tolle, rollrunde Kirschen. Kirschen vor deren Gift mich meine Oma schon als Kind gewarnt hat. Tollkirschen gehören zu den Pflanzen, deren Namen ich ausser Königskerze und Besenfriem, ausser Gänseblümchen und Dotterblume, ausser Mauerblümchen und Männertreu am längsten kenne. Die Früchte hängen verheissungsvoll-lockend-regungslos unter den Blättern. Man möchte sie pflücken. Man möchte etwas mit ihnen machen. Sie sind so perfekt, glänzen satt und sehen so aus, als würden sie die Welt aus den Angeln heben, wenn man von ihnen kosten würde. Meine Oma wollte die Welt immer so bewahren wie sie in ihren Augen immer schon gewesen war. Belladonna, die schöne Frau im Wald. Atropin, ihr lähmendes Gift. Bevorzugt eingesetzt um die Pupillen zu weiten und die Männer mit Riesenpupillen zu locken, reinzulocken in den Abgrund der Augen, der sich als vergnügliche Spielwiese offenbaren kann. Für eine gewisse Zeit.

Mal bleibe ich stehen. Mal sehe ich nach vorne. Mal drehe ich mich um. Oft schaue ich zur Seite. In den Wald hinein. Ich sehe nach links und nach rechts. Links läuft ein Film und rechts läuft einer und wenn ich geradeaus gehe, laufe ich geradewegs in eine Leinwand rein, die als Landschaftsraum auf mich zukommt. Er kommt raus und ich gehe rein. Dazwischen begegnen wir uns. Die Strasse, der Weg, der Pfad, auf dem ich gehe trennt links und rechts, Liebe und Freundschaft, vorne und hinten, das Ziel vom Feind. Ich lasse hinter mir und gehe vorwärts. Betrete neuen, alten Boden und verlasse den betretenen Boden. Unablässig. Schritt für Schritt. Vor mir Anblicke und mit jedem Rucken des Kopfes noch mehr Anblicke. Blicken mich an, blicke ich an. Ich bin hier und sie sind da. Ich habe immer Angst, ich würde vergessen etwas mitzunehmen, damit ich etwas hätte, wenn ich wieder zurückkäme. Hier gibt es keine Souvenirläden. Wenn ich gehe, geht alles vorüber. Bleibe ich stehen, steht alles.

Ich setze mich auf eine saure Wiese mitten im Wald. Ich setze mich in eine kleine Kuhle rein, die genau für mein Gesäss gemacht zu sein scheint. Da setz ich mich rein und umfasse die angewinkelten Beine und lege den Kopf schräg auf die Knie. Höre mit einem Ohr nach oben, mit einem eher nach unten. Kühles Meeresrauschen aus dem Raum zwischen den Beinen und nach oben hin das Grinsen, Zirpen, Schmeicheln und Wurlen des Sommers über einer sauren Wiese. Pralle Fruchtknoten aufgereiht am Stengel einer unbekannten Schönen.

Am Strassenrand liegt ein Stein mit einem Kindergreisengesicht. Der Stein ist Gesicht und blickt mich an. Unverwand, mit breitgezogenen Augen, die unter einer gerunzelten, eierförmig hochgezogenen, kahlen Stirn hervorschauen. Augen, Nase, Mund dicht unter der hohen Stirn zusammengedrängt wie unter einem grossen, spitz zulaufenden Hut und als Relief in die Oberfläche eines grossen Kieselsteines eingelassen. So blickt es heraus, und ich blicke zurück als wär da jemand.

Da ist jemand. Ich hab’s doch gesehen und der hat mich gesehen. Ich fass’ den Stein an und der breitet sich aus, wandert in meine Hand hinein, erklimmt die Leitbahnen meines Armes und erobert mein Inneres bis sich die Eroberung verliert. Nachdem ich den Stein gefühlt habe, sehe ich ihn nochmals an, so konzentriert, dass er sich vor meinen Augen aufzulösen scheint. Er löst sich nicht auf und ich lege den Stein wieder an seinen Platz, eine kleine, feuchte Mulde im Sand und ziehe weiter.

Noch viele Steingesichter liegen am Strassenrand dieser Kastanienallee aufgereiht. Jedes anders. Aber alle mit dieser Mischung aus Kind und Greis. Aus Weisheit, Verschmitztheit, Besorgnis, Besonnenheit, Zorn und der Gestalt nie gesehener Gesichter, die einem vertraut vorkommen, so als kenne man sich bereits seit langem. Man hätte es nur vergessen. Zusammen mit den Tapetenmenschen vergessen, die sich Kindertagen rege mit uns unterhielten und wilde Jagden über die Tapete vollzogen, bis jemand reinkam und plötzlich alles wieder stillstand. So als wäre nie was gewesen. Es war ja auch nichts. Ich grüsse die Kindergreisensteine, die zu wissen scheinen, was sie tun, und ich wundere mich über ihre Vielzahl.

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