April 27, 2009

Der Fleck

Ein nasser, dunkler Fleck, kleiner als ein Fünfmarkstück, auf dem Meer eines frisch gebürsteten Holzparketts.

Rippe für Rippe. Die Gräten des Parketts dehnen sich aus in all den vielen Räumen, doch ein Fleck trübt die Größe, unterbricht.

Eine Stunde lang habe ich ihn gesehen, bin immer wieder auf meinem Weg woanders hin, so ganz beiläufig an ihm vorbeigekommen, habe beschlossen, diesen Fleck sich selbst zu überlassen, er wird schon wieder verschwinden, trocknen oder so.

Was auch immer dieser Fleck ist – er glänzt nass, also kann er trocknen.

Zwei Stunden: Zum dreissigsten Mal oder vierzigsten Mal, muss ich an diesem Flecken, diesem ohne mein Zutun hier an diese Stelle draufgetropften Flecken vorbei.

Hier spiegelt sich das Licht ganz anders, wird zurückgeglänzt, wo überall drumherum das geschrubbte Holz milde lächelt und indifferent die Schritte duldet.

Stunde drei: Er glänzt undvermittelt und er ist nicht alleine, wenn man genau hinsieht, denn gibt es noch andere solche Flecken. Blasser und kleiner zwar, aber trotzdem.

Ich erinnere all die vielen Tropfen auf dem frischen Parkett in den Tagen des Einzuges. Jeder Tropfen hinterliess einen hellen Stern auf dem frischen Parkett. Hinterließ einen Makel inmitten der Makellosigkeit.

Denkmale. Stolperfallen. Blickfänger. Verzögerungen. Aus dem Takt kommen. Drumherumkommen.

Stunde fünf, sechs und sieben: Das Gewissen plagt schon arg. Soll sich doch jemand anders um den Fleck kümmern. Ein Verursacher zum Beispiel.

Warum immer ich? Sehe diesen Fleck nur ich? Sieht ihn denn kein anderer? Wer hat den Fleck dahin gemacht?

Oh, so ein Fleck, das gibt Ärger! Der Fleck muss weg. Der verschandelt ja den ganzen Fußboden.

Der nervt mindestens so sehr wie ein einsamer Kuchenkrümel auf einem frisch gesaugten Fußboden.

Der Fleck bleibt. Er trocknet nicht. Von Mal zu Mal, dass ich an ihm vorbeilaufe, verlangt er mir noch mehr Aufmerksamkeit ab.

Doch ich bleibe heldenhaft standhaft:

Ich werde mich nicht um diesen Fleck kümmern. Ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern.

Wo kämen wir denn da hin, wenn ich mich auch noch um so dämliche, lächerliche Flecken kümmern würde? Da käme ich ja überhaupt nicht mehr nach Hause und nicht ans Ziel.

Nein, diesmal werde ich nicht schwach. Soll der Fleck doch sehen wo er bleibt. Soll er doch tun und lassen, was er will. Ich werde mich nicht um ihn kümmern. Soll er doch schreien, jammern und flehen. Soll er doch glänzen, fetten, dunkeln. Soll er doch ätzen, schwärzen.

Soll er doch verrecken, dieser jämmerliche Tropf. Soll er mir doch hinterherbrüllen, hinterherrennen, soll er mich doch verfolgen, wenn er sich traut…

Ich nicht. Nicht jetzt. Nicht heute. Nicht schon wieder. Nicht immer ich. Nicht immer nur ich.

Ich hole den Schwamm aus der Küche. Ich wische den Fleck weck. Bin glücklich, dass der Boden wieder unversehrt und ich ungestört meiner Wege gehen kann.

Der Fleck ist nicht mehr da. Ich vermisse ihn nicht.

Februar 20, 2009

Stehcafé im Bahnhof

Gestern früh gönnte ich mir noch vor der Arbeit einen Milchkaffee im Zwischengeschoss am Hauptbahnhof.

Da gibt es ein kleines Stehcafé, wirklich winzig, in dem immer mindestens drei Mitarbeiterinnen hinter der Theke stehen, die alle Hände voll zu tun haben.

Es gibt Brot, Gebäck und frisch belegte Brötchen – die Klassiker: Käsebrötchen und Fleischwurstbrötchen. So wie die früher mal waren. So ganz normale Brötchen, aus denen seitlich die eckige Käsescheibe rausflappt. Ganz frisch.

Und dann gibt es natürlich den riesigen Automaten, der den verschiedenen Arten heutiger Kaffeézubereitung einigermaßen gewachsen ist. An der Wand hängt ein Plakat: Hazelnut-Mint Kaffee und noch eine andere parfümierte Sorte. Handgeschrieben mit dicken Filzschreibern und drumrum Luftschlangen.

Das Café ist wirklich winzig. Manchmal stehen die Kunden schon von draußen Schlange. Seitlich ein paar Stehtische, die mit sonnenblumengelben, halblangen Hochglanzplastikfolien abgedeckt sind. Milchkännchen, Zuckerstreuer und eine kleine Plastikprimel im Plastiktöpfchen stehen jeweils obendrauf.

Eine zeitlang ging ich jeden Morgen in dieses Café. Da gab es auch eine kleine, bucklige alte Frau, deren ganzes Vergnügen es zu sein schien, vollkommen ehrenamtlich die Tische abzuräumen.

Sie hinkte mehr als das sie ging, war kleiner als die meisten Gäste und sie lauerte geradezu auf das nächste freiwerdende Geschirr. Sie blühte vor Verantwortung, Wichtigkeit und Freude an ihrem Job, den sie sich selber kreiiert hatte. Die Damen vom Service ließen sie stets gewähren.

Auch ist mir schon einmal aufgefallen, dass Obdachlose, die vom Bahnhof runterkommen, sich bevorzugt hier eine Tasse schwarzen Kaffé leisten und manchmal sogar ein Brötchen dazu. Und die Damen vom Service, die kennen ihre Pappenheimer und sind total freundlich, zuvorkommend und auch aufmunternd gegenüber den Obdachlosen. Sie behandeln sie mit mehr Aufmerksamkeit, als die normalen Kunden – oft die Eiligen und Flüchtigen aus der Geschäftswelt, die mit ToGo-Pappbechern, geknickten Trinkhalmen und Aktenkoffern weiterlaufen.

Das kleine Stehcafé im Zwischengeschoss zwischen Fernzügen und S-Bahn ist eigentlich kein Coffetogo-Betrieb. Die Servicedamen tragen gelb weiss längs gestreifte Schürzen und sie werden von einer zackigen Filialleiterin streng überwacht.

Manchmal bleibe ich im Café selbst und manchmal stelle ich mich an einen der Stehtische, die außerhalb, direkt im Zwischengeschoss, aufgestellt sind. Mein Milchkaffee ist dann die Eintrittskarte für die Aussichten auf die vielen Reisenden.

Ich hänge mehr an dem Tisch als das ich stehe. Manchmal lehne ich mich auch an ein Mäuerchen zurück, und ich geniesse diese Art Live-Fernsehen.

Das Vorbeiströmen irgendwelcher Leute, die permanente Abwechslung. Geniesse Blitzeindrücke, die die Leute hinterlassen: Der ist doof und der ist nett.

Ich stehe da, lasse mich gehen, gedankenverloren und verliere Gedanken, nichts hält sich lange, die Eindrücke kommen und gehen. Ich behalte nichts, zerstreue mich, denke nicht an zuhause und auch nicht an die Arbeit, sondern bin einfach nur dort und glotze. Kurze Kontakte, ein Lächeln, einfach so.

Flüchtige Miteinander und es ist noch etwas Zeit. Rumstehen, an einem Ort, an dem man eigentlich nicht stehenbleibt. Zwischenzeit und Aufenthalt in einer unverbindlichen Zone. Ich bin allein und andere auch. Gemeinsam belauschen wir die, die zu zweit kommen.

Mit den Fingern das Lacktischtuch befühlen, die Plastikprimel rumdrehen, sinnlos verschieben, den Zuckerstreuer geraderücken, beim Nebenmann in die Zeitung reinlesen. Ich liebe das und manchmal gönne ich es mir.

Februar 19, 2009

Sei fröhlich!

„Sei fröhlich“, hat er mir hinterher gerufen, als hätte er die ganze Zeit gespürt, wie schwer mein Herz eigentlich ist. Durchschaut hat er mich, gespürt hat er mich und ruft es mir dann zu, dieses „Sei fröhlich“ – ganz zum Schluss, im letzten Moment, gerade dann, wenn ich nur noch nicken kann, wie im Reflex, gerade dann, wenn ich nichts mehr sagen kann, gerade dann, wenn ich damit stehen bleibe, damit zurück bleibe, während ich sein Auto sehe, wie es um die Kurve fährt, elegant versteht sich und voller guter Laune, weil es doch ein so schönes Auto ist.

Natürlich hat mich das getroffen. Wie alles. Immer trifft es mich. Immer bleibe ich vollkommen perplex da stehen und weiß überhaupt nicht, was ich machen soll. Immer fühle ich mich blöde, fühle mich, als würde ich ganz fundamental etwas falsch machen. Ganz grundsätzlich. Jeder hat es verstanden. Nur ich habe es nicht oder nur teilweise verstanden. Ich kenne sie ja diese Aufforderungen zu etwas, was ich sicher „gerne“ tun würde, wenn es dabei um eine Verstandesentscheidung ginge. „Sei fröhlich“.

Ich gucke auf die Straße. Sehe an den Bürgersteigrändern diese Massen eingetretenen, angetauten und wiedererfrohrenen Schnees. Diese weissen Minialpen. Ich bin froh, dass ich in Spezialwinterstiefelchen drinstecke und meinen Füßen diese Schneemengen nichts anhaben können. Ja, ich kann sie sogar geniessen. Es ist doch schön, dieses Weiß. Es ist etwas Besonderes. Ein Ausnahmezustand. Diese gefrohrene Welt.

Gefrohrene Fußabdrücke und Reifenspuren zeigen blinkend ihre vereisten Profile im Sonnenlicht. Die Trambahn fährt trotzdem. Die Ampel steht auf rot. Ich warte auf grünes Licht. Ich gehe los, mit kraftvollem Schritt.

Neulich sah ich mich mal überraschenderweise in einer Spiegelscheibe und befand meine Bewegungen hätten keine Energie. „Zeig’ Deine Energie“, so heißt es doch im Fernsehen bei den ganzen Popstar-Schmieden. „Da steckt noch mehr drin“, heißt es auch.

Ich gehe, konzentriere mich auf’s Gehen und gehe forschen Schrittes, energiegeladen. Will meine Muskulatur spüren, meinen Körper spüren, meinen wunden Körper vorwärtsbringen. Meine Verzweiflung ist immer innerlicher. Niemand will sie mehr haben. Mein Verzweiflung sitzt so in mir drin. Wie gut, wenn ich schreiben darf, was ich will. Wenn ich ihr Ausdruck verleihen darf.

Ich Sturschädel. Du hast Dich doch Dein ganzes Leben lang nicht verändert und irgendwie kann ich nicht weiter gucken, als bis zu meiner Nasenspitze. So spüre ich sie, meine Befangenheit, mein Eingesperrtsein „in mir“. Ich kann versuchen zu erkennen und zu kontrollieren, diese Welt à la F.

Jeden Zweifel, den man haben kann, ich habe ihn. Er ist immer schon da, noch bevor ich mich für oder gegen etwas entschieden hätte. Meine Mutlosigkeit, sie ist immer schon vor mir da, sie sitzt schon an meinem Platz, noch bevor ich mich für sie entschieden hätte. Mein Glaube an den Untergang, er ist immer schon da, sitzt angeschnallt auf meinem Platz und wartet darauf, mir mir abzuheben. Und wenn es etwas Trauriges oder noch etwas Trauriges gibt: ich habe es schon aufgenommen und trage es mit mir herum, trage es wie ein Hund in der Schnauze mit mir herum.

Ich blicke in die Vorgärten. Hoher Schnee liegt in den Vorgärten. Die Pflanzen sind bedeckt. Der Schnee schimmert bläulich. Schatten sind hellblau, wenn man genau hinsieht.

Ich habe mir im Internet ein paar Fotos angesehen. „Salamandra“ macht so schöne Fotos. Sie sind oft so ganz einfach: Eine Pflanze, ein Café, das aussieht wie ein Aquarium, ein Schäferhund, der vor einer Hauswand liegt und die Fotografin ansieht.

Ich habe diese Fotos gesehen und war sofort getröstet. Diese Fotos hatten für mich etwas Beruhigendes: Schau, diese Schönheit in der Welt, in den Dingen. Du kannst sie entdecken, du kannst sie sehen. Sieh hin. Die Schönheit des in der Welt Seins, man kann sie sehen, offenen Blickes würdigen. Die Fotos sind Würdigungen und Begegnungen mit allem, was da ist.

Sie haben mich getröstet. Auf der Stelle, gewann ich Boden unter den Füßen und freute mich über meine Teetasse mit den Teddybären und es fiel mir auch wieder ein, dass ich vor wenigen Stunden eine neue Thermoskanne geschenkt bekommen hatte. Eine wunderschöne Thermoskanne. Nachdem ich die Fotos gesehen hatte, hatte ich auch wieder Augen für meine Thermoskanne. Augen reiben, klar sehen. Weitermachen. Das Schwere wiegt schwer. Das Leichte wiegt fast gar nicht.

Ich liebe schwere Decken. Ich brauche ihr Gewicht, um mich zu spüren und umgeben zu fühlen. Ich blicke im Vorübergehen in die Vorgärten, die Hauseingänge. Ein alter Mann kommt mir entgegen und sofort bin ich traurig, weil ich das Gefühl habe, ihm würde der Sinn in seinem Leben fehlen. Ich kann mich nicht davon abhalten, so etwas zu denken.

Ich sehe seine Haut. Die scharf geschnittenen Falten, den bösen Gesichtsausdruck.

Ich bin so unversöhnt mit der Welt, wie man nur sein kann, und es kostet mich Kraft, all das nicht auszudrücken und zu verstecken. Es kostet mich Kraft, all das zu kontrollieren. Es kostet mich Kraft, nicht auszuflippen vor Wut, vor Verzweiflung, vor Hilflosigkeitsgefühlen, mir immer wieder zu beweisen, dass mein „erster“ Gedanke jeweils zu kurz gegriffen ist.

Dieses „Das kann ich nicht.“ oder noch schlimmer diese Grundüberzeugung „Das geht nicht.“. Ich fühle mich wie ein Dummkopf. Immer muss ich erst durch alles hindurchsteigen, wenn ich überhaupt irgendwo ankommen will.

„Sei fröhlich“, natürlich, recht hat er. Aber ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie ich das machen soll, ohne mir auch noch „Fröhlichkeit“ abzufordern, wie allles andere: Sei pünktlich. Sei fleißig. Sei sorgfältig.

Ich blicke auf die Straße, wundere mich über all jene, die trotz der Schneemengen mit dem Auto durch die Stadt fahren. „Urteile nicht über andere…“ Die Straßenbahn quietscht sich in die Kurve. Ein schönes, gemütliches Fahrzeug. Ich sitze gerne darin und träume mich durch die Fensterscheiben hindurch. Vieles, was mir auffällt, bestätigt meine grundsätzliche Verzweiflung:

Guck doch mal, diese Leute hinter den Fenstern, hinter eintönigen Betonfassaden auf ihren grauen Büromöbeln, hochaufrichtig sitzen sie da und sie erinnern mich an die Gedankenwelten der Vorabendserien oder an SAT1 Frühstücksfernsehen-Themen.

Diese Welt, wie man zu sein hat, worauf man sich zu freuen hat und welche Ziele man zu haben hat. Immer irgendwie konform mit unserer schönen neuen Welt à la T-Com, Dieter (der in Ordnung ist) und Heidi, die nicht so durchschnittlich ist, wie Joop es behauptet. Volkserzieher.

Ich gehe weiter und höre den Schnee, der mit jedem Schritt knirschend unter meinen Stiefeln zusammenbricht. Gleich wird wieder die Türe mit dem überklebten Namensschild kommen. „B.“ steht da drauf. Ich kenne jemanden, der so heißt. Ob das „B“ ist, den ich kenne? Das frage ich mich jedesmal, wenn ich daran vorbei komme.

Dann kommt der Pelzhändler und dann der Mann, der jeden morgen vor die Mietshaustüre tritt, um eine Zigarette zu rauchen. Er schaut mir immer hinterher. Ich habs’ gesehen – einmal habe ich mich nämlich umgedreht.

Jetzt im Winter steht niemand vor der chinesischen Botschaft Schlange. Dann kommt das Café. Die Kollegen haben behauptet, man könne dort nicht hingehen. Die Verkäuferinnen seien zickig und unfreundlich, das Gebäck zu teuer. Da liegt ein Plüschbär im Fenster, bunt bemalte Vorführkrapfen, die unverkäuflich sind und die betongeflieste Sonnenterasse ist abgeräumt, die Blumenkübel tragen Schneehäubchen.

In der Frühe habe ich eine erste Amsel gehört. Im Morgengrauen. Da beginnt das Frühjahr bei zehn Grad Minus. Vielleicht ist es so mit der Fröhlichkeit. Vielleicht beginnt auch die bei Minusgraden.

Februar 16, 2009

Traum (mit Katzen)

Ich habe heute Nacht geträumt. Ich war im Haus meiner Cousine, die dort mit ihrem Bruder, ihrem Mann, der so ist, wie ihr Bruder und ihren beiden Söhnen lebt. Und mit fünfzehn Katzen.

Diese Katzen waren unglaublich. Es gab große Katzen, und es tauchten auch immer mehr Babykatzen auf. Und das irrste waren die Farben. Die Katzen hatten Felle in den schillernden Farben von Taubengefieder. Eigentlich „graue“ Katzen schillerten im Licht in violett, grün und blau. Manche trugen schwarze Häkelnetze und wirkten wie verzierte Schildkröten.

Die Katzen kamen und gingen und wurden im Laufe des Traums immer zahlreicher. Eine Katze war dabei, die war ganz klein und struppig und die hatte ein weiss-braun geflecktes Fell. Eine Außenseiterkatze und natürlich mein Liebling. Ich habe sie nur einmal gesehen – wie aus dem Tierkalender genommen, so sah sie mich an.

Ich wollte mit den Söhnen meiner Cousine Musik machen und spürte, dass die Jungs Musik fühlten und sofort wussten, wie wir zusammen spielen würden. Sie holten noch ihre Instrumente, während ich schon begann.

Ich summte einen Ton. Dieser Ton klang wie ein von Sitar begleiteter Druphad-Gesang. Sehr tief und verheißungsvoll. In diesem Ton waren bereits alle weiteren Töne enthalten. Ich wusste, wie dieser Ton sich entfalten würde und genoss es aber auch, in diesem einzigen Ton „alles“ drin zu haben.

Ich wunderte mich über die Fülle dieses einzigen Tons und ich berührte mein Fußgelenk, als wäre dies meine Flöte. Ich zog eine Linie auf den Fußknöchel und dabei verändert sich der Ton und wurde insgesamt einen halben Ton höher.

Dann ging ich wieder zurück auf den Ausgangston. Mein Genuss dieser beiden Töne war grenzenlos. Noch nie hatte ich so „indisch“ geklungen.

Meine Cousins suchten nach ihren Instrumenten, waren aber bereits völlig in der Musik drin, in diesem vielversprechenden Anfang. Dann kam meine Tante mit einer Hülle, in der eine indische Flöte drin war. Und sie brachte einen Überweisungsbeleg mit.

Meine Cousine erklärte mir daraufhin, dass der Händler, der ihr diese Flöte verkauft hatte, unbedingt das Doppelte vom ausgemachten Betrag verlange. Tante und Cousine waren völlig hilflos und wollten nicht 100 Euro mehr zahlen. Der Händler wolle das Geld für Amma, erklärte mir meine Cousine.

Tante und Cousine hatten meine Musik unterbrochen. Sie hatte das gar nicht interessiert, oder nur soweit, dass sie Probleme bei der Bezahlung der Flöte meiner Cousine hatten. Irgendwie fand ich es typisch, dass meine Tante, die kleine Musiksession unterbrochen hatte mit dieser Angelegenheit, die nicht mit der Musik, aber doch mit dem dazugehörigen Instrument zu tun hatte.

Ich fand es schade, dass nun kein Raum mehr für die Musik mit meinen Cousins war und mein Blick fiel auf die Katzen, die nun immer zahlreicher in das Zimmer kamen. Ich war voller Bewunderung und begann mit meiner Cousine ein Gespräch über die Katzen.

Sie erzählte mir, dass es nun doch zu viele seien und dass sie Probleme hätten, die Katzen anderweitig unterzubringen. Ich war aufgebracht darüber, dass sie nicht aufgepasst hatte, dass es nicht zu viele Katzen werden. Sie hatte ja schließlich all die Babykatzen haben wollen. Ich behielt diesen Gedanken für mich.

Ich musste abreisen. Zum Flötenunterricht in die nächste Kleinstadt, nach Landsberg. Auf dem Weg begegnete mir W., ein Schamane, der vor einigen Jahren beschlossen hatte, nicht mehr mit mir zu sprechen.

Er begrüsste mich und dabei roch er bei einer Verneigung unwillkürlich unter meiner Achsel und verzog dabei für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht. „Und? Stinkt es sehr?“ fragte ich ihn, wusste aber, dass ich geduscht war und so war meine Frage eher „lakonisch“ gestellt.

Ich wusste um seine große Sensibilität und von daher hielt ich es auch für möglich, dass er meinen Achselgeruch als „Gestank“ empfunden hatte. Ich erinnerte mich daran, dass er in früheren Gesprächen auf irgend einen Teil meines Körpers geguckt hatte und mich dann fragte, was ich in dem Moment „gedacht“ hätte. Ständig nahm er etwas wahr und fragte mich dann, was es gewesen war.

Ich sagte ihm, dass ich nicht mehr so viele Speisen verweigern würde wie früher und dass es von daher sein könnte, dass sie auch als Geruch unter meinen Achseln wieder hervorkommen könnten.

Wir sprachen über meine Cousine. Wie auch früher, wo wir öfters über Beobachtungen gesprochen hatten, die wir an anderen Menschen gemacht hatten. Wir wunderten uns darüber, dass sie mit einem Mann zusammen lebt, der so ist wie ihr Bruder. Doch wir fanden, dass beide ziemlich in Ordnung sind, der Bruder und der Mann.

W. hatte noch eine Klientin dabei. Ein junges Mädchen, das sehr schweigsam war und in dem Moment keine Rolle spielte. Sie war einfach da.

W. hatte eingelegtes Gemüse, Rote Beete und Sauerkraut, dabei und er deckte den Tisch. Wir saßen zu dritt zusammen an einem Feldweg. Ich dachte an die Uhrzeit und daran, dass mein Zug um kurz nach sechs fährt.

Ich fragte W. nach der Uhrzeit und er zeigte mir sein Zifferblatt. Es war höchste Zeit zu gehen. Den Zug nach L. wollte ich nicht verpassen, zumal ich nicht wusste, wann der nächste Zug fahren würde.

Ich war froh gewesen, dass W. wieder mit mir gesprochen hatte – ich hatte mich damit abgefunden, dass er den Kontakt zu mir abgebrochen hatte. Als ich losrannte, begann es zu regnen. Das machte mir nichts aus und ich lief weiter die Landstraße entlang zum Bahnhof.

Februar 10, 2009

Megadepression

10.02.2009

Draussen ist es so kalt weiss-hell und dunkelgrau. Nicht der Hauch von etwas, dass das Herz erwärmen könnte. Keine Aussicht. Herzkälte.

Stürmisch, schneidender, herumirrender Wind. Kein Winter und kein Frühling.

Selbstmitleid? Nein. Eigenlich nur nicht die Kraft davonzurennen.

Ich fühle mich grenzenlos verloren und bei dem Gedanken an welche Verpflichtung auch immer gnadenlos eingeengt

Ich fühle mich heute so, wie trostlose Wohngebiete aussehen. Endlose Reihen von Glasbausteinen in der U-Bahn-Haderner Stern.

Es ist kalt. Das Licht ist kalt. Die Stimmung ist kalt. Es schneidet. Es haut mir die Fetzen um die Ohren.

Ich habe aus dem Busfenster raus, die Blattreste über die Straße fegen sehen.

Obendrein schämte ich mich.

Im Augenblick fällt mir gar nichts ein, als die Verzweiflung selbst früher oder später stehen zu lassen.

Februar 8, 2009

Stürme

03.02.2009

Genauer sein. Ruhiger sein. In die Nähe der Wörter gehen. In die Nähe der Wörter gehen, die schon da stehen. In die Nähe des Sinns gehen, der da schon gemeint ist. In die Nähe des Bildes gehen, das schon genannt ist.

Es ist ja gar nicht so schwer.

Du musst nur ruhig sein. Einfach nur hinschauen. Ruhig sein.

Lass Dich von den Stürmen nicht jagen. Die Stürme gehen vorbei. Die Stürme sind keine Wahrheit. Du kannst die Stürme erkennen. Sie gehen vorüber. Sie fegen Dich durch, nehmen alles mit, was sich nicht mehr festhält. Sie fegen die Stube und wirbeln dabei alles auf, so dass nichts mehr klar zu sehen und zu erkennen ist.

Beruhige Dich. Bleibe ruhig. Sieh ruhig hin.

Es kann Dir nichts passieren. Du bist in Sicherheit. Auch wenn Du glaubst, dass es an all Deinen „Grundfesten“ rüttelt, an all dem, wovon Du Dein Leben insgeheim abhängig machst.

Du bist nicht abhängig. Und es sind nicht Deine Grundfesten. Das wirst Du erkennen.

Bleib ruhig und sieh hin. Das geht vorbei.

Der Lärm. Das Stürmen. Die Fesselung. Die Umnachtung.

Februar 8, 2009

Ich bin krank

03.02.2009

… und ich bin sowas von krank. Mir laufen fette Tränen über die Wangen, nur weil ich nicht fassen kann, wie krank ich mich fühle. Körperlich krank. Die Nase voll, den Kopf voll, die Bronchien schwer und verschleimt, der Rücken schmerzhaft und „ich“, was auch immer das ist, vollkommen bröselig.

Fühle mich wie ein Haufen zerbrochener Hölzer, aufeinandergeworfen. Mir ist zum heulen. Jede Nacht Träume. Altpträume. Realitätsträume.

Kein Schlaf. Kein Abschalten. Sich von Stunde zu Stunde hangeln. Im Bett herumwälzen. Angstträume und Ausdrucksträume. Die Haut juckt wie verrückt.

In meinen Träumen geschieht genau das, was in der Wirklichkeit nicht geschehen darf. Was niemand wissen darf. Was niemand sehen darf.

Einen Kollegen habe ich angeschrien: „Verschwinde“.

Geschichten von Verabscheuung einerseits und von Vergötterung andererseits. Da wird permanent erhöht und erniedrigt. Da wird überbewertet und unterbewertet.

Ich bin so krank. Ich fühle nur Verschobenes und Verrücktes.

Den letzten Rest aus der alten Tube. Aus der Vergötterungstube. Das waren irgendwie die Reste und ich habe mich bemüht, sie möglichst gut aussehen zu lassen.

Ich träume von Freund und von Feind. Ich träume von Nähe und von Ausgrenzen. Ich träume von Sympathie und von Abneigung. Ich träume von Macht und Ohnmacht.

Die ganze Nacht habe ich Tische gezeichnet, Aufteilungen und Sitzordnungen.

Meine Seele wagt sich in ihren Traumausflügen nicht aus meiner Tageswirklichkeit heraus. Sie benutzt das Material aus meinen Tagen und treibt es weiter.

Und manchmal bleibt sie an einem winzigen Detail hängen, das sich wie eine hängengebliebene Schallplatte wiederholt. In meinen Träumen kann ich noch nicht einmal eine Fuge in der Badezimmerkarrelage überwinden.

Meine Nächte machen meine Tage nach – nur noch schlimmer.

Februar 8, 2009

Thomas Bernhard

09.02.2009

Das heutige Datum – ein Witz. Nach gestrigem Vorfrühlingswetter – heute Schneefall. Der Schnee bleibt leider nicht liegen. Die Straße ist schwarznass. Gestern war sie staubig und matt im Sonnenlicht. Schottersteine überall. Der Staub und die Hinterlassenschaft des Winters hell beleuchtet. Viele Menschen auf der Straße.

Thomas Bernhard – mir war er noch nie sympatisch und ich habe diese Vorgänge, die er beschreibt, noch nie ertragen können – weder als „Theatermacher“ noch beim „Holzfällen“.

Thomas Bernhard erfindet nichts. In einem Interview spricht er von der Auslassung all der Dinge, die „jeder weiß“ – vom Unsichtbaren, von den inneren Vorgängen zu sprechen, das allein sei spannend und wissenswert.

Ich geriet zufällig beim zappen in dieses Interview hinein und blieb dabei, weil es mir dann doch interessant schien. Thomas Bernhard, der scharfe „Oder?“-Zwischenfragen an seine Interviewpartnerin schickte – scharfe Rückfragen, die keine Antwort dulden und schon gar keine Gegnerschaft, Fragen, die wie eine Kampfansage klingen und wo schon etwas geboten sein muss, wenn es denn eine Antwort werden soll…

Diese ganze „Unannehmlichkeit“ eines Thomas Bernhard in seiner Körperhaltung und in diesem „Oder?“, das aus seinem Kehlkopf schnarrt – kampflustig, unberechenbar, mundtötend und keinesfalls vom Interesse am Gegenüber gekennzeichnet – hier kann ein Gegenüber sich nur „klug“ verhalten – keinesfalls antworten.

Bernhard beantwortet sich eh selbst. Man muss nur lange genug abwarten. Und es dauert auch gar nicht lange. Bernhard ist es gewohnt alle Rollen selbst zu übernehmen. Er selbst nimmt es mit sich auf und dies wiederum ist beeindruckend.

Diese Art wie er Kampfansagen macht und ihnen dann auch selbst – in Ermangelung eines würdigen Gegners – begegnet. Wie? Er redet nach einer kurzen Pause einfach weiter. Er redet weiter und weiter und niemand kann ihn da stoppen und spürbar ist doch, dass dieses Reden für ihn überlebenswichtig ist, wenn er nicht an all jenen verschluckten Klingen zugrunde gehen will, sondern wenn er weiterleben, existieren will.

Reden als Existenzsicherung. Nur selten hatte ich innerhalb so kurzer Zeit so zwiespältige Gefühle gegenüber jemandem, den ich doch gar nicht kenne oder den ich allzugut zu kennen glaubte, nachdem ich im „Theatermacher“ gesessen hatte und immer, immer wußte, was jetzt als Nächstes kam.

Ich wußte jeden Satz. Wußte immer, wann der Bezug wechseln würde, das Vorzeichen und damit die Ton- und die Gangart, der Rhythmus. Der Theatermacher wie ein Orchesterstück und ich saß drin, die Leute lachten sich halb kaputt und ich fand es überhaupt kein bisschen komisch – im Gegenteil, es war mir unheimlich, weil ich immer wußte, was jetzt kommt.

Ich empfand das Stück als quälend, die Gnadenlosigkeit des „Theatermachers“ unerträglich. Als ich Thomas Bernhard heute in dem Interview sah, da war es auch da, dieses vollkommen Unerträgliche, diese Gemeinheit, diese Schärfe, diese Arroganz und Überlegenheit und auch diese Einsamkeit und dieses Selbstbewusstsein, das daraus resultiert, nichts mehr von anderen zu brauchen.

Thomas Bernhard meinte, Bücher schreiben sei auch eine Art von Geschlechtsverkehr, nur sei es bequemer, weil man dafür nicht erst mit jemandem ins Bett gehen müsse. Peinlich sei ihm auch nichts. Immerhin hat sich der Mann keinen Aufstand gegen sich erspart und das nur, weil er gesprochen hat, weil er sagte, was ihn beschäftigte und weil er genau jene inneren Vorgänge ausgesprochen hat, die andere (ich auch!) lieber verschweigen.

Ich folgte diesem Interview und irgendwie weckte es auf der Stelle den Wunsch zu schreiben. Schreiben über dieses „wie man eben ist“, wie man eben die Welt sieht, was man eben so erlebt und vor allem wie man es erlebt.

Wie oft versuche ich an meinen „Schrauben“ zu drehen und mir vorzuschreiben, ich hätte die Dinge anders zu erleben, als ich sie eben erlebe. Wie oft sind mir meine eigenen Gedanken zu „negativ“, zu „pessimistisch“, zu sehr von tiefem Misstrauen geprägt, auch von einem Mangel an Vertrauen oder Zutrauen, und am allerschlimmsten geprägt von einem Mangel an Mitgefühl, an echtem Mitgefühl.

Von etwas, das meiner Stimme folgt, ohne sie zu zensieren, ohne sie zu kritisieren und dabei zumeist in Grund und Boden zu kritisieren. Ich folgte dem Interview mit Thomas Bernhard und all den Unverschämtheiten, die aus seinem Mund kamen, aus all den Kampfansagen, die jedes Gegenüber verschwinden lassen, und irgendwie machte mir das Mut, weil es um all das, was aus seinem Mund kam, gar nicht ging.

Es wird deutlich, dass Thomas Bernhard sprechen musste, das er sich selber aber dabei ganz und gar nicht als Wahrheitsverkünder verstand. So wie ich es in dem Interview verstanden habe, hatte er keinen Wahrheitsanspruch. Für ihn gab es nur die absolute Notwendigkeit zu sprechen.

So wie es ihm kam auszusprechen. Er wäre sonst am Unausgesprochenen zugrunde gegangen. Während ich Bernhard zuhörte, wurde in mir all die Leugnungen wach. All das Unausgesprochene und all das, was ich mir verbiete und verbitte, all das, was ich – unter dem Vorwand der „ANDEREN“, andere nicht verletzen zu wollen, andere nicht ungerecht behandeln zu wollen, andere nicht genau mit dem zu konfrontieren, was sie weder hören noch sehen wollen, um nicht unangenehm auffallen zu wollen, um nicht geschlagen und verlassen zu werden, nicht rausgeworfen oder verdammt zu werden – verschweige.

Ich verstecke es nicht nur vor den anderen, auch vor mir selbst. Und es gelingt mir immer wieder, mich zum Schweigen zu bringen, die anderen reden zu lassen und mich so zum Schweigen zu bringen, dass ich noch nicht einmal mehr spüre, was ich eigentlich spüre und was ich eigentlich sagen möchte.

Ich habe dem Thomas Bernhard Interview erst gegen meinen Willen zugehört, weil der Klang seiner Stimme, das Schneidende, Provokante, das ungeheuer Verletzte darin allein schon zu einer Bedrohung wird und ich habe ihm zugehört, weil ich spürte, das es nicht um eine Wahrheitsverkündung ging, sondern allein um das Sprechen und allein darum, um jener Gesellschaft ungeschönt und zu 100 % das zurückzugeben, woran er, Bernhard, zu leiden verweigerte.

Er ist nicht das, was er spricht. Er ist nicht das, was er sagt. Sein Sprechen ist ein Vorgang.

Er selbst sagte, das das gesprochene Wort Kraft besässe. Geschriebene Wörter zu verkaufen sei Betrug.

Er verwies auf die Kraft der beiden Worte Goethes: „Mehr Licht.“ Und Bernhard korrigierte seine Worte: „Mehr nicht.“ hätte Goethe sicherlich gesagt, denn er hätte genug davon gehabt. So hat Bernhard nicht einmal vor Goethe halt gemacht oder gerade nur bei Goethe Halt gemacht, fand dieses Gegenüber eines Dialoges würdig und würdigt ihn und würdigt sich selbst gerade durch eine Korrektur von dessen Worten.

Es ist ja nicht so, dass das „Unausgesprochene“ nicht da wäre. Im Gegenteil. Das „Unausgesprochene“ wirkt wie eine nicht gezündete Bombe, wirkt als Bedrohliches, wirkt als Angst „davor“. Das „Unausgesprochene“, „Zurückgehaltene“ hält in der Angst, hält in der Ohnmacht gefangen.

Ich lebe im Redeverbot. Die Umstände, in denen ich lebe mache ich dafür verantwortlich, dass ich im Redeverbot lebe. Ich darf nicht sagen, was ich denke, was ich fühle, weil es – heutzutage würde man sagen „politisch nicht korrekt“ ist – ständig diese Befürchtung, das ach so mühlselig „Errungene“ (als hätte ich es mir mit Schweigen „verdient“) auch wieder zu verlieren.

Ständig das Bedürfnis etwas festzuhalten, das mir so wichtig erscheint, wie der Boden unter den Füßen. Weil, das ist doch die Angst – sobald ich „spreche“ bricht alles weg – auch der Boden unter den Füßen und die Luft zum Atmen. Etwas, das existenziell ist – oder auch viel banaler – nicht alles, was ich zu verlieren befürchte, muss auch gleich existenziell sein.

Wie seltsam, so lebe ich ein Leben, das ich mir mit Stillhalten und Schweigen errungen habe? So ganz wird das nicht stimmen. Doch die Befürchtungen sind sehr wach geworden, als ich Thomas Bernhard in seinem Interview zuhörte.

Oft ging es dabei auch nur um die so ganz selbstverständlichen Demütigungen, die ich mir selbst angedeihen lasse. Es reicht ja, etwas als Demütigung zu empfinden. Es steht ja noch nicht einmal zur Debatte, ob es eine Demütigung ist oder als solche jemals gemeint war. Das werde ich nie erfahren. Es reicht doch aus, etwas genau so zu empfinden. Und das ist dann die Sprache, die ich nicht und die „niemand anders“ hören will, diese Sprache, die noch bevor sie jemals gesprochen wird, wegzensiert wird, weil sie „nicht zulässig“ ist, weil sie „Unheil“ anrichtet, weil sie nicht „wahr“ ist, weil sie von meinen Schwächen und meinem Unvermögen geprägt ist. Weil aus ihr rauskommt, was eben nicht stimmt.

Mir wurden Situationen des „Redeverbotes“ präsent: „Du darst ihm niemals sagen, dass….“ Mir wurde auch die Verschleppung deutlich, wenn ich mit Zweiten über Dritte spreche und den Zweiten erzähle, was die Dritten niemals erfahren dürfen. Und jedesmal habe ich das Gefühl, meine Gedanken sind der reine Sprengstoff. Immer ich der Zerstörer. Immer ich die Schuldige, wenn etwas „passiert“. Immer die Angst davor, mir selber zu entziehen, was ich zum leben brauche, sobald ich den Mund aufmache. Die Angst davor mich selbst und andere zu konfrontieren, weil dann das Leben gar nicht mehr lebbar wäre.

Doch das kenne ich eben auch, die Bewunderung für Menschen, die ausdrücken, die aussprechen, die sich den Mund nicht verbieten (lassen) und Menschen, die es riskieren, das man sie mit ihren Worten identifiziert, gleichsetzt, dass man sie auf ihre längst vergangenen Worte hin festnagelt, sie mit ihren eigenen, längst ausgesprochenen und vorübergegangenen Worten korrumpiert, sie mit samt ihren Worten aus der Welt zu schaffen sucht, weil sich endlich ein Dummer gefunden hat, der nicht bereit war, etwas zu verschweigen.

Februar 7, 2009

Beerdigung

Februar 2008

Gestern war die Beerdigung vom M. Großer emotionaler Aufruhr. Und der Versuch sich irgendwie zu retten.

Ich probierte meine Sonnenbrille vor dem Spiegel aus. So kennt man sie ja, die Promis am Grab ihrer Lieben: Mit riesigen Sonnenbrillen. Und einander unterhakend, untergehakt, gebeugt oder gestützt, sich zusammenrottend, enger denn je und das Ganze dann auf den Fotos von Gala oder Bunte. Am Grab sehen sie alle gleich aus. Egal wer gestorben ist und egal wer trauert. Kopftücher, grosse Sonnenbrillen und alles schwarz. Die Krönung ist eine gerunzelte, schmerzverzogene Stirn.

Ich weiss nicht, was sich für jeden Einzelen wirklich abspielt. Ich glaube alles spielt eine Rolle. Auch und vor allem die Spielchen, die man mit sich selber spielt: Die Eitelkeit ist ja nicht plötzlich weg. Die Flucht in eine Rolle: Oho, sie ist die schöne Trauernde! Schau an. Oder laßt uns Witze erzählen. Auf Beerdigungen kommen Witze so gut. Da liegen die Krokodilstränen, das laute Schluchzen gleich neben dem hysterischen Lachen. Diese kleinen Fluchten, nach links und nach rechts und auch die Komik, die sich aus der Realität des Begräbnisses ergibt. All diese makaberen Überlegungen, die sich auch einstellen.

Und zwischen all dem liegen auch wahrhaftige, glaubwürdige Momente. Wenn das Gedächtnis des Toten unter den Lebenden auftaucht, wenn es unter den Lebenden ausgetauscht, aufgefrischt und verteilt wird, ausgeteilt und geteilt.

Zwischen Emotion und Schmerz zu unterscheiden ist ja auch nicht ohne. Ich weiss nicht, ob ich es schon verstanden habe. Es ist aber nicht das gleiche. Ich glaube die Emotion ist dem Schmerz vorgeschaltet. Vielleicht ist es das, was man „denkt“, was der Schmerz wäre. Vielleicht ist es auch eine Art „Präventiv-Schmerz“, ein Schmerz, der verhindert, dass der reale Schmerz kommen kann, dass er einen einnehmen kann und dass man sich ihm hingibt.

Etwas Besonderes war gestern bei der Beerdigung: Plötzlich war ich mir selber wieder wichtiger. Wie soll ich sagen, ich hatte die Verbindung zu mir. Ich war plötzlich nicht diejenige, die andere in mir sehen, sondern ich war ich und damit jemand, der einen eigenen Wert hat, dessen Wert nicht von der Akzeptanz anderer abhängt und dessen Tun und Lassen für ihn selber wichtig ist.

Während der Beerdigung empfand ich in einer Tiefe und Erinnerung, in der ich autonom war. Nicht abhängig davon, ob ER mich liebt oder anruft oder würdigt oder versteht. Nicht abhängig davon, ob ER gut findet, was ich tu oder nicht.

Ich weiss nicht, aber vielleicht war das ein Abschiedsgruss des Verstorbenen, in dessen Gegenwart ich stets die Würde und den Wert meines Daseins spürte. Ich spürte, dass es einen ganz eigenen Wert hat und dass mein Bemühen wichtig ist, für mich und dadurch auch für die anderen.

In seiner Gegenwart spürte ich mein eigenes, unabhängiges Eigenes. Es war in seiner Offenheit und Weite geborgen. Er war nicht an einem falschen Leben oder an einem scheinbaren Leben interessiert.

Er verfolgte mit Geist, Herz und der ungebrochenen Energie seines Lebens seine Passion, die Malerei. Er hat die Trümmer, in denen er groß geworden ist, akzeptiert, er hat sie umgedreht und aus ihrer Gegenwart Kristalle entstehen lassen.

Anders kann ich das nicht sagen. So ist er auch für mich wichtig geworden. Nicht immer gelingt es mir zu unterscheiden, was wesentlich ist und was nicht oder was nun „ich“ bin und was nicht.

Auf der Beerdigung habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, was eine Beerdigung für die Lebenden eigentlich bedeutet und inwiefern ich mich dieser Bedeutung eigentlich stelle oder nicht stelle.

Neben schneidender und beißender Traurigkeit, in der sich der Körper total zusammenzieht und gegen das wehrt, was da hochkommt, gab es auch etwas sehr Beruhigendes und Tiefes, was sich einstellt, wenn man aufhört, sich zu wehren.

Es wurde am offenen Grab mit den Worten des Hl. Augustinus ausgesprochen: „Ich bin nur auf die andere Seite hinübergegangen.“ Wenn Augustinus es geschrieben hat, dann ist es nicht nur ein oberflächlicher Trost. Es hatte Kraft.

Seine Aufforderung, das Leben weiterzuleben, das vom Toten zu nehmen, was man von ihm zu seinen Lebzeiten bekommen hat, seine Saat aufgehen zu lassen. Das auch angesichts des Todes, das Leben für die Lebenden das bedeutet, was es ihnen bis dahin bedeutet hat. Es ändert sich nichts. „Ich bin nur hinübergegangen.“

Als ich das hörte, wurde ich ruhig. So eine Beerdigung findet zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit statt. Manchmal hatte ich das Gefühl, etwas zu feiern, was ich in seiner Reichweite gar nicht realisieren konnte, dann wirkte das Fest unwirklich und dann wiederum war es „überwirklich“.

Februar 7, 2009

Ambitionen

Ich erinnere mich an F..

Er hat immer etwas Seifiges, schwitzt angestrengt und ist sehr ambitioniert.

Er ist ein kraftvoller Tänzer, die Augen gehen ihm beim Tanzen über, und er hat nicht nur beim Tanzen Vorstellungen darüber, wie „es“ zu laufen hat.

Er reißt sie herum wie eine Puppe. Mal ist sie zu schwer, zu plump, zu wenig willenlos und mal zu wenig bereit, sich auf ihn einzulassen.

Ich fand F. immer einsam. Einmal hat er mir ein Pyramidengestell gezeigt, unter das er sich stets drunter setzt, um dann gebündelte, universelle Energien zu empfangen.

Ansonsten verkauft er Golfschläger. Erst in einem großen Kaufhaus der Stadt, dann in einem noch größeren Kaufhaus.

Bei der Beratung rückt er seine Brille zurecht und macht den Kundinnen schöne Augen. Wo sie einen Schläger will, da trachtet er nach Anerkennung. Vom Golfspielen hat er keine Ahnung.

Zuhause nimmt er sein Akkordeon und träumt. Beim Tanzen da will er ihr etwas beibringen und redet von Erotik.