Juni 30, 2008

Fußballtraum

Gestern abend war ich auf dem Tollwood. Mein Freund war da. Seine Töchter waren da. Seine Schwiegersöhne waren da. Und ich wurde auch informiert, wo das familiäre Public Viewing stattfinden sollte.

Die Spiele an denen Deutschland beteiligt war, habe ich nun alle mehr oder weniger mit angesehen. Also habe ich mich gestern für den Fußballfinalabend vorbereitet. “Ziehst Du Deinen Minirock an, der ist ja sensationell!!” “Aber natürlich ziehe ich meinen Minirock an!” Ich habe auch die Sonnenbrille angezogen und bin geduscht und geschminkt, kurz: so richtig schön frisch gemacht, zum Fußballfinalegucken auf das Tollwoodgelände gefahren.

Die SMS-Ansage lautete: “Garrito. PV im Stiergarten, direkt vor der Leinwand.” Ich habe auf der Fahrradfahrt von München-Ost zum Olympiaberg immer wieder überlegt, was wohl “Garrito” heißt. Meine beiden Hauptideen waren: Wir sind “geparkt”, mit anderen Worten: “Wir haben einen Sitzplatz gefunden” oder “Herzchen”. Noch habe ich das nicht geklärt. Ich habe auf dem Weg zum Olympiagelände sogar nach spanischen Kneipen Ausschau gehalten, um jemanden zu finden, der mir sagen kann, was “garrito” heißt.

Die Fahrradfahrt zum Festivalgelände war wunderschön. Die warme Luft, das tatsächlich goldene Abendlicht, in dem die Haut so schön aussieht, dieses vom Luftzug gestreichelt werden und schließlich auch die nahezu autofreien Straßen. Die meisten Leute in der Stadt waren bereits vor den Bildschirmen untergebracht. Vom Biergarten hörte ich bereits die Jubelschreibe um viertel nach acht. Sie drangen zusammen mit blinkenden Lichtreflexen durch die Büsche aus dem Maximiliansgarten.

Ich bin bei allen Spielen zu spät zum Öffentlichen Gucken gekommen. Frühestens zur zweiten Halbzeit. Ich habe es viel zu sehr genossen, mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs zu sein und von überall her den gleichen Fernsehton zu hören, mal lauter, mal leiser mal mit Verstärkung der Fernsehzuschauer und manchmal nur das Stadiongejohle aus den Fernsehern. Diese spezifische Stadionatmossphäre, die der Stadtluft einen Hauch von Größe einzuatmen scheint.

Gestern bin ich früher gekommen. Schon 10 Minuten nach Beginn des Spiels und habe wider Erwarten den “Stiergarten” sofort gefunden. Bin geradewegs darauf zugelaufen, ohne es zu wissen und da sassen sie, direkt vor der Leinwand. Ich saß dann noch näher an der Leinwand, um nicht zu sagen fast direkt unter der Leinwand und habe von schräg unten nach oben geschaut.

Wer zuletzt kommt… ist doch logisch, der kriegt die Friseurplätze. Aus meiner Perspektive sahen die Spieler alle aus, als hätten sie einen Höcker auf der Schulter, so wie der Quasimodo. Das hat mich ganz schön belustigt, zwei Nationalmannschaften und alle mit Höckern auf der Schulter, die aus- und einatmeten, wuchsen und schrumpften. Je nachdem wie die Spieler über den Bildschirm huschten.

Kaum war ich angekommen, war das Spiel 10 Minuten später aber nicht mehr ganz so dynamisch. Mein Gott, habe ich mir gedacht, so ein Tempo kann man ja unmöglich durchhalten… Die junge Frau, die neben mir sass, sagte mir im breitesten sächsisch, dass im Stadion in Wien noch 30 Grad seien, aber das die Spieler ja viel Geld dafür bekommen würden, dass sie sich jetzt anstrengen.

Der Abendhimmel war so schön und das Festivalgelände lockte mit bunten, anheimelnden Lichtern und bunten Farben. Ich bin dann mal aufgestanden und losgetigert. Auf dem Gelände war ja fast niemand unterwegs. Alle sassen ja vor den Leinwänden.

Januar 13, 2008

Licht im Frühjahr

Es ist Sonntag. Die Kirchenglocken läuten. Es ist zwanzig nach acht. Noch ist Morgendämmerung, ist es noch nicht ganz hell, ist noch Morgengrauen.

Am Himmel hängt Nebel. Dahinter bzw. darüber, hinter einer dünnen, hellen Hochnebelwolkenschicht, schimmert es blau. Verheissungsvoll. Der offene, blau erscheinende Himmel ist nicht weit.

In München hatte es in den letzten Tagen Föhn. So war es relativ warm. Gar nicht winterlich. Oft war der Himmel makellos blau. Morgens sehr frische Temperaturen und dann tagsüber, bei Sonnenschein, recht milde. Das Licht hat sich seit der Wintersonnenwende schon wieder sehr verändert und vereinzelt bekomme ich Frühlingsgefühle.

Jedes Jahr verblüfft es mich, wie schnell das Licht sich verändert und wie schnell das veränderte Licht die Gefühle verändert, es von jenen, die mit dem Dunkler- und Kälterwerden einhergehen, auf Frühjahrsgefühle und Frühlingserwartungen umstellt.

Und es ist auch verblüffend, wie anders sich die Dinge in diesem veränderten Licht ausnehmen. Das geht soweit, dass ich sogar die Geräusche anders empfinde. Es ist ein Unterschied, ob Geräusche in die Dunkelheit zielen oder ob sie sich auf das zurückkommende Licht beziehen.

Auch löst das Licht des Frühjahres, des frühen Jahres, andere Erinnerungen aus. Es gibt Erinnerungssekunden, in denen ich mich an den Blick aus dem Küchenfenster erinnere. Da bin ich noch ein Grundschulkind und kurz davor, den Ranzen aufzuzuiehen und zur Schule zu gehen.

Ich blicke aus dem Fenster, sehe den kleinen Garten vor dem Fenster mit seinem japanischen Kirschbaum, sehe den Bürgersteig und die Strasse, den Raureif, der sich an den Rändern des Grases niedergelassen hat und das Blitzen und Glitzern vereinzelter Tautropfen, durch die das Sonnelicht fällt.

Vereinzelt hört man die Schritte derer, die hinter der grossen Ligusterhecke hervorkommen und an den Händen ihrer Mütter oder in kleinen Grüppchen, zu zweit oder zu dritt, in die Schule gehen.

Besonders erinnere ich mich an das Licht. Ein Morgenlicht, das etwas goldenes hat, eine goldene Atmosphäre. Kaum zu fassen. Am ehesten liess es sich auf dem glatt glänzenden rot-braunen Stamm des japanischen Kirschbaums nieder und liess sich dort blicken wie ein Jahreszeitanzeiger.

Die Lichtreflexe im Frühjahr schienen so ganz anders zu sein, als jene noch wenige Wochen zuvor und es ist, als würde man das Winterlicht nicht mehr erinnern können, wenn man das Frühlingslicht die ersten Male erblickt und darin aufatmet, neue Hoffnung tankt und irgendwie voller Vorfreude ist, auf etwas, das kaum zu benennen ist.

Müsste man es benennen, würde man sagen: Ich freue mich auf die Knospen an den Sträuchern und Bäumen. Ich freue mich auf die Wärme und ich freue mich auf die veränderte Stimmung und auf eine Stimmung, die Erleichterung verheisst und einen Aufbruch in eine gute Zeit, in eine freudige und reiche Zeit.

Am schönsten ist diese Frühlingswitterung in ihren allerersten Momenten, noch lange bevor der Frühling tatsächlich kommt. Dieser Frühling mitten im Winter, so wie er jetzt ist, das wiederkehrende Licht im Winter, durch welches der Winter seine Bedrohlichkeit verliert.

Was soll der Winter für eine Kraft und Macht haben, wo doch das Licht zurückkehrt? Die Kraft der Sonne und mit ihr die Wärme. Jene Kraft, die auch die Pflanzen und Tiere spüren und die sich durchsetzen wird in der wärmeren und freundlicheren Jahreszeit. Und all das, wo doch der Winter gerade erst begonnen hat. Ganze drei Wochen ist er nun alt, seit er begonnen hat.

Januar 5, 2008

Glückseligkeit

“Dreamer!” Und dann ganz lang gezogen „Dreeeeeeamer“. Der Sänger spielte Keyboard und sang dazu. Und er löste Glücksgefühle aus. Nein, besser: Er löste ein zusammenhängendes Gefühl der Glückseligkeit aus. Heftig, aber nicht laut.
Vollkommen gefaßt und ohne jede Hemmung ging es in mir auf. Und das, während ich auf den Bildschirm sah und einem Ausschnitt von einem Auftritt von Roger Hodgson (Live in Montreal 2006) zusah bzw. zuhörte. Er trat live und „unplugged“ auf – also ohne viel technischen Schnickschnack und ohne die Band Supertramp. Und er sang seine alten Lieder: Dreamer, School, Give a little bit, Take the long way home u.a.
Er hat im weißen Hemd mit weiten Ärmeln, wie für einen Prinzen, und in schwarzen Hosen auf der Bühne gestanden. Überhaupt, er sah aus wie ein ewig junger Prinz. Nicht, weil er sich zurechtgeschminkt hätte, nicht weil man ihn zurechtoperiert hätte und auch nicht, weil er hätte ewig jung sein wollen.
Schulterlanges, welliges, dunkelblondes Haar, das ihn ebenfalls aussehen ließ, wie den Prinzen auf der Prinzenrolle, war zwar mitverantwortlich für diesen jugendlichen Eindruck, aber viel entscheidender war etwas, das aus dem Inneren des Künstlers kam und von ihm ausging. Ja, ich glaube so etwas nennt man Ausstrahlung. Im Fall von Roger Hodgson nennt man es sogar „positive Ausstrahlung“, wobei alle, von denen ich gehört habe, das man sie mit diesem Ausdruck ausgezeichnet hat, vielleicht ein besonderes Lächeln oder eine besondere Freundlichkeit hatten, doch noch nie habe ich eine solche Strahlung erlebt, wie sie von diesem Sänger ausging und die in mir völlig unerwartet buchstäblich die Sonne aufgehen ließ. Eine Sonne, von der ich noch nicht einmal wußte, dass ich sie so in mir habe.
Sie ging ohne jede Hemmung und ohne jedes „too much“ ruhig und allmählich auf. Ich konnte sie fühlen und ihr zusehen, wie sie immer größer wurde und immer weitere Teile meines Körpers erfaßte. Von unten nach oben, von den Fußsohlen, durch die Beine, im Becken sammelte sie sich nahm Gestalt an, stieg die Wirbelsäule entlang nach oben. Rücken und Bauch, Brustkorb und Nacken, Herz und Seele wurden von ebenso machtvoller wie stiller Glückseligkeit erfaßt. Unwillkürlich. Ich hielt einfach nur still. Atmete ruhig weiter, ließ mich mehr und mehr erfassen und hatte ein wenig Angst, diesen besonderen Gast zu vertreiben, wenn ich mich zu sehr bewegen würde. Diese Sonne hielt mich ebenso am Boden fest, wie sie mich fliegen ließ.
Der Sänger stand bzw. saß am Rande der Bühne seinem Publikum gegenüber. Das Konzert fand in einem alten Theater statt. Mit Sitzreihen vor der Bühne und mit übereinandergebauten Rängen dahinter. Wie im Barocktheater. Der Zuschauerraum war bis auf den letzten Platz gefüllt. Wie Perlenschnüre reihten sich die Köpfe aneinander und die Reihen hintereinander zu einem kostbaren Collier.
Die Kamera schwenkte langsam über die Köpfe der Zuschauer und blieb auch manchmal direkt vor einzelnen Gesichtern stehen, fing Szenen ein, in denen die Menschen mitgingen. Es waren sowohl „Erwachsene“ über fünfzig und sechzig im Publikum, als auch ganz junge Leute, zwischen zehn und zwanzig. Da waren Omis dabei. Solche, die mit einer frischen Dauerwelle ihre kleinen, kugelförmigen, goldenen Ührchen an einer langen Goldkette über einem hellgelben, kurzärmeligen, gemusterten Strickpullover tragen, da waren dickbäuchige Handwerker in karierten Flanellhemden mit Elvistolle dabei, glatzköpfige Kämpfer und da gab es ganz junge Fans, für die die Welt dieser Lieder noch ganz neu ist.
Bei den Älteren konnte man, die Erinnerung ins Gesicht geschrieben sehen. Schöne Erinnerungen an Jugendlieben, Jugend, an ein jeweiliges Zuhause, an Cassettenrecorder, Radios, Walkmänner oder Stereoanlangen, aus denen einst die Musik von „Supertramp“ kam, die ein unverwechselbares Lebensgefühl vermittelte, an dem man Anteil haben konnte.
Schwelgend, selig, mitsingend, kopfnickend und wie auf einer Welle reitend, das Leben genießend wie den Sommerwind bei Sonnenuntergang auf der Fahrt in einem offenen Cabriolet. Ein Glück auch, das derjenige empfindet, für den seine Glücksvorstellungen für einen Augenblick mit seinem wirklichen Leben zur Deckung geraten.
Was sich zwischen dem Publikum und dem Sänger entspann und was sich auf mich übertrug, das war etwas ganz besonderes und etwas, das ich so noch nie beobachtet habe, geschweige denn gefühlt habe: Die Menschen waren buchstäblich fassungslos vor Glück, standen auf und setzten sich wieder, klatschten und sangen mit, vis à vis dieses charismatischen Sängers, der vollkommen ruhig, mit sehr viel Liebe, ehrlicher Hingabe und Herz seine Lieder sang.
Da war keine Pose, nichts überkandideltes, keinerlei Show oder Getue. Da war niemand, der irgend etwas anheizte, mit kalkulierten Körperbewegungen zu erreichen oder manipulieren suchte, keine Showgirls, die mit dem Hintern wackelten, kein Nebel und keine Lightshow, die sich wichtig macht, keine Soundeffekte und nichts Aufgeblasenes, Vorausgeplantes oder die Schöpfung irgendeines Choreographen, die hier verwirklicht worden wären. Es gab vorgefertigten Animationen.
Da war einfach nur ein Sänger, ein subtiles Minenspiel, das von ihm zeugte, ein Begleitmusiker und Lieder, die jeder kennt, schon Tausende Male gesungen hat und die so einfach und klar sind wie Kinderlieder: Die Schule ist aus, wir gehen nach Haus’, wir gehen zum spielen, wie schön. Es sind Lieder, die in den Menschen mehr als eine gemeinsame Erinnerung eine gemeinsame Stimmung wecken und damit ein Glück, das jedem Einzelnen beim Klang dieser Lieder schon einmal wiederfahren ist.
Wenn Tausende von Menschen gleichzeitig in den Zustand einer glücklichen Erinnerung versetzt werden, dann geschieht etwas, das irgendwie nicht von dieser Welt ist. Etwas, das Zeit und Raum aufhebt und auch den Abstand zwischen Sänger und Publikum. Dann ist es nicht mehr entscheidend, wer singt und wer zuhört. Es ist dann das gleiche, weil alle das gleiche empfinden oder weil alle von etwas erfaßt werden, das nicht sie selber sind, nicht diese kleinen Einzelmenschen, mit ihren kleinen Einzelgeschichten und Schicksalen, mit bezahlten oder unbezahlten Stromrechnungen oder Familiendramen.
All das ist in dem Augenblick vollkommen aufgehoben. Da gibt es keine lineare Verbindung zu einem Vorher oder Nachher, zur Parkplatzsuche oder zum Heimkommen. Es ist einfach nur eine glückselige Gegenwärtigkeit und etwas, das größer ist als man selbst.
Das Publikum war buchstäblich aus dem Häuschen. Aber es war nicht diese Art von Ekstase, wo Teenies kreischen, ausflippen, in Ohnmacht fallen oder in Tränen ausbrechen oder wo sonst etwas Verrücktes passiert.
Zwischen dem Sänger und seinem Publikum ist etwas geschehen, was voller Würde war und was auch nichts mehr mit Personenkult zu tun hat. Da war etwas im Spiel, das stärker ist als ein Einzelmensch, der auf der Bühne steht. Und der Sänger war dabei ebenso ein Empfangender wie sein Publikum. Es war nichts, was er für sich beansprucht, auf sich selbst bezogen oder mit sich selber verwechselt hätte. Da war nur eine grenzenlose Offenheit und Durchlässigkeit zu spüren und Mensch, der weitergibt, was er zu geben hat.
Durch seine Lieder und durch die Freude, die er dabei hatte, seine Lieder zu singen, wurde das, was im Raum geschah, ausgelöst. Aber es gehörte weder dem Sänger noch dem Publikum.
Ich habe so etwas noch nie gesehen und auch noch nicht erlebt. Der Sänger blieb vollkommen ruhig, und er lächelte das herzlichste Lächeln, das man auf dem Gesicht eines Menschen finden kann. Er gab, was er empfing, an sein Publikum weiter und zurück. Das war geteiltes Glück und ein besonderer Moment in seinem Leben und im Leben jener Menschen, die dabei waren.
Ich habe das im Fernsehen gesehen und selber erlebt, was bei dem Konzert passiert ist, und es hat mich so glücklich gemacht, das ich mit der Kraft jener Empfindung die gesamte Sylvesternacht durchgehalten habe.

Ich habe mich gut gefühlt und zum ersten Mal ein Gefühl erfahren, das mich bei aller Größe nicht zum weinen gebracht oder bei aller Schönheit doch irgendwo gequält hätte. Nein, das Gefühl war nur schön, war angenehm und breitete sich in aller Ruhe aus und erfüllte mich, wie noch nie ein Gefühl zuvor.

Dezember 30, 2007

Niemandsland

Es ist jetzt halb zehn vorbei und es regnet. Eine Sorte Regen, die nicht so aussieht, als würde sie in absehbarer Zeit aufhören.

Draussen ist es grau. Die Zwischenräume zwischen den Häusern sind grau. Es wird nicht richtig hell, nicht richtig Tag.

Zwischen den Häuserzeilen, zwischen der, hinter der ich an meinem Schreibtisch sitze und der, die ich gegenüber sehen kann, fliegen gesprengte Seidenfäden aus Regen. Sie glänzen nicht. Sie sind stumpf. Sie machen keinen Lärm, und es sieht noch nicht einmal so aus, als würden sie irgendetwas mit sich führen, die Luft reinigen oder Zwischenräume erhellen.

Der Himmel ist hellgrau, bleibt hellgrau. Keine Wolke ist auszumachen und kein Ende des Regens. Die Sonne darüber ist nicht vorstellbar. Nicht das, was zu sehen ist, wenn man mit dem Flugzeug über srahlend weisse, vollkommen makellose Wolkengebirge fliegt.

Sonntag Morgen und das Jahr geht zuende und Weihnachten ist schon ewig weit weg. Christbaumschmuck wirkt wie aus der Mode gekommen und Christbäume sind Relikte. Ihre Botschaft hat keine Aktualität mehr. Sie sind vorbei. Schon seit Heiligabend. Die Familienfeste auch und das beschenkt werden auch. Die Hoffnungen auf eine besondere Zeit und auf ein friedvolles Beisammensein sind erfüllt oder auch nicht.

Draussen ist es düster und nass, und es wird immer nässer und das Glockengeläut wird verwischt. Ein Tag zwischen den Jahren. Ein Tag ohne Handlungsaufforderung, ohne Appell und ein Tag, der irgendwie zwischen den Bedeutungen versinkt. Pufferzone. Ein Tag des „noch nicht aber bald“. Es ist noch nicht soweit. Das neue Jahr ist noch nicht da. Das alte Jahr ist noch nicht vorbei.

Die Nachrufe auf das alte Jahr wurden bereits gestern abend ausgestrahlt. Die hätten wir also hinter uns. Und über die 25 Lieblingsszenen im Fernsehen wurde bereits abgestimmt. Die Wiederholungen haben stattgefunden. Die Sylvesterrakenten sind bereits eingekauft und warten auf ihren Einsatz.

Es ist wie ein Niemandsland. Die Bürgersteige sind verlassen. Nur wenige Autos sind unterwegs.

Ich kann mir gar nichts vorstellen. Nichts, wo das hinführen soll. Und das Gestrige ist schon so lange vorbei. Die Spiegelung eines Passanten in der nassen Oberfläche des Bürgersteigs ist ewig lang, erscheint in Farbe und eilt dunkelblau, heimatlos schnell dahin.

Mein Kühlschrank knackt. Es springt die Kühlung an. Die Heizung heizt heute geräuschlos und ich kann mir nicht vorstellen, wohin dieser Moment führen kann. Aus mir kommt nichts. Nichts besonderes. Keine Idee. Es ist, als müsse ich unterhalten und gefüttert werden.

Heute will ich nicht raus. Mir ist nicht danach, irgendeine Initiative zu ergreifen. Heute fange ich nichts mehr an und nichts mehr ein. Heute ist kein Blumentopf zu gewinnen. Heute ist etwas zuende und ich mag zum vergangenen Jahr – jetzt im Augenblick – gar nicht mehr viel sagen.

Das vergangene Jahr versackt im Grau dieses Augenblicks. In seiner Niemandslandartigkeit und auch in einer Stille, die nicht vollkommen ist.

Eine Stille, die so ist, wie ein Feuer, das nicht mehr brennt, das aber auch noch nicht verglüht ist. Ein Feuer, das noch glüht, aber nicht mehr wärmt. Ein Feuer bei Tageslicht, das keine Schatten mehr an die Wand malt und keine Gesichter mehr erhellt.

Der Atem dieses Tages geht unmerklich vor sich, und es regnet weiter.

November 2, 2007

Brief an das innere Kind

Liebes Kind, inneres Kind, Kind in mir, Kind, das in mir ist und das alles überlebt hat,
liebes Kind, das immer noch so klein und schutzlos und ohnmächtig empfindet,
wie es einmal auf die Welt gekommen ist.

Du bist auf die Welt gekommen und warst darauf angewiesen, dass man Dich am Leben hält: Füttert, wickelt, schützt, pflegt, wärmt, bettet, behütet, berührt, wahrnimmt und vor allem lieb hat.

Nun sitzt Du auf meinem Schoss. Du, mein kleines ich. Du, dessen Gefühle, Gedanken und Empfindungen mich immer wieder einholen. Dein Schmerz, Deine Ohnmacht, Deine Überforderung und Angst.

Oft kann ich mich nicht von Dir trennen oder getrennt wahrnehmen. Ich spüre dann nicht, dass ich nicht mehr Du bin. Du bist in mir aber ich bin nicht Du. Du bist Teil von mir, Teil meiner Erfahrung und Teil meiner Kraft, aber ich bin jetzt schon erwachsen:

Der Ohnmacht entwachsen, dem Angewiesen- und Ausgeliefertsein. Ich kann Dich ansehen, wie Du da sitzt. Ein armer Hase. Ein Hase mit krummem Rückgrad. Den Kopf eingezogen. Kraftlos. Ängstlich.

Ja, gestern ist mir das Lied eingefallen: Häschen in der Grube, saß und schlief, armes Häschen bist Du krank, dass Du nicht mehr hüpfen kannst…. Ja, das Lied ist mir eingefallen. Als ich Du war, klein war, da mochte ich dieses Lied. Ich hatte Gefühl dafür. Es erfüllte mich mit einer gewissen Traurigkeit oder ich fand meine Traurigkeit dort wieder. So wie auch in dem Maikäferlied.

So erinnere ich mich an Dich, wie an einen kleinen, mutlosen, eingeschüchterten Hasen. An ein vollkommen unerhörtes Kind, ein Kind, dass seine Traurigkeit nur in einer harten Schale aus Trotz, Motz und Widerstand zeigte. Ein Kind, dass immer nur in seiner rauhen Schale erkannt worden ist, die man zu brechen suchte.

Du bist nie als ein verletzliches Kind wahrgenommen worden, nie zart und nie fragil. Man hat Dich als zu dick, zu laut, zu temperamentvoll wahrgenommmen. Deine Zartheit und Deine Schutzbedürftigkeit wurden nie gesehen. Du bist immer wie jemand behandelt worden, der nichts und niemanden braucht. Keinen Schutz, keine besondere Beachtung und Du hast Dir eine Schale zugelegt und hast es akzeptiert, dass Du nichts brauchst. Irgendwann warst Du auch zu stolz, um noch irgendetwas zu brauchen und es mehrte Deinen Stolz, zu spüren, dass Du nichts mehr brauchtest und alles allein konntest.

Und was Du nicht konntest, dass hast Du niemandem gesagt und gezeigt. Nicht die wichtigen Dinge jedenfalls. Du hast es niemandem eingestanden. Dir selbst auch nicht. Du hast lieber Schuld empfunden und für Dich behalten. Du hattest ein schlechtes Gewissen, für Deine Ängste und vor allem für die dunklen Gefühle, die Dich „vom arbeiten“ abgehalten haben.

Anstatt Hausaufgaben zu machen oder Flöte zu spielen hast Du oft auf dem Bett gelegen und gar nichts gemacht. Wolltest Dich einfach nur aus allem rausstehlen, schlafen oder einfach nur weg. Aber dabei wolltest Du Dich vor allem nicht „erwischen“ lassen.

Du selbst hattest schon alle Härte und Unbarmherzigkeit verinnerlicht. Du hast kein Verständnis gelernt. Du hast kein offenes Herz gelernt. Du hast keine Lebendigkeit gelernt.

Du hast nur Schwarz-Weiss gelernt. Alles oder nichts. Gewinner oder Verlierer. Du hast keine Nuancen gelernt und auch kein „Krisenmanagement“. Blödes Wort, ich weiss. Aber da gab es nichts, wo man hätte Schwierigkeiten besprechen können. Rundherum gab es nur die Angst und die Ohnmacht gegenüber von Schwierigkeiten. Also durfte es sie nicht geben. Es gab keine Schwierigkeiten.

Du hattest zu funktionieren. Ein Herz gab es da nicht.

Du wurdest immer zurückgesetzt, nach hinten gesetzt, ausgebremst und Du hast Dich isoliert gefühlt, bist isoliert worden und jeder war in dem Gefühl, das dieses zu Recht geschehen würde.

Du hattest es nicht anders verdient.

Viele Situationen hast Du als „brutal“ empfunden und Du hattest keinerlei Rückhalt. Du hast das starke Kind gespielt, das trotzende Kind, das allem trotzte.

Und jetzt liegst Du in meinem Schoss und es schmerzt. Du liegst da, als armer Hase, der nicht mehr hüpfen kann. Als „armer Hase“, der sich nicht mehr traut, nicht mehr raus traut, der immer nur noch unter die Bettdecke kriechen will, der nie mehr alleine sein will, der immerzu Schutz möchte, der wahrgenommen werden möchte, in seiner Schwäche.
Ein kleiner, schwacher Hase, der nicht mehr hoppeln will und sich nicht mehren will. Ein kleiner, krummer Hase, süß anzusehen, der nurmehr noch gestreichelt und beschützt werden will. Der bloss nicht mehr ausrücken mag, sich nichts mehr traut und nicht mehr weiterkommt.

So sitzt Du da und ich mit Dir und ich sehe mir das an. Ich fühle wie Du. Ich habe Deine Angst und Deine Mutlosigkeit und zugleich kann ich es ansehen. Ich bin nicht Du, aber ich sehe Dich.

Morgens wachst Du mit der Angst vor dem Tag auf. Es ist, als wäre das, was da auf dich zukommt, ein „Unding“, ein Ungeheuer, etwas Unheimliches, etwas, dem Du Dich nicht gewachsen fühlst, etwas, dass Du Dir als erwachsener Mensch „eingebrockt“ hast und dem Du als „Kind“ natürlich nicht gewachsen bist.

Mein Kind, Du holst mich ein und mich zu Dir zurück, immer wieder. Du sagst mir deutlich, ohne Dich zu erhören und zu beachten und anzunehmen, komme ich nicht weiter. Immer wieder bin ich Du und empfinde wie Du. Empfinde einen namenlosen Schmerz und ich weine. Weine Deine Kindertränen, fühle Deinen Kinderschmerz und weiss, Du bist „meine Sache“ und Du stellst Dich vor alles andere und ohne Dich geht gar nichts mehr.

Und Du bist in einem Zustand, in dem Du nicht mehr spielst und nicht mehr hoppelst und einfach gar nichts mehr. Aber Du lebst irgendwie und Du lebst nun Deine Schutzbedürftigkeit und Deine Verletztheit.

Du hast Dich immer unverstanden gefühlt und nun bin ich es, die Dich am liebsten übergehen oder ignorieren würde, oder die von sich verlangt, trotzdem „gross und stark“ zu sein, wo es Dir doch schlecht geht und wo Du noch nicht zu Deinem Recht gekommen bist und zu Deinen Gefühlen und dazu, mir zu zeigen, was Du nun eigentlich brauchst.

Und wenn ich Dich frage, was Du brauchst, dann ist es Beachtung und Anerkennung und nicht mein Aufbäumen und Sträuben und auch nicht diese Gewaltakte, in denen ich versuche, ohne Dich stark zu sein.

Aber vielleicht spürst Du mit oder in diesem Brief, dass ich mich Deiner annehmen möchte. Nein, nicht arrogant, nicht von oben herab, nein, eher, wie Dein grosses ich, das nun auf Dich aufpasst und das ohne Dich, nicht wirklich leben kann.

Ohne Dich ist da keine Lebensfreude und kein Impuls. Wenn Du nicht hoppeln magst – ich kann es auch nicht. Wenn Du keine Idee hast – ich habe sie auch nicht. Wenn Du keine Lebenslust hast – ich empfinde sie auch nicht.

Ich verspreche Dir, ich werde Dich ansehen und ich werde Deine Gefühle fühlen, ich werde Dich erhören, so gut ich kann und ich bitte Dich: teile Dich mir mit, so gut Du kannst! Ohne Dich möchte ich nicht leben.

Oktober 16, 2007

Gottesdienst mit Bombe

… na, das ist vielleicht eine Schlagzeile… und wie Schlagzeilen eben so sind, erschlagen und unterdrücken sie immer einen Teil der Wirklichkeit zu Gunsten eben jener stark verkürzten Aussage, die sich blitzschnell und unbewusst mit Assoziationen aus der Fantasie bzw. Gedanken aus dem Kopf des Lesers aufladen.

Es bilden sich dann Gedankenfelder, die zum unwiderstehlichen Antrieb werden. Schlagzeilen sind so schlagkräftig, dass sie auch wieder entschärft werden müssen, wenn der Leser von den ausgelösten Gedankenfeldern befreit werden will.

Entschärfung findet statt, in dem die mit der verkürzten Aussage verbundene Nachricht gelesen wird. Was sich wie ein unkontrollierbarer Buschbrand in den Gedanken des Schlagzeilenlesers ausgebreitet hatte, wird nun konkret in Zeit, Ort und mit beteiligten Personen und damit im “Nicht-Ich” des Lesers verortet und gebannt.

Ich war es nicht. Ich bin nicht betroffen. Es hat woanders stattgefunden. Ich bin in Sicherheit. Mir ist nichts passiert. Es hat die anderen getroffen. Ich bin nicht schuld und nicht beteiligt. Es ist vorbei. Es ist nocheinmal gut gegangen.

Schlagzeilen sind Aussagen, die blitzschnell zuschlagen, indem sie den noch unbewussten Antrieb des Lesers, ein ihm unbewusstes Potential nutzen, wie z.B. seine Neugierde und eine unbewusst antrainierte Katastrophennachrichtensucht, die stets nach Befriedigung sucht.

Sagen wir, eine gelungene Schlagzeile hat genug Sprengkraft, den Leser ganz und gar in ihren Bann zu ziehen und in den Bann eben jener Nachricht, die sie im Schlepptau hinter sich herzieht.

Und welche Nachricht zieht nun diese arg verkürzte und von daher unrichtige Schlagzeile hinter sich her? Lesen sie hier.

Oktober 14, 2007

Gut gekocht!

Ich habe gestern für einen Freund gekocht. Ich wusste, es ist einer, der Wert auf gutes Essen legt. So habe ich Wert auf ein gutes Gelingen gelegt.

Hätte ich sowieso, jedem gegenüber. Wenn noch jemand ausser mir isst, was ich koche, dann muss es erst recht schmecken. Der Essensgast erfährt doch dann, was mit mir los ist oder nicht los ist. Der erfährt doch dann, was ich esse.

Wenn noch jemand dabei ist, dann wird es erst recht sichtbar, offenbar, offen und bar, und auch noch zu schmecken, was ich mir und anderen biete, gebe.

Das Rezept hatte ich von einer Freundin bekommen. Sie sagte: Sehr einfach, schmeckt genial. Sie riss die Seite mit dem Rezept extra aus der Zeitschrift raus und schob sie durch ihren Drucker zum kopieren, damit ich das Rezept gleich mitnehmen konnte.

Ich habe es mitgenommen und mir vorgenommen, dieses Rezept auch auszuprobieren:

Fenchel-Rösti: 800 Gramm kleine, mehlige Kartoffeln und 100 Gramm Fenchel grob reiben oder in feine Scheiben schneiden, vermischen, mit frischen Thymianblättchen, Muskat, Salz und Pfeffer würzen und abschliessend in einem 2EL-Butter- und 1 EL Ölgemisch - bei nicht ganz geschlossenem Deckel - garen und braten.

(Wer eine Teflonpfanne hat: das Fenchel-Rösti-Gemisch nur einmal als Ganzes wenden, dann gibt es oben und unten eine tolle Kruste. Wer keine Teflonpfanne hat: es schmeckt auch ohne durchgehende Kruste!)

Als Dip dazu: 1/2 Gurke (Kerne rauslöffeln, grob reiben und in einem Küchentuch gut ausdrücken), 200 Gramm Sauerrahm, 2-3 Esslöffel geriebenen, frischen Meerrettich hinzugeben und mit Salz und Pfeffer abschmecken.

Und damit es nicht fleischlos wird: ein paar Scheibchen Südtiroler Speck o.ä. dazu. Last not least: Gewürztraminer aus Tramin… ist der Wein, der laut Rezept dazu empfohlen wird.

Und dann habe ich mir noch so Kleinigkeiten einfallen lassen, um den Gast zu amusieren, bis das Essen endlich fertig war: Blaue Schlümpfe, weisse Speckmäuse, Schokoladenhupferl und Walnüsse fürs Gehirn, damit es bleibt, wo es ist… und das bei Kerzenlicht und kredenzt auf einer blauen Tischdecke.

Beim Einkaufen habe ich gemerkt, wie unsicher ich mit meinem Kochvorhaben war. All diejenigen sind mir eingefallen, die sich mit Selbstverständlichkeit beim Einkauf zurechtfinden. Die wissen, wo sie den besten Speck bekommen, den besten Wein, die wissen, dass man Weisswein kühl, Rotwein aber in Zimmertemperatur zu servieren ist.

So ging ich wegen 800 Gramm mehliger, kleiner Kartoffeln auf dem Viktualienmarkt herum und sah mir all die Kartoffeln an, die es so gab. Die Sieglindes aus Erding, die festkochenden aus Italien, die dunkelblau fast schwarzen Trüffelkartoffen, Topinambur, Nicola, La Ratte und die Bamberger Hörnchen und dergleichen mehr… fing an, mich für frische Schälnüsse zu interessieren, stellte Preisvergleiche an, liess mich vom Geruch der Oliven einholen, begann Erdbeerbaumhonig im Honighäusl zu suchen und war etwas ernüchtert, weil es im Honighäusl keinen gab. Ich dachte, wenn jemand den hat, dann die… nein, haben sie nicht. Das war meine letzte Hoffnung auf Erdbeerbaumhonig aus einem Geschäft. Der ist wahnsinnig bitter und sobald man ihn zum ersten Mal gekostet hat, möchte man ihn noch einmal kosten. Es gibt nichts Vergleichbares. Ich kenne jedenfalls nichts. Besser als Kaviar und Austern, finde ich. Kein guter Vergleich, ich weiss… Aber hier geht es um Köstlichkeiten.

Und plötzlich erinnerte ich mich an den Geschmack von Bündner Fleisch, das ich vor vielen Jahren mal bei einer Freundin gegessen hatte. Ich sah das Fleisch vor meinen inneren Augen: Ganz dunkelrot, wie getrocknetes Blut und hauchdünn aufgeschnitten, so dass Licht hindurchfällt, ganz, ganz feine weisse Adernetze darin und fast kein Fett…

Der Geschmack von Bündnder Fleisch im Mund, der verdichtet sich, wenn man auf ihm herumkaut. Das Fleisch ist zäh, stur, ein bisschen ledrig, zugleich auch zart, ganz würzig, eine tiefe Würze, auch etwas blutig, von trockenem Blut, warmer Geschmack und etwas säuerlich und es zupft an den Seiten der Zunge und in den Seiten der Backen, während einem immer wieder das Wasser im Munde zusammenläuft.

Ich hatte da so eine Geschmacksvorstellung und plötzlich auch Lust, diese wiederzufinden. Also begann ich nach Bündner Fleisch zu suchen und ging von einer kleinen Metzgerei am Markt zur nächsten. Ohne Erfolg. Die hatten alle kein Bündner Fleisch. Eine Metzgerin flüsterte mir schliesslich zu: “Gehn’s zum Kaufhof - die ham ois…”

Da habe ich dann 50 Gramm Bündner Fleisch erstanden und den rechten Wein gefunden.

Ich war ja vollständig von der Beratung der Verkäufer abhängig. Was weiss denn ich, was in so einer Flasche drinsteckt? Ich wusste nur, ich möchte, dass es meinem Gast schmeckt. Das war die Freude, die ich mir bereiten wollte… und natürlich auch, dass es mir schmeckt.

Und mir war klar, da kann ich nichts dem Zufall überlassen, da war nichts mehr mit Lockerheit und Tengelmann… nein, da wollte ich von der Fachgemüseverkäuferin wissen, wie es denn nun wirklich um die mehligen Kartoffeln bestellt ist… Welche die Beste ist, die sie empfehlen kann.

Die Verkäuferin meines Vertrauens musste ich ja auch erst noch finden. Also habe ich auf allen Standeln rumgesehen: Wo stehen viele Leute, wo wenige. Die wo ich angeredet werde, wenn ich es auch nur wage, auf die Waren einen Blick zu werfen, da bin ich gleich abgehauen. Das war mir zuviel. Ich wollte nichts angedreht bekommen, sondern ich wollte beraten werden, bei einer Verkäuferin meiner Wahl: “Wissen Sie, ich koch’ nämlich heute nach Rezept… das bin ich gar nicht gewohnt. Aber heute, da mach’ ich das, und das muss klappen!”

Auf dem Wiener Naschmarkt ist das ja so üblich, dass die Verkäufer von links und rechts die in der Gasse dazwischen befindlichen Leute anreden, ihnen förmlich die Kostproben in den Mund schieben… Das hat mir nicht so gefallen. Ich habe nicht gewagt, noch irgendetwas anzusehen.

Gestern habe ich es hinbekommen, die passende Verkäuferin am passenden Stand zu finden, mit einer genügend grossen Auswahl an Kartoffeln, mit einem schönen Fenchel, mit Gurken und einer Meerrettichwurzel. Die Verkäuferin hat mir die Wurzel extra auf die richtige Länge gekürzt - für meine 2-3 Esslöffel. Das war toll, als ich alles in der Tüte hatte und vor allem das Gefühl, die bestmöglichen Zutaten erstanden zu haben.

Ich bin nach hause und habe angefangen in aller Ruhe, alles so zu machen, wie es in dem Rezept gestanden ist. Und es ist wunderbar gelungen, hat bestens geschmeckt und meinem Gast ist es sehr gut gegangen. So hatte ich es mir gewünscht.

Oktober 13, 2007

Grauer Morgen

Heute ist es richtig Herbst. Stummheit fällt mit ebenso hellem, wie düsterem Grau zwischen die Häuser ein. Raureif ist heute keiner. Nebel auch nicht. Der Himmel sorgt für jenes Grau, das es nicht richtig Tag werden lässt.

Was für ein Grau? Ein befremdendes, entfremdendes Grau. Ein dämmendens, dämpfendes Grau. Ein Grau von dichter Konsistenz. Ein Vorbote von Schnee oder von etwas, das die Erde bedecken wird. Eine graue Decke unter der sich alles verlangsamt bewegt.

Die Menschen scheinen wirklicher. Weniger getrieben. Manche senken den Kopf. Ducken sich. Wollen drunter wegkommen oder denken sich etwas darüber hinaus. Leben über dem Strich oder darunter. Manche sind geradeaus und bewegen sich unbeirrt.

Ja, es ist richtig herbstlich geworden, sagt ein Mädchen zu seiner Freundin. In nur einer Woche! Sie trägt eine geringelte Mütze. Die andere nickt. Es wird grün; die beiden haben es eilig über die Strasse zu kommen, nachdem es grün geworden ist.

Die älteren Damen mit den grossen Taschen sind unterwegs zum einkaufen. Sie sind unterwegs mit ihren Einkaufstaschen. Die Taschen tragen sie in ihren schrundigen Händen, die von hellblauen oder hellgrünen oder hellbeigen Popelinjacken oder Mänteln halb bedeckt werden.

Manche tragen zwei goldene Ringe übereinander, andere tragen nur einen, mit einem kleinen, blinkenden Stein. Sie haben es am Samstag etwas eiliger und wichtiger, weil doch morgen Sonntag ist. So sind sie es gewohnt, am Tag vor dem Tag des Herrn.

Ihre Taschen blicken mit der Öffnung wie dunkle, hungrige Mäuler nach oben. Manche dieser Frauen haben einen kleinen Hund dabei. Manchmal gehen sie schwerfällig, das Gewicht von links nach rechts und wieder zurück verlagernd, an der Leine hinter ihm her oder er trottet lustlos hinter ihr her.

Es geht auf Allerheiligen zu und vor dem Supermarkt sind schon Gestecke zu finden. Heute ist jenes Grau am Himmel und in der Luft, in dem die roten 24 Stundenbrenner besonders leuchten. Ja, es ist Friedhofsatmosphäre in der Luft.

Auch und gerade dann, wenn sich von Zeit zu Zeit und völlig unberechenbar, ein Blatt vom Baum löst. Ein Blatt, das erst dann auffällt, wenn es sich geschwind kreiselnd, von kleinen Lüften bewegt und aus der kürzesten Bahn abgelenkt, zurück, auf den Weg zur Erde macht.

Alles klingt matt und es ist wenig, das klingt. Es klingt, als würde alles vom Himmel zurückgenommen und aufgesogen. Es ist nicht jenes Grau, aus dem die Farben herausknallen. Es ist eines, das die Farben schluckt. Die Geräusche auch.

Im Park ist es ruhig. Die Arme der Bäume strecken oder winden sich schwarz unter dem lichter werdenden, gelb gefärbten Laubdach. Der Boden ist auch ruhig. Das Gras ist noch kurz von der letzten Mahd. Die Schnittkanten stumpf und entlang des Saums vergilbt. Heute sind keine Laubbläser unterwegs. So ist es ruhig.

Jogger sind unterwegs. Unverdrossen werden Gesundheitsprogramme und Tagesprogramme mit Joggen gestartet. Es wird gejoggt. Die Hunde sind natürlich auch unterwegs. Nicht ganz so spielfreudig wie sonst. Eher vereinzelt. Aus der Wurzel einer Buche blickt ein unbewegtes, vernarbtes Gesicht.

Ich weile nur kurz. Ich gehe weiter. Es gibt keinen Ort. Nicht da draussen und nicht woanders. Ich bewege mich nicht langsam, nicht schnell. Es gibt kein Davonkommen. Es spielt keine Rolle, ob ich dort bin oder anderswo. Es gibt kein Davonkommen.

Eine Lösung sehe ich nicht. Ich denke daran, weiter zu machen und mich nicht zu beklagen. Nicht zum Himmel zu schreien oder sonst was. Ich denke daran, mir ein Frühstück zu machen.

Ich denke zu viel. Definitiv. Ich habe mir vom Zustand, von meiner Angst alles erzählen lassen. Sie erzählt immer das gleiche und verschlingt mich dabei ganz und gar. Verstellt mir den Blick auf die, die ich bin.

Oktober 9, 2007

Heute neu auf Kunstaktuell:

Auf “Kunstaktuell” ist ein lesenswerter Artikel über die Ausstellung “Transcendence Supermarket” der Künstlerin Annekathrin Norrmann publiziert worden.

Oktober 9, 2007

Angst

Fast jeden Morgen wache ich auf. Mit Angst. Angst im Bauch und Angst darüberhinaus. Im Körper und dann natürlich Angst in den Gedanken. Ein Bild, mein Bild der Welt, wenn ich Angst habe. Angstbilder im Angstkörper.

Angst im Körper fühlt sich an, als würde Energie in Fäusten festgehalten. Im Unterleib, im Darm, im Brustbein, im Herzen, in der Kehle und in der Stirn. Alles zieht, krampft sich zusammen und stockt. Und manchmal macht sich eine kleine Natter los und schlängelt sich von unten nach oben, da bewegt sich die Angst von unten nach oben und schnürt mir dann den Kehlkopf ein.

Die Gedanken dazu sind wie ein Lied, das immer wiederkehrt: Angst vor dem Versagen, Angst vor dem Alleinsein, Angst vor dem Verlieren, dem Absturz, der Armut, der Erpressbarkeit, dem Manipuliert werden, jemandem in die Fuchtel geraten und der darf dann machen, was er will, weil ich mich nicht mehr wehren kann.

Angst davor, dass mir nichts zu meiner Rettung einfällt, nichts zu meinem Glück und nichts zu meiner Freude. Angst, dass ich unfähig bin, mich zu freuen und unfähig bin zu leben, glücklich zu leben. Ohne dieses Würgen im Hals, im Bauch, ohne diese Angst.

Es ist eine Namenlose Angst, die viele Namen annehmen kann, die sich im Körper festhält, wie ein ertrinkendes Kind, wie eine erbarmungswürdige Macht, die sich in jede Faser hineinkrallt, aus lauter Angst, vertrieben zu werden.

So fange ich wieder an, mit ihr zu reden. Lass ab von Deiner Angst. Ich jage Dich nicht davon. Bleib hier und sag mir, was Du willst.

So einfach geht es nicht. Die Angst ist eine Sprache im Körper, die die Gedanken, die die Sicht auf die Welt färbt. Mein Blick nach draussen ist wie der Blick auf eine Bühne. Morgens ist es der Blick auf den Teppich, der mein Bett umgibt, auf die Regalwand, die ich nur aus lauter Gewohnheit sehe, wie sie sich über mir auftürmt, der Blick an die Decke, an die Wand gegenüber, den Schreibtisch und dann aus dem Fenster.

Eine festgefügte starre Welt, die jeden Morgen wiederkehrt. Eine enge Welt. Zusammengesetzt aus rechten Winkeln, die recht haben. Die alles im Zaum halten, die es fest gefügt halten. Die nicht umzustossen und zu irritieren sind. Ich bin zu irritieren, aber nicht die rechten Winkel.

Mit der Angst im Bauch stehe ich jeden morgen auf. Ich zwinge mich mit der Angst hoch. Schliesslich will ich mich nicht so anstellen. Schliesslich bilde ich mir das alles ein. Schliesslich soll ich mich nicht so haben. Die Angst haben doch alle und alle stehen auf und füttern ihre Kinder, kümmern sich um das, was notwendig ist.

Da will ich nicht zurückstehen und all das Notwendige tun. Ich will mir doch nichts vorwerfen lassen. Nicht, dass ich mich hätte hängen lassen. Nicht, dass ich mich hätte gehen lassen. Nicht, dass ich zu schwach gewesen wäre, meine Angst zu überwinden. Oder zu übertölpeln. Oder sie zu überspielen. Oder sie zu füttern, in dem ich alles tu, was sie mir nahe legt: Steh’ auf, sonst giltst Du als faul. Fang an zu arbeiten, sonst wirst Du alles verlieren. Sei’ gut gelaunt, sonst hält Dich keiner aus. Mach weiter, sonst, hört es auf.

Mit der Angst im Körper, wie mit sieben, geballten Fäusten. Auf die Angst reagieren. Lass ich die Angst regieren, in dem ich mich gegen sie stemme und an ihr vorbei stemme und jeden Tag stemme um zu beweisen, dass ich stärker bin, als meine Angst und in der Hoffnung, dass dann mal einer auf meine Schulter klopft. Brav, du hast gesiegt.

Was für ein Sieg. Siege die kein Ziel anpeilen, sondern den Gesichtern der Angst davonrennen. Den Gesichtern, mit denen sie mich jagt. Vom Erwachen, bis zum Tagesende. Im Erwachen ist sie noch blank, da hat sie meine Handlungen noch nicht in der Hand, nur meinen Körper.

Die Angst, die haben wir doch alle. Also sei fröhlich und geniesse. Das Wetter ist schön. Du hast doch keinen Grund. Das ist doch alles in Deinem Kopf.

Nein, es ist auch und vor allem im Körper. Es staut und stockt und schnürt und klemmt. Wie ein Kind, wie ein Kind, wie ein Kind, das sich festklammert. Das hilflos ist.

Ich sehe immer die krallenden Fingerchen, die blau angelaufenen Nägel. Ich sehe die gesamte Lebenskraft, die sich in den gekrallten Fingerchen hält. Ich sehe sie wie einen Kinderkörper, der am Abgrund hängt. Der sich festkrallt, um nicht abzustürzen. Von unten blicke ich hinauf und sehe den Körper an einem Vorsprung hängen, sehe den offenen Himmel, vor dem der kleine Körper hängt.

Und dann sitze ich wieder hier. Mit dem unveränderten Gefühl im Bauch. Im Körper. Und ich würde alles so gerne abschaffen, damit das ein Ende hat, mit der Angst. Ich bild mir ein, dann könnte das Leben beginnen, nach dem ich mich schon so lange sehne.